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NSU-Prozess zum Brand in Zwickau: Potentiell tödlich

Von , München

Zerstörtes Haus in Zwickauer Frühlingsstraße: "Heftige Explosion" Zur Großansicht
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Zerstörtes Haus in Zwickauer Frühlingsstraße: "Heftige Explosion"

Die Anklage wirft Beate Zschäpe im NSU-Prozess vor, den Unterschlupf der Rechtsextremen in Brand gesetzt zu haben. Sie habe den Tod von Menschen in Kauf genommen. Ein Sachverständiger stützte diese These im NSU-Prozess mit einem beeindruckenden Vortrag. Zschäpe zeigte sich wenig überrascht.

Der Sachverständige Christian Setzensack, 61, ist Physiker und Gutachter beim Bayerischen Landeskriminalamt. Ein hochgewachsener Herr im schwarzen Anzug, der neben seiner Sachkompetenz über die seltene Fähigkeit verfügt, hochkomplizierte Dinge klar und auch für Laien verständlich vorzutragen. Was er im NSU-Prozess über die verheerende Explosion und Brandentstehung in der Wohnung Frühlingsstraße 26 in Zwickau am 4. November 2011 berichtet, dürfte der Hauptangeklagten Beate Zschäpe nicht neu sein. Vermutlich war sie auf das Ergebnis des Vortrags vorbereitet.

Laut Anklage soll sie diejenige gewesen sein, die den letzten Unterschlupf des Trios am Tag des Suizids ihrer Komplizen in Brand setzte, die eine Explosion auslöste und damit unbeteiligte Dritte tatsächlich oder potentiell in Lebensgefahr brachte. In der Sprache der Juristen: Sie hat durch die Brandlegung zwar niemanden tatsächlich zu Tode gebracht. Aber nahm sie nicht doch den Tod von Menschen in Kauf, um Spuren des Lebens in der Illegalität zu vernichten? Die Bundesanwaltschaft jedenfalls sieht hier einen bedingten Mordvorsatz, zumal die Dimension und die Folgen eines Brand- und Explosionsgeschehens vom Brandstifter nicht berechenbar sind.

Es war faszinierend anzuhören, wie Sachverständige inzwischen einen Brand und eine Explosion analysieren und daraus eindeutige Schlüsse zu ziehen verstehen. Setzensack zeigte anhand von Fotos, wie es bereits sechs Minuten nach Ausbruch des Feuers in der Wohnung lichterloh brannte, wie meterhohe Flammen aus einzelnen Fenstern schlugen. "Die Kennzeichen dieses Brands", so der Sachverständige, "sind die heftige Explosion und die sehr, sehr rasante Ausbreitung des Brands."

"Benzin entzündet sich nicht selbst"

Ein "normaler Brand", hervorgerufen durch eine technische Ursache, scheide aus. "Bei einem normalen Brand brennt es zwar, es kann dabei vielleicht zu einer Verpuffung kommen, nicht aber zu einer Explosion, die eine Außenwand zusammenstürzen lässt wie in der Frühlingsstraße." Die Druckwelle habe überdies die Trennwand zur Nachbarwohnung, in der eine hochbetagte, geh- und hörbehinderte Dame lebte, verschoben; mehrere Risse über die ganze Fläche seien entstanden, so dass dort Rauchgas habe eindringen können.

Die "einzige Möglichkeit für ein derartiges Brandgeschehen ist ein leicht flüchtiges Brandlegungsmittel, das großflächig verschüttet wurde", sagt Setzensack. Also Benzin. "Benzin entzündet sich nicht selbst, es muss in Brand gesetzt werden."

Zündhölzer fand man in der Frühlingsstraße nicht. Aber Zschäpe hatte mehrere Feuerzeuge bei sich, als sie sich vier Tage später stellte.

Der Sachverständige beschrieb detailliert, wo wie viel Benzin verschüttet wurde und welche Folgen sich dadurch ergaben. Seine Ausführungen zeigten, wie unberechenbar sich ein Feuer entwickelt. Setzensack sprach von einer "Luntenspur", die beweise, dass Benzin bis zur Wohnungstür verschüttet wurde und dort gezündet worden sein muss, dass diese Spur Unterbrechungen aufweise, die den Brandausbruch verzögerten. Auf diese Weise habe "der Täter", wie der Sachverständige immer wieder sagte, die Wohnung gefahrlos verlassen können.

Dass es sich bei diesem "Täter" um Beate Zschäpe handelte, dürfte mittlerweile außer Frage stehen. Es gibt ausreichend Aussagen von Zeugen, die sie beim Verlassen des Mehrfamilienhauses beobachteten.

Eine Gefährdungslage für Dritte bejaht der Sachverständige ohne zu zögern: "Wenn jemand die Außenwand auf den Kopf bekommen hätte oder auch nur einen Brocken davon, dann wäre das vermutlich tödlich gewesen", sagt er. Es habe nicht viel gefehlt, dass auch die Wand zur Nachbarwohnung, in der die alte Dame lebte, hätte einstürzen können.

Zschäpe scherzt

Außerdem sei durch die Explosion das Dachgeschoss kurzzeitig angehoben worden, was anhand gebrochener Dachbalken zu beweisen sei; auch dort hätte es Verletzte geben können, die dann das Haus durch das von hochgiftigem Rauchgas geschwängerte Treppenhaus nicht mehr hätten verlassen können. "Wenn die Feuerwehr nicht so rasch, nämlich nach sieben Minuten schon, am Brandort eingetroffen wäre, hätte das Feuer auch auf das Nebenhaus übergegriffen."

Die Fragen der Verteidigung an den Sachverständigen konnten nichts mehr daran ändern, dass das Gutachten die Angeklagte schwer belastet. Rechtsanwalt Wolfgang Stahl stellte in Frage, dass bei der Nachbarin Rauchgas durch Risse in der Wand eindrangen; sie hätten seiner Auffassung nach auch durchs offene Fenster eindringen können. Doch wäre die hinfällige Nachbarin dadurch weniger gefährdet gewesen?

Stahl fragt - hypothetisch - weiter: "Ist es denkbar, dass die Person, die das Benzin verschüttet hat, die Wohnung kurzzeitig verlassen hat, wieder zurückkommt und dann erst zündet?" Er spielt darauf an, dass Zschäpe bei der Nachbarin geklingelt haben könnte, um diese vor der Gefahr für Leib und Leben zu warnen. Doch aus eigener Kraft hätte sich die alte Frau keinesfalls retten können. Und geklingelt hat bei ihr wohl ein Handwerker, der im Dachgeschoss des Brandhauses zu tun hatte. Für einen Rettungsversuch durch Zschäpe gibt es keinen Hinweis.

Am Ende des Sitzungstages scherzt Zschäpe mit ihren Verteidigern.

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