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NSU-Prozess: Brutale Geldbeschaffung

Von , München

Beate Zschäpe: "Wir hatten kein Geld mehr" Zur Großansicht
REUTERS

Beate Zschäpe: "Wir hatten kein Geld mehr"

Wie skrupellos Uwe Böhnhardt bei einem Banküberfall in Zwickau vorging, machte im NSU-Prozess ein Rechtsmediziner deutlich: Er berichtete von den Verletzungen eines Mannes, den Böhnhardt niedergeschossen hatte.

Als die Fotos einer Überwachungskamera an die Wand geworfen werden, auf denen ihr verstorbener Geliebter Uwe Böhnhardt zu sehen ist, konzentriert sich Beate Zschäpe angestrengt auf die Tischplatte. Böhnhardt kämpft mit dem jungen Nico R., dann schießt er auf ihn. Zschäpe widmet den dramatischen Szenen auf den Bildern kaum einen Blick. Es geht um den Überfall am Mittag des 5. Oktober 2006, den Böhnhardt ausnahmsweise ohne seinen Komplizen Uwe Mundlos auf die Sparkassenfiliale in der Zwickauer Kosmonautenstraße verübte.

Laut Zeugenaussagen soll Böhnhardt den damals 20-jährigen Auszubildenden Nico R. mit einem Revolver bedroht und aufgefordert haben, den Tresor zu öffnen; andernfalls werde er schießen. R., so seine eigene Erinnerung, habe daraufhin versucht, dem Angreifer von hinten die Waffe zu entreißen. Offenbar, um den Lehrling abzuschütteln, habe der Täter in dem Gerangel nach hinten gegriffen und dann geschossen. Nico R. wurde lebensgefährlich getroffen. Das Geschoss durchdrang den Bauch des jungen Mannes und blieb in der Wand dahinter stecken.

Böhnhardt flüchtete danach ohne Beute. Der Tresor, in dem mehr als 100.000 Euro lagerten, blieb verschlossen.

"Das kann äußerst problematisch werden"

Der Rechtsmediziner Oliver Peschel sowie zwei der behandelnden Ärzte beschrieben am Dienstag die weitreichenden Folgen der Verletzungen R.s. Der junge Mann hatte damals großes Glück, dass sich am Tatort zufällig ein Arzt aufhielt, der sofort seinen Notfallkoffer aus dem vor dem Geldinstitut parkenden Auto holte und den Verletzten versorgte. Außerdem verständigte er umgehend den Notarzt. In der Klinik wurde R. offenbar optimal versorgt. Die Operation mit Entfernung der Milz verlief komplikationslos, eine leichte Infektion der Bauchspeicheldrüse konnte behoben werden.

Eine Entfernung der Milz, so der Rechtsmediziner, bedeute für den Patienten allerdings unter anderem ein fortan erhöhtes Risiko für schwere Infektionen. "Es können sich ganz erhebliche Komplikationen einstellen", so Peschel. Die Sterblichkeit liege dann bei 40 bis 50 Prozent. Der weitere Verlauf sei zwar nicht vorhersehbar. Es bestehe aber ein "relevantes Risiko" für den Patienten, dass sich noch Jahre später solche Infektionen einstellten. "Das kann äußerst problematisch werden", so Peschel.

Das Gericht dürfte diese Tat wohl als Mordversuch qualifizieren. Zschäpe hatte in ihrer schriftlichen Stellungnahme zur Anklage, die unter anderem auf Mittäterschaft bei zehn Morden und Bildung einer terroristischen Vereinigung lautet, zu dem Überfall auf die Sparkasse in der Kosmonatenstraße mitgeteilt: "Wir hatten kein Geld mehr - das Geld aus den Überfällen im Mai 2004 war verbraucht." An anderer Stelle schrieb sie, dass ihr eine Trennung von Mundlos und Böhnhardt nicht möglich erschien: "Auch in Bezug auf das finanzielle Überleben war ich auf die beiden absolut angewiesen."

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