NSU-Prozess Lob mit Signalwirkung

Ralf Wohlleben hat im NSU-Prozess ausgesagt, doch an seinen Angaben bestehen Zweifel. Über die Auskünfte der Mitangeklagten Carsten S. und Holger G. äußerte sich ein Staatsanwaltschaft hingegen geradezu begeistert: "Wahnsinnig spannend."

Von Wiebke Ramm, München

Carsten S. (Archivbild): Weitere Aussage angekündigt
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Carsten S. (Archivbild): Weitere Aussage angekündigt


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Als Lügner hatte Ralf Wohlleben die Mitangeklagten Carsten S. und Holger G. vor Kurzem hingestellt, als er im NSU-Prozess erstmals sein Schweigen brach. Staatsanwalt Gerwin Moldenhauer unternimmt an diesem 256. Verhandlungstag nun genau das Gegenteil. Der Senat des Oberlandesgerichts München hatte Moldenhauer für diesen Mittwoch als Zeugen geladen, damit er vor Gericht über die "Erkenntnisse zur Aufklärungshilfe durch die Angeklagten S. und G." spricht. Und Moldenhauer ist an diesem Tag voll des Lobes.

Über Holger G. sagt der Staatsanwalt: "Ohne die Angaben von Herrn G. hätte der dringende Tatverdacht gegen Herrn Wohlleben und später auch gegen Herrn Carsten S. nicht begründet werden können." Moldenhauer arbeitete zum Zeitpunkt der Vernehmungen, Ende 2011, als Staatsanwalt beim Generalbundesanwalt, heute ist er Staatsanwalt in Hamburg.

Der 42-Jährige sagt, Holger G. habe berichtet, dass er von Wohlleben eine Schusswaffe bekommen und diese aus Jena zu den mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach Zwickau gebracht habe. Wohlleben soll Holger G. auch gesagt haben, dass die Waffe aus dem Jenaer Neonazi-Laden "Madley" stamme. Erst durch diese Hinweise seien die Ermittler schließlich auf Carsten S. gekommen. Einer der damaligen Betreiber des "Madley" habe Carsten S. auf einem Foto als denjenigen wiedererkannt, dem er eine Waffe verkauft habe.

"Meilenstein für die Ermittlungen"

Moldenhauer sagt, er sei zunächst davon ausgegangen, dass es nur einen einzigen Waffenkauf und -transport gegeben habe, an dem Holger G. und Carsten S. irgendwie beide beteiligt gewesen seien. Erst durch die Aussage von Carsten S. sei ihm klar geworden, dass S. und G. dem NSU offenbar zwei verschiedene Waffen geliefert haben.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft war es Carsten S., der den drei untergetauchten Neonazis die Ceska gebracht hat, die Pistole samt Schalldämpfer, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft erschossen haben. Als "Meilenstein für die Ermittlungen" bezeichnet der Zeuge die Angaben von Carsten S. "Das war wahnsinnig spannend, was er erzählt hat." Durch Carsten S. seien die Ermittler letztlich auch auf die Schweizer Herkunft der Ceska gekommen.

Die Verteidigung will das Lob so nicht stehen lassen. Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke hinterfragt die Identifizierung der Ceska durch Carsten S. Und Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl moniert die fehlende Differenzierung in der Aussage von Holger G. Laut Vernehmungsprotokoll sprach G. wiederholt von "den dreien", ohne zu sagen, wen genau er jeweils meinte.

Holger G. ist wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Wohlleben und Carsten S. sind wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt, weil sie den mutmaßlichen NSU-Terroristen die Mordwaffe beschafft haben sollen. Die Anklage sieht Wohlleben als "steuernde Zentralfigur der gesamten Unterstützerszene". Wohlleben bestreitet die Vorwürfe. Seine Anwälte haben am Dienstag erneut beantragt, ihn aus der Untersuchungshaft zu entlassen.

Die angebliche Sorge vor einem Suizid

Wohlleben behauptete Mitte Dezember 2015, er habe kaum etwas über das Leben im Untergrund von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gewusst. Und doch wusste Wohlleben vor Gericht erstaunlich viel zu berichten. Er wusste, wann Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Geldnot waren und wann nicht. Er wusste von Spendenaktionen in der Neonazi-Szene. Er brachte den dreien Geld, schickte Holger G. zu einem führenden Neonazi in Niedersachsen, um nach einem Auslandsunterschlupf für das Trio zu fragen. Er ging für Böhnhardt und Zschäpe zu zwei Anwälten. Er vermittelte Familie Böhnhardt den Kontakt zu ihrem Sohn im Untergrund.

Auch dass er Carsten S. ins "Madley" schickte, um dort nach einer Waffe zu fragen, gab Wohlleben zu. Anders als Carsten S. es darstellt, will Wohlleben ihn aber nicht mit dem Waffenkauf beauftragt haben. Das habe Böhnhardt wohl selbst getan, behauptete Wohlleben. Wohlleben betonte mehrfach, er habe Böhnhardt niemals eine Waffe besorgen wollen, weil er nicht an dem Suizid eines Freundes habe Schuld sein wollen. Böhnhardt hätte deutlich gemacht, dass er sich mit der Waffe im Falle einer drohenden Festnahme das Leben nehmen werde.

Carsten S. brachte die Waffe zunächst zu Wohlleben nach Hause. Das bestätigen beide. Danach lieferte S. sie den drei Untergetauchten. Trotz seiner angeblichen Sorge um Böhnhardt tat Wohlleben nichts, um das verhindern.

Carsten S. kündigt Aussage an

Es ist ein bemerkenswerter Zeitpunkt, an dem das Gericht Staatsanwalt Moldenhauer zur Bedeutung der Aussagen von G. und S. hört. Moldenhauer hatte bereits im Juni 2013 im NSU-Prozess ausgesagt. Schon damals berichtete er über Holger G.s Angaben. Ein Kollege vom Bundeskriminalamt sagte wenige Tage nach dieser Aussage, dass Holger G. "wirklich zur Aufklärung beigetragen" habe. Seine Begründung deckt sich mit der Moldenhauers.

Auch Carsten S. war bereits mehrfach Thema im Prozess. Auch dessen Beitrag zur Aufklärung ist bereits gewürdigt worden. So wirkt die Begeisterung des Staatsanwalts über die Hilfe von Carsten S. und Holger G. an diesem 256. Verhandlungstag, kurz nach den Angaben von Wohlleben und Zschäpe, fast wie ein Signal des Gerichts, wessen Angaben es Glauben schenkt.

Holger G. sieht jedenfalls keine Notwendigkeit, noch einmal vor Gericht zu sprechen, sagt sein Verteidiger am Ende des Verhandlungstages. Carsten S. will zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas sagen, kündigt hingegen sein Anwalt an.

Am morgigen Donnerstag geht der NSU-Prozess weiter. Dann will Zschäpe über ihren Anwalt die Antworten auf mehr als 50 Fragen des Gerichts vorlesen lassen.


Zusammengefasst: Ein Staatsanwalt hat im NSU-Prozess über seine Einschätzung zu den Aussagen der Mitangeklagten Carsten S. und Holger G. gesprochen. Beide hätten zur Aufklärung beigetragen. In Bezug auf die Aussagen des Mitangeklagten Ralf Wohlleben vertritt derzeit kaum jemand diese Meinung: zu widersprüchlich, in entscheidenden Punkten zu dürftig. So kann das Lob des Staatsanwalts zugleich als kritische Botschaft an Wohlleben verstanden werden.

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