NSU-Prozess Die Schweiz-Connection

Der Weg der Waffe, mit der die mutmaßlichen NSU-Terroristen mordeten, ist ein wenig klarer: Ein Berner Staatsanwalt sagte vor Gericht, dass die Ceska von zwei Schweizern legal erworben, dann aber in illegale Kreise geschleust wurde.

Von , München

Tatwaffe Ceska 83: Legal erworben, dann in illegale Kreise geschleust
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Tatwaffe Ceska 83: Legal erworben, dann in illegale Kreise geschleust


Als Peter Anton G. dem Berner Staatsanwalt gegenübersaß, muss er es sich anders überlegt haben. Seine vorherigen Aussagen bei der Polizei korrigierte der Schweizer. Und zwar erheblich: Er habe in den neunziger Jahren seinen Waffenerwerbsschein an seinen Landsmann Hans-Ulrich M. verkauft, räumte G. bei der Vernehmung Anfang 2012 ein. Für 400 Franken, das sei für ihn damals "ein toller Batzen Geld" gewesen.

Der Schweizer Staatsanwalt, der an diesem Donnerstag als Zeuge im NSU-Prozess aussagte, bestätigte diese Aussage von G. Bei der Polizei hatte G. dagegen noch behauptet, dass ihm der Waffenerwerbsschein abhandengekommen sei. Die Darstellung von G., er habe diesen Schein an M. verkauft, ist von Bedeutung im NSU-Prozess. Denn bei der mit dem Schein erworbenen Waffe handelt es sich um eben jene Pistole, mit der später neun Menschen getötet wurden - die Morde werden dem NSU zur Last gelegt.

Der Anklage zufolge nimmt M. eine zentrale Rolle beim Weg der Ceska 83 nach Deutschland ein. Er hatte demnach von Anfang an den Plan, sie in die Bundesrepublik weiterzuverkaufen. So schilderte es auch der mit ihm jahrelang befreundete G. in seinen staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen in der Schweiz.

Weil weder G. noch M. bereit sind, in Deutschland auszusagen, müht sich das Münchner Oberlandesgericht seit Tagen, durch die Schilderungen von Schweizer Ermittlern in der Sache weiterzukommen. Zuletzt hatte ein Kriminalpolizist den Lieferweg der Ceska nicht weiter aufklären können. Die Aussagen des Schweizer Staatsanwalts dürften das Gericht jetzt aber weitergebracht haben.

Kontakt zu Böhnhardt

Dem Staatsanwalt zufolge sagte G. in Vernehmungen unter anderem dies: M. habe erklärt, die Pistole nach Deutschland exportieren zu wollen, weil es dort "für gewisse Kreise" schwierig sei, an Waffen zu kommen. In der Schweiz dagegen benötigte man damals lediglich einen Waffenerwerbsschein. In Verbindung mit einem Ausweisdokument konnte man damals Faustfeuerwaffen erwerben, auch ein Weiterverkauf war ohne weiteres möglich.

M. bestritt diese Version laut dem Staatsanwalt: Zwar habe er sich selbst als "Waffennarr" bezeichnet. Außerdem soll er gesagt haben, gelegentlich mit Waffen gehandelt zu haben - das war damals in der Schweiz erlaubt. Mit G. will er aber nie über Waffen geredet haben, schon gar nicht will er ein Waffengeschäft mit ihm abgewickelt haben. Mit der Ceska habe er nichts zu tun.

Sicher ist dies: Die Pistole wurde 1993 von Tschechien in die Schweiz exportiert. Dort verkaufte die Firma Luxik die Waffe im April 1996 an die Firma Schläfli & Zbinden. Später wurde sie über G.s Waffenerwerbsschein gekauft. In Vernehmungen hatte G. erklärt, dass sie ihm in einem Paket zugestellt worden sei, welches er ungeöffnet an M. weitergegeben habe.

Die Aussagen von M. habe er nicht für sonderlich glaubwürdig gehalten, sagte der Schweizer Staatsanwalt vor Gericht. Der Mann habe versucht, "die Klippen bewusst zu umschiffen", um sich möglichst wenig in Widersprüche zu verwickeln. Er habe ihm auch wegen seiner Kontakte nach Jena wenig Glauben geschenkt: M. hatte in den neunziger Jahren zwischenzeitlich in Thüringen gelebt und dort unter anderem einen Jugendfreund des mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt kennengelernt.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass ein späterer Waffenlieferant über diesen Jugendfreund Böhnhardts in Kontakt zu M. gelangte - und damit auch an die Ceska.

Die Schweizer Behörden hatten zwischenzeitlich gegen M. und G. ermittelt. Beiden wurde die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen, M. zudem noch Beihilfe zum Mord. Beide Verfahren wurden später eingestellt, so der Schweizer Staatsanwalt.

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pitterw 09.10.2014
1. Die
Gibt es sie wirklich? nicht dass die Aussagen dieses schweizer Staatsanwalts angezweifelt werden sollen. Sicher wurde so eine Ceska über dunkle, bzw. verdunkelte, Kanäle nach Deutschland geliefert. Warum aber ausgerechnet eine derart seltene Waffe und in einem veralteten Kaliber?? Schon die RAF benutzte nur 9mm (oder größer). Von dieser Waffe wurden nachweislich nur ca. 50 Stück hergestellt, wovon ca. 40 an die Stasi geliefert wurden, die heute im Besitz irgendeines Verfassungsschutzes sind. Klingeln da nicht alle Alarmglocken? Also- nicht das der Verfassungsschutz bewußt seinen V-Leuten eine Mordwaffe geliefert hätte, aber zum Herumballern waren diese Dinger aus der Mottenkiste noch allemal gut. Und auch noch mit Schalldämpfer, damit die Nachbarn nicht gestört werden. Als die dann gemerkt haben, was mit dem Ding wirklich geschah, mußte natürlich der Bestand wieder vervollständigt werde, eben mittels verdunkelter Kanäle. Und erzähle mir niemand etwas von Nummerierung...
von_scheifer 09.10.2014
2. Was hat die Staatsanwaltschaft dem Zeugen gezahlt?
Dass der sich auf einmal so präzise und plötzlich an eine Waffe erinnert, die vom Zustand her überhaupt nicht erkennbar ist und die keineswegs als Tatwaffe identifiziert werden konnte, ist schon sehr eigentümlich. Sie konnte nicht mehr beschossen werden und fällt demgemäß als Beweismittel aus. Die ist kein Beweismittel, sondern nur der Wahn der Staatsanwaltschaft. Weil diese auch sonst keinerlei Beweise oder Spuren hat, sondern selbst nur mit Blendgranaten schiesst. Aber es dürfte schon dafür gesorgt sein, dass der Richter jedes Wort glaubt. Es gab bisher nichts, was man als Wahrheitsfindung über die Taten betrachten konnte. Trotzdem dürfte das Urteil schon festliegen. Denn ohne eine vorauseilenden Urteilsspruch hätte das Gericht bei der zum Zeitpunkt der Prozesseröffnung noch dünneren Beweislage nie den Prozess eröffnen dürfen. Nur Verleumdungszeugen hat die Generalstaatsanwaltschaft München anwatscheln lassen, (darunter -wenn ich mich nicht irre- eine Ente, die die beiden 1996 mit braunem Brot gefüttert haben sollen), die zu den angeklagten Taten nicht das Geringste aussagen konnten. Oder schwiegen, wie die involvierten Geheimdienstler. Sooooo grooooos ist das Scheunentor, durch das der Richter gehen könnte, um die wahren Täter zu erkennen. Aber die dürfen das nicht sein.
fritze28 10.10.2014
3. Der NSU
ist eine Erfindung der deutschen Geheimdienste. Warum sind keine Beamten angeklagt, die die Waffen besorgt, das Geld zu Verfügung, Akten geschreddert, Zeugen beiseite geschafft, Lügen erzählt und die Fäden gezogen haben? keiner berichtet objektiv. Menschen die über die Ungereimtheiten des Prozesses berichten werden schon politisch verfolgt. hinterfragen sie mal anstatt alles so zu berichten wie die Politik es will. das wäre ihre journalistische Aufgabe.
alois.hingerl 10.10.2014
4.
nun Herr Hengst, wer staatsanwaltschaftliche Vernehmungen durchführt, der lässt sich sicherlich auch ärzteschaftlich untersuchen!
air plane 10.10.2014
5. Mein Profil
So viel Aufhebens wegen ein paar maroden Knarren - habe ich bei diesem Prozess nie verstanden. Gegenwärtig ist die Beschaffung von Waffen, insbesondere aus Bürgerkriegsgebieten, ja wohl ein Klacks. Die Kriminellen hierzulande lachen sich wahrscheinlich kaputt über die Akribie, mit der die Behörden in diesem Prozess die Herkunft jeder mickrigen Flohmarktwumme erforschen - was soll das?
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