Wohlleben-Verteidiger im NSU-Prozess Das rechte Plädoyer

Im NSU-Prozess fordern die Wohlleben-Anwälte Freispruch für den ehemaligen NPD-Politiker. Dafür bemühen sie einen Hermann-Göring-Vergleich, zitieren Joseph Goebbels und Adolf Hitler.

Anwälte Olaf Klemke (l.) und Wolfram Nahrath beim NSU-Prozess (Archivfoto)
imago/ Sebastian Widmann

Anwälte Olaf Klemke (l.) und Wolfram Nahrath beim NSU-Prozess (Archivfoto)

Von , München


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Kurz vor der Mittagspause hat sich Olaf Klemke in Rage geredet. Der Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben ist auf dem Höhepunkt seines Plädoyers, jeder wichtige Gegenspieler bekommt jetzt noch einen mit. Klemke beschimpft zuerst Jacob Hösl, den Verteidiger des mitangeklagten Carsten S., Kronzeuge der Anklage. Hösl sei "weichgeklopft und gehirngewaschen", vermutlich beeinflusst durch die "Dauerpropaganda der linksgrün-durchsetzten Presse".

Danach knöpft Klemke sich Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten vor. Dieser nehme frei nach dem Nationalsozialisten Hermann Göring ("Wer Jude ist, bestimme ich") für sich in Anspruch: "Wer Nazi ist, bestimme ich."

Klemkes letzte Worte gelten dem 6. Strafsenat des Münchner Oberlandesgerichts: Sein Mandant Ralf Wohlleben sei freizusprechen und nach sechs Jahren und fünf Monaten aus der Untersuchungshaft zu entlassen. "Doch Sie werden jeden Zweifel an Herrn Wohllebens Schuld beiseite schieben", ruft Klemke zur Richterbank. Das sei bequem, es herrsche ein "unbedingter Wille zur Verurteilung". Klemke holt tief Luft. "Herr Wohlleben wird mit Ihrem Urteil leben müssen. Aber Sie auch." Kunstpause. "Ich hoffe, Sie können das nicht."

Bei "Heldengedenkfeiern" und Rudolf-Heß-Gedenkmärschen am Mikrofon

Um 12.31 Uhr übernimmt Wolfram Nahrath, nach Nicole Schneiders und Klemke Wohllebens dritter Pflichtverteidiger. Es dürfte nur wenige berüchtigte Holocaustleugner in Deutschland geben, die Nahrath nicht vor Gericht vertreten hat. Der Strafverteidiger aus Brandenburg, gebürtiger Nordrhein-Westfale, gilt als Szeneanwalt.

Der Rechtsextremist ist es seit Jahrzehnten gewohnt, auch außerhalb des Gerichtssaals am Mikrofon zu stehen. Bei den "Heldengedenkfeiern" in Hameln, dem "Antikriegstag" in Dortmund oder Rudolf-Heß-Gedenkmärschen. Eine Leidenschaft, die ihn mit seinem Mandanten eint: Ralf Wohlleben hat in Thüringen Reden geschwungen, Kundgebungen und Aufmärsche veranstaltet, er war dort einer der führenden Neonazis und stellvertretender Vorsitzender der NPD.

Im NSU-Prozess ist Wohlleben wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagt. Er soll die Beschaffung der Ceská Zbrojovka 83 samt Schalldämpfer organisiert haben, mit der die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Einwanderer töteten. Wohlleben bestreitet das.

Wohlleben? Kein Rassist, kein Ausländerfeind, behauptet Anwalt Nahrath

Nahrath zögert an diesem 427. Verhandlungstag nicht lange, er ist schnell bei "der Terrorgruppe namens NSU, die über zehn Jahre vor allem wegen institutionellen Rassismus" unerkannt geblieben und, angetrieben von einer "menschenverachtenden und per se verbrecherischen Ideologie, mordend durch die Republik" gezogen sei. Von dieser soll Wohlleben das "Mastermind", der "Ersatz-Uwe", das personifizierte "Killer-Surrogat" gewesen sein? Keineswegs. Wohlleben sei kein Rassist, kein Ausländerfeind, vielmehr erscheine er "als Völkerfreund, der ein Europa der Vaterländer und eine Welt der Völker präferiert".

Ralf Wohlleben (Archivfoto)
picture alliance / dpa

Ralf Wohlleben (Archivfoto)

Nahrath genießt die Aufmerksamkeit, die Empörung seines Publikums. Auch er ist Mitglied der NPD. Seine rechte Gesinnung hat Familientradition: Großvater Raoul, Vater Wolfgang, Mutter Gisela, Bruder Ulf - sie alle gehörten rechtsextremistischen Organisationen an.

In Nahraths Schlussvortrag geht es am wenigsten um seinen Mandanten Wohlleben, vielmehr nutzt er ihn zu einem unerträglichen "Streifzug durch historische Faktizitäten": Nahrath verliert sich in Ausführungen über Völker- und Massenmorde in der Geschichte, auch Anders Breivik findet dabei Erwähnung.

Quälendes Plädoyer für die Zuhörer

Völkermordverbrechen seien "keineswegs ein singuläres Privileg der Deutschen oder der Nationalsozialisten", sagt Nahrath. "Wird aber jeder Marxist, Kommunist, Christ, Moslem, Zionist oder eben jeder Nationalsozialist allein aufgrund seiner Ideologie, Weltanschauung oder seines Glaubens zu Mord und Totschlag getrieben? Ist er wegen seiner Überzeugung ein potentieller Massenmörder oder ist die jeweilige Weltanschauung per se mörderisch? Natürlich nicht."

Nahrath quält die Zuhörer mit einem Exkurs zum historischen Nationalsozialismus, den er mit Zitaten von Adolf Hitler und Joseph Goebbels ausführt. Sie seien "ein starkes Indiz" dafür, dass sich weder Uwe Böhnhardt noch Uwe Mundlos, schon gar nicht die Hauptangeklagte Beate Zschäpe mit dem historischen Nationalsozialismus überhaupt je befasst hätten. "Ich wage deshalb die Wertung, dass der sogenannte NSU gewiss U war - aber nicht NS", ruft Nahrath. Also ein Untergrund, aber kein Nationalsozialistischer.

Die Taten des NSU sprächen weder für Ideologie noch für Idealismus. Rauben und Morden klinge eher "nach dem Schema der RAF". Was nicht verwundern würde, weil Böhnhardt und Mundlos "weder im NS noch im sogenannten rechten Lager eine Blaupause hatten: Es gab keine rechten Terrorgruppen, an denen man sich hätte orientieren oder tradieren können".

Der objektive Tatbestand einer Beihilfe zum neunfachen Mord sei nach dieser Hauptverhandlung nicht bewiesen, sagt Nahrath. "Selbst wenn man dies objektiv als erwiesen ansehen will, fehlte es am Vorsatz in der Form des doppelten Gehilfenvorsatzes bei unserem Mandanten." Wohlleben habe dem Trio solche Verbrechen nicht zugetraut - weder vor dessen Abtauchen noch danach.

Seine Verteidigerkollegen, Schneiders und Klemke, hatten ihre Schlussvorträge mit dem Hinweis begonnen, sie hätten "lange überlegt", ob sie überhaupt plädieren sollten - da das Urteil "längst geschrieben" sei. Nahrath verkneift sich solch eine Bemerkung. Er scheint keine Sekunde gezögert zu haben, diesen Auftritt für seine Propaganda genüsslich auszuschöpfen.


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess haben die Anwälte des Angeklagten Ralf Wohlleben ihre Plädoyers beendet. Nicole Schneiders, Olaf Klemke und Wolfram Nahrath - alle drei als rechte Szeneanwälte bekannt - fordern einen Freispruch für ihren Mandanten. Dem Gericht warfen sie vor, der Schuldspruch gegen Wohlleben stehe schon lange fest. Die Worte der Verteidiger lösten bei vielen Prozessbeobachtern und anderen Prozessbeteiligten Empörung aus.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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