NSU-Prozess Der Rassist im Kettenhemd

Im NSU-Prozess erschien ein Rechtsextremist, der über krude Ehrvorstellungen schwadronierte und den Gerichtssaal als Plattform für rassistische Propaganda missbrauchte. Alles unter den Augen der Grünen-Politikerin Claudia Roth.

Claudia Roth: Als Zuschauerin im OLG München
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Claudia Roth: Als Zuschauerin im OLG München


Wer zum ersten Mal den Gerichtssaal betritt, in dem der Münchner NSU-Prozess verhandelt wird, mag sich vorkommen wie im Film. Der Senat, geschlossen Seit' an Seit' im Halbrund, daneben die roten Roben der Bundesanwaltschaft, sich unmittelbar anschließend das übermächtige Forum der Opfer und deren Anwälte - und dagegen die fünf Angeklagten, die zwischen ihren Anwälten in ihrer Unauffälligkeit zu verschwinden scheinen. Claudia Roth, die grüne Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, ist an diesem Donnerstag als Zuschauerin da und auch der türkische Generalkonsul aus Berlin.

Jeder im Saal weiß, dass über eine Mordserie an Menschen nicht-deutscher Herkunft judiziert wird, wie sie nach der NS-Zeit für undenkbar gehalten wurde. Ist trotzdem Routine eingekehrt nach mittlerweile 126 Verhandlungstagen? Die Szenerie mutet an diesem Tag wie eine groteske Bühne an, auf der einerseits um die Wahrheit gerungen wird, die andererseits aber von einem Protagonisten aus einer anderen Welt als der des Rechtsstaats als Plattform für übelste rassistische Propaganda missbraucht wird.

Thomas G., glatzköpfiger Zeuge aus dem ultrarechten Milieu Sachsens, eine düstere Gestalt, der sich als Teil einer aussterbenden "weißen Rasse" versteht, von Beruf "Dachdecker, ich arbeite in Flachdach". Er deklamiert über den "Volkstod", der dem deutschen Volk drohe durch die hohen Geburtenraten der Ausländer. Sie sollten in ihre Heimatländer "zurückgeführt" werden. Er beruft sich lauthals auf seine "persönliche Meinung", dass der Prozess ein "Affentheater" sei.

"Ritterliches" Verhalten

Er weigert sich, dem Gericht Auskunft über seine Rolle bei den rechtsradikalen "Hammerskins" zu geben, weil er das mit seinem "Wertegefühl" nicht vereinbaren könne. Sein Verhalten sei "ritterlich" im Sinne Wolfram von Eschenbachs und den Rittern der Tafelrunde, weil er Gleichgesinnte vor der Antifa schützen müsse. Androhungen von Ordnungsmitteln schrecken ihn nicht. Dafür wird er in seinen Kreisen vermutlich gefeiert werden.

Womit dieser Senat konfrontiert wird, was er unvoreingenommen zu bewerten hat - es sprengt bisweilen die Grenzen des Zumutbaren.

Fotos, die Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer vorlegte, zeigen den Angeklagten Ralf Wohlleben zusammen mit Thomas G. bei ritterlichem Mummenschanz mit gehäkeltem Kettenhemd und Schwert. Ähnlich, nämlich als schwertschwingender Kreuzritter, präsentierte sich auch der Norweger Anders Breivik in seinen Propagandafilmen zur Rettung Europas vor der drohenden Übernahme durch fremde Rassen. Brüder im Geiste offenbar.

Wie mag der Zuschauer im Gegensatz dazu die Beamten des Bundeskriminalamts empfinden, die am selben Tag als Zeugen die erste Begegnung mit "Herrn Professor Dr. Mundlos" im Dezember 2011 schildern, präzise formulierend, nüchtern in Haltung, Ton und sich auf das für den Senat Notwendige beschränkend? Sie tragen vor, wie dieser Vater knapp einen Monat nach dem Selbstmord seines Sohnes aufgeregt erschienen sei. Er sei kaum zu bremsen gewesen in seinem Bedürfnis, darzulegen, was die Straftaten der "Mörderbande" möglich gemacht habe: der Verfassungsschutz und dessen Gelder, die "direkte Einflussnahme" Wohllebens und des ehemaligen Verfassungsschutzmitarbeiters Tino Brandt. Wohlleben und Brandt seien "maßgeblich verantwortlich" dafür, so Mundlos damals, weil sie auf die jungen Leute "eingewirkt, sie gelenkt und radikalisiert" hätten.

"Es war unmöglich, mit ihm zu reden"

Mundlos' Auftritt als Zeuge vor Gericht irritierte seinerzeit nicht nur den Senat. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl bekam den Mann schnell in den Griff. Doch der erste Vernehmungsversuch durch BKA-Beamte war fehlgeschlagen. "Herrn Professor Mundlos' Mitteilungsbedürfnis war ungebremst. Es war unmöglich, mit ihm zu reden", erinnert sich einer der Ermittler, und lässt Verständnis für die Situation eines Vaters erkennen, der gerade seinen Sohn verloren hatte. Und gerade der Sohn Uwe stand ihm offenbar besonders nahe.

Selbst in der Illegalität noch hatte Uwe Mundlos bei Gelegenheit einfließen lassen, sein Vater sei Professor. Er war offensichtlich ein Vater-Kind, mit der gleichen unbeirrbaren Entschlossenheit ausgestattet, seine Ziele zu realisieren. Es ist nicht ohne Tragik, dass der Junge auf Betreiben des Vaters in einem Internat in Ilmenau untergebracht worden war, damit er das Abitur dort nachhole. Später, nach Abbruch der Schule, raubte er mit Uwe Böhnhardt die Sparkasse in Arnstadt nahe Ilmenau aus.

Ermittler fanden später, als sich die beiden Uwes nach ihrem letzten Überfall in Eisenach selbst getötet hatten, in dem dafür benutzten Wohnmobil neben der Beute von 71.915 Euro noch zwei eingeschweißte Bündel von Banknoten aus Arnstadt-Ilmenau im Wert von 20.000 Euro. Weitere 20.000 Euro seien in Schränken und Dosen "versteckt" gewesen, sagte ein Kripo-Zeuge. Diese Feststellung veranlasste Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl zu der neuerlichen Erklärung, die Annahme der Bundesanwaltschaft, seine Mandantin habe das Geld des Trios "verwaltet", sei auch durch die Aussage dieses Ermittlers widerlegt. Gründe dafür nannte Stahl nicht.

Claudia Roth: "Man liest so vieles über den Prozess. Aber wenn man dann mal selbst dabei war, ist man fassungslos."

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