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NSU-Prozess: Die Totalverweigerung des Zeugen Bernd T.

Von , München

Tatort in Kassel: Hier wurde Halit Yozgat im April 2006 erschossen Zur Großansicht
DPA

Tatort in Kassel: Hier wurde Halit Yozgat im April 2006 erschossen

Dreiste Auftritte von Rechtsextremen gab es im NSU-Prozess schon einige. Der Zeuge Bernd T. aber legte einen besonders empörenden hin, nicht nur optisch.

Im Dezember 2011 schrieb Bernd T. dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz einen Brief: Er könne Angaben über die rechte Szene in Kassel machen. Er wisse auch einiges über Aufenthalte Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos' dort im Zusammenhang mit dem Mord an Halit Yozgat. Der 21-Jährige war am 6. April 2006 erschossen worden, der mutmaßlich neunte Mord des NSU.

Bernd T. verlangte für seine Informationen Hafterleichterungen wie mehr Ausgang, Urlaub und eine möglichst baldige Entlassung. Denn er saß gerade wieder einmal ein.

Daraufhin suchten ihn Beamte des Landes- und des Bundeskriminalamts samt Staatsanwalt in der Justizvollzugsanstalt Hünfeld auf. T. gab Details zu Protokoll, die sich möglicherweise partiell mit Aufschneiderei erklären lassen, aber auch nicht komplett erlogen erscheinen. Die Angaben bestätigte er mit seiner Unterschrift - "vor dem Gespräch", sagt er. Wie bitte?

Die Verschwörungstheorie von Bernd T.

Und jetzt soll er im NSU-Prozess dazu aussagen. Wie steht er nun da? Als Verräter? Da spricht er lieber von einem "Spaß", den er sich habe machen wollen "aus Langeweile im Knast". Den Beamten will er jedenfalls in dem Gespräch, um das er selbst gebeten hatte, nichts gesagt haben.

Wie passt das zusammen? T.s Schreiben, seine Aussagen - und jetzt die Totalverweigerung? Die völlige Erinnerungslosigkeit? Einen anderen Ausweg, als zu sagen, die Beamten hätten ihm Aussagen in den Mund gelegt, findet er nicht. Aber auch das schränkt er sogleich ein: "Man versuchte, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich bestätigen sollte. Hab ich aber nicht." Seine Worte klingen trotzig.

T. will offenbar glauben machen, Beamte des Landes- und des Bundeskriminalamts hätten sich mit einem Staatsanwalt zusammengesetzt, um eine Geschichte zum Fall Halit Yozgat zu spinnen und diese sodann ihm unterzuschieben. Meint T., irgendjemand nehme ihm dies ab?

"Ich kann mich nicht erinnern, so etwas gesagt zu haben"

Sein Auftritt - in Springerstiefeln und Bomberjacke, welch eine Provokation für die anwesenden Hinterbliebenen! - beginnt so, wie es zahlreiche andere Zeugen aus dem rechten Sumpf schon vorgemacht haben. Der Vorsitzende lässt sich davon längst nicht mehr provozieren. "Mir geht es um Ihre Erkenntnisse und Kontakte zu Mundlos und Böhnhardt", leitet er die Vernehmung ein. "Dazu kann ich leider keine Angaben machen", bellt T. zurück. "Warum nicht?" Er habe gehört, gegen ihn werde ermittelt. "Nicht, dass ich wüsste", entgegnet der Vorsitzende. "Dann kann ich mich eben an nichts erinnern. Ich will keine Angaben machen."

Der Vorsitzende hält jedes einzelne Detail vor. Denn vor den Ermittlern hatte T. unter anderem gesagt, er wisse, dass Böhnhardt und Mundlos mit dem ICE nach Kassel-Wilhelmshöhe gereist seien, er habe sie selbst dort abgeholt. Die beiden hätten über Kontakte in Kassel verfügt, die er namentlich benennen könne. Auch zur Tatzeit seien Böhnhardt und Mundlos in Kassel gewesen. Er wisse, wer sie eingeladen habe, bei wem sie untergekommen seien und was von wem in der Szene nach der Tat gesprochen worden sei. "Ich kann mich nicht erinnern, so etwas gesagt zu haben", behauptet T.

Von dem Mord an Halit Yozgat will T. erst aus der Zeitung erfahren haben. Er, der sich selbst als Kasseler Vereinspräsident von "Combat 18" darstellt, jener "Kampftruppe Adolf Hitler", die als bewaffneter Arm des Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour" gilt. "Befürchten Sie Repressalien aus der Szene, wenn Sie hier etwas sagen?", fragt der Vorsitzende mehrfach. "Nein," antwortet T. schneidig.

Der Bruder von Bernd T. wohnte von 2003 bis 2005 in Zwickau, 500 Meter von der Polenzstraße 2 entfernt, wo Beate Zschäpe und die Uwes sieben Jahre lang lebten, ehe sie in die Frühlingsstraße zogen. Dort fand man, nachdem Zschäpe die Wohnung in Brand gesetzt hatte, im Schutt Kartenmaterial zu Kassel.

Es enthielt Hinweise auf ein potenzielles Anschlagsziel: eine türkische Bäckerei, in der Holländischen Straße, wo Halit Yozgat umgebracht wurde. Auf einer T. zugeordneten Festplatte fanden die Ermittler Bilddaten, die möglicherweise mit diesem Anschlagsziel in Zusammenhang stehen.

Das Wunder der Keuptstraße

Unterbrochen wurde T.s Vernehmung, die am Donnerstag fortgesetzt werden soll, von den Gutachten eines Sprengstoffexperten und eines Rechtsmediziners zu dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße. Wieder wurde dabei deutlich, was schon die Aussagen der Verletzten hatten erkennen lassen: Dass es an jenem 9. Juni 2004 keine Toten gegeben hat, dass nicht noch mehr Menschen schwerst verletzt wurden, grenzt an ein Wunder.

Denn im Umkreis von fünf Metern hätte die Bombe tödlich wirken können. Alle Personen, die der enormen Druckwelle, der Hitze des Feuerballs und den Nägeln oder Trümmerteilen, die wie Projektile durch die Luft schossen, ausgesetzt waren, befanden sich damals in "akuter Gefahr für Leib und Leben", wie die Sachverständigen Rüdiger Mölle und Oliver Peschel bestätigten.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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