NSU-Prozess "Dass junge Leute sich schubsen, ist doch normal"

Warum driftete der mutmaßliche Neonazi-Terrorist Uwe Mundlos in die rechte Szene ab? Vor Gericht entlastet sein Vater Beate Zschäpe und gibt dem Verfassungsschutz und Uwe Böhnhardt die Schuld. Doch der Wert seiner Aussage ist gering, denn auf entscheidende Fragen weiß der Professor keine Antworten.

Von , München

Siegfried Mundlos: Keinen engen Kontakt zum Sohn
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Siegfried Mundlos: Keinen engen Kontakt zum Sohn


Mit seiner vorlauten Art und den wohlwollenden Worten über seinen Sohn Uwe hatte Siegfried Mundlos am Mittwoch den Unmut des Vorsitzenden Richters auf sich gezogen. Doch die Unterbrechung der Vernehmung hat dem Zeugen offenbar gutgetan. An diesem 70. Verhandlungstag sagte im NSU-Prozess kein anmaßender, auftrumpfender und den Senat provozierender Vater aus. Mundlos verhielt sich vielmehr wie ausgewechselt. So, wie es einem Zeugen vor Gericht angemessen ist.

Der Beweiswert seiner Aussage ist allerdings unter den Prozessbeteiligten umstritten. Denn ob Mundlos' Aussage das Gericht in der Wahrheitsfindung weitergebracht hat, ist fraglich. Abgesehen von beschönigenden und verharmlosenden Beschreibungen seines toten Sohnes konnte Mundlos nicht viel beitragen zu den Umständen, die zum Abdriften des jungen Mannes in die rechtsextreme Szene und vor allem zu seiner Radikalisierung geführt haben.

Vater und Sohn verloren offensichtlich irgendwann den Kontakt zueinander, wenn denn je ein guter bestanden haben sollte. "Einen so engen Kontakt zu meinem Sohn habe ich eigentlich nicht gehabt, dass wir viele Diskussionen miteinander geführt hätten", sagte Mundlos vor Gericht. Gründe dafür konnte er nicht nennen.

Unbeantwortet blieb auch die Frage, warum er mit seinem Sohn nicht wenigstens über den - seinen eigenen Worten nach - hochgefährlichen Uwe Böhnhardt sprach. Von dessen zweifelhaftem Ruf will Mundlos aus der rechten Szene gehört haben. Er habe Böhnhardt für einen Psychopathen gehalten, der Messer bei sich getragen habe und als gewalttätiger Waffennarr bekannt war, sagte Mundlos. Gleichwohl unternahm er offenbar nichts, seinen Sohn vor diesem Freund zu warnen.

Nett, freundlich, kinderlieb

Ebenfalls wenig einleuchtend sind Mundlos' Beteuerungen, er habe Beate Zschäpe nie als dem rechten Lager nahestehend wahrgenommen. Schließlich hatte sie, nachdem ihre Liaison mit Mundlos beendet war, 1994 mit Uwe Böhnhardt ein Verhältnis begonnen. Das war auch Vater Mundlos nicht verborgen geblieben. Er beschrieb sie als nett, freundlich und vor allem kinderlieb. Ihre harmlose Gesinnung machte er an ihrem Interesse an modischer Kleidung fest. "Es gefiel ihr gar nicht, wenn mein Sohn mit Springerstiefeln und Bomberjacke daherkam", sagte Mundlos, denn ein solches Outfit werde nicht überall gern gesehen. Sie habe auch häufiger eine Discothek besucht, in der Leute aus der linken Szene verkehrten. Bis heute glaube er nicht, dass "Beate" eine Rechte sei, sagte Mundlos.

Von Ralf Wohlleben habe er damals den Eindruck gehabt, dass dieser mit dem Untertauchen des Trios nichts zu tun gehabt habe. Dass Wohlleben den Dreien aber sein Auto zur Verfügung gestellt haben soll, um unterzutauchen, interpretiert Vater Mundlos als Beleg für "Kameradschaft".

An diesem Donnertag beklagte Mundlos noch einmal den negativen Einfluss des Verfassungsschutzes und seiner V-Leute auf die Jugend in Ostdeutschland, ohne dessen Unterstützung "die das alles gar nicht hätten machen können".

"Wenn jemand Einfluss auf Uwe gehabt hat, dann Leute wie der Neonazi Tino Brandt, V-Mann des Verfassungsschutzes." Denn sein Sohn sei "leicht beeinflussbar" gewesen. "Dass der Verfassungsschutz Steuergelder in diese Szene pumpt und Jugendliche abfängt, um seine Erfolgsbilanz aufzubessern", das habe er, Mundlos, nicht für möglich gehalten.

"Nur das Outfit war eine Frechheit"

Auf Nachfragen der Bundesanwaltschaft und von Opferanwälten musste Mundlos zugeben, von vielen dubiosen "Aktivitäten" seines Sohnes nichts gewusst zu haben. Ihm blieb auch verborgen, dass die Vorbereitungen seines Sohnes auf das Abitur vor allem aus Fernbleiben vom Unterricht bestanden. Oder dass er im ehemaligen KZ Buchenwald offenbar in SA-Uniform auftrat. "Aber sein Eintrag ins Gästebuch war nicht zu beanstanden", sagt der Vater als Zeuge, "nur das Outfit war eine Frechheit."

Angesprochen auf die zahlreichen Kontakte seines Sohnes mit der Polizei, sagte Mundlos: "Von Rangeleien mit Beamten wurde immer wieder berichtet, das habe ich mir im Detail nicht gemerkt. Dass junge Leute sich schubsen, ist doch normal. Mein Sohn war nicht so aggressiv, dass er andere Leute anfiel."

Rechtsgerichtete "Rattenfänger"

Während die Zschäpe-Verteidigung in einer Erklärung die Kinderliebe ihrer Mandantin herausstellte, die von Mundlos und vielen weiteren Zeugen bestätigt wurde, hielt Nebenklageanwalt Thomas Bliwier den Beweiswert der Mundlos-Aussage für gering: "Die Befragung des Zeugen hat ergeben, dass ihm viele Aktivitäten seines Sohnes verborgen geblieben sind. Also ist auf die Einschätzung des Zeugen nichts zu stützen."

Ähnlich wie bei Vater Mundlos lauteten die Klagen von Brigitte Böhnhardt, der Mutter des zweiten mutmaßlichen NSU-Täters Uwe Böhnhardt. Ihre Beschwerden über rechtsgerichtete "Rattenfänger", die nach der Wende in der ehemaligen DDR unter der orientierungslosen Jugend ihr Unwesen trieben, sind zwar keine Hirngespinste. Auch dass in den neunziger Jahren die Perspektiven junger Leute sowie massenhaft arbeitslos gewordener Erwachsener zusammenbrachen wie Kartenhäuser ist unbestritten. Aber all dies ist keine Erklärung für die Verbrechen, die der Generalbundesanwalt Zschäpe und ihren verstorbenen Komplizen Mundlos und Böhnhardt vorwirft: zehn Morde an vorwiegend türkischstämmigen Menschen in der Bundesrepublik, die sich längst in die deutsche Gesellschaft integriert hatten und ihrem Broterwerb nachgingen.



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