Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

NSU-Prozess: Die seltsame Rolle des Zeugen Marcel D.

Von , München

Propagandamaterial von "Blood and Honour":  Was wusste Marcel D.?  Zur Großansicht
AP/ LKA Baden-Württemberg

Propagandamaterial von "Blood and Honour": Was wusste Marcel D.?

Marcel D., einst Führungsfigur in der rechten Szene, war Vertrauensmann des Verfassungsschutzes. Kaum jemand zweifelt daran. Außer Marcel D. selbst. Nun hat ein Nebenklage-Anwalt im NSU-Prozess beantragt, einen Mann zu laden, der es wissen muss.

Es gibt nicht nur den Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes Andreas T., der sowohl nach Aktenlage als auch mit seinen bizarren Zeugenauftritten den NSU-Prozess zeitweise in die Nähe einer Farce zu rücken drohte. T. ist jener Verfassungsschützer, der sich zur Tatzeit am Tatort des Mordes an Halit Yozgat 2006 in Kassel aufhielt und angeblich nichts von dem Verbrechen mitbekommen haben will.

Daneben aber gibt es auch noch Marcel D., 39, mit dem Spitznamen "Riese" in der Szene und dem Decknamen "Hagel" beim Verfassungsschutz. Er war einst Sektionschef bei "Blood & Honour" und galt als Führungsfigur innerhalb des mittlerweile verbotenen Netzwerks. Die Verfassungsschützer hielten ihn für eine "Spitzenquelle" in Ostthüringen. Zweimal schon - am 11. März und am 20. Mai 2015 - sagte er vor Gericht aus. Es waren jeweils denkwürdige Auftritte.

Dubiose Bekanntschaften

Denn D. will laut seinen eigenen Angaben nicht als V-Mann für das thüringische Landesamt für Verfassungsschutz gearbeitet haben. Obwohl das Amt ihm für seinen Auftritt eigens eine Aussagegenehmigung erteilt hatte. Seltsam? Gibt es etwa mehrere Marcel D.s?

Auch weitere Angaben des Zeugen D. erschienen dubios. Er will alle engen Vertrauenspersonen und Unterstützer des Trios Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gekannt haben. Zahlreiche Personen aus seinem Umfeld kannten ebenfalls das Trio. Ausgerechnet er aber, D., kannte die drei angeblich nicht. "Nicht persönlich", wie er sich ausdrückte. Marcel D. könnte Andreas T., wie es aussieht, den Rang als schillerndster Zeuge des Prozesses streitig machen.

Ein großer Teil der Akte zu ihm ist in der Zwischenzeit in Thüringen vernichtet worden. Der Nebenklage-Anwalt Alexander Hoffmann sagte nun im Münchner NSU-Prozess, Teile der Akte seien als Kopie beim Bundesverfassungsschutz "wiedergefunden" worden. Eine Überraschung?

Hoffmann begründete am Dienstag in einem vielseitigen Beweisantrag, dass und warum der V-Mann-Führer D.s als Zeuge vom Gericht anzuhören sei. Denn Hoffmann und eine Reihe seiner Kollegen wollen auch mit einer Gegenüberstellung von Zeuge und V-Mann-Führer nachweisen, dass D. viel mehr über das Trio wusste, als er bisher zugab. Schließlich ist jeder, der zu den mutmaßlichen Rechtsterroristen und ihrem Verhältnis zueinander etwas sagen kann, für den Prozess bedeutsam. Vor Gericht hatte D. bisher nur Namen oder Details genannt, die aus der Berichterstattung schon sattsam bekannt sind.

Es sei nicht vorstellbar, so Anwalt Hoffmann, dass eine Führungsfigur wie Marcel D. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos nicht gekannt habe. Dafür seien die drei zu präsent gewesen in der Szene, seien zu auffällig gewesen mit ihren Auftritten zu dritt. Zumal D. wegen seiner Tätigkeit als V-Mann ein besonderes Interesse für Szenemitglieder gehabt habe.

V-Mann-Führer soll sich auch zu Wohlleben äußern

Das Pikante dabei ist, dass die Ladung des Zeugen D. auf einen Antrag der Verteidigung Ralf Wohllebens zurückging, die sich Entlastendes für ihren Mandanten erhofft hatte. Wohlleben gilt in der Anklage als "steuernde Führungsfigur".

Seine Verteidiger waren zunächst davon angetan, dass D. als Zeuge davon sprach, Wohlleben Anfang der Neunzigerjahre in einem Lehrlingswohnheim kennengelernt und später allenfalls sporadisch ein- bis zweimal pro Jahr getroffen zu haben. Dies würde darauf hindeuten, dass Wohlleben der Szene und dem Trio ferner war, als bisher angenommen wird.

Hoffmann äußerte nun die Erwartung, der V-Mann-Führer werde diese Aussagen von Marcel D. zu Wohlleben widerlegen können.

Marcel D. soll sich auch mit anderen über das untergetauchte Trio eingehend unterhalten und Spenden für die drei angeboten haben. Anwalt Hoffmann will beweisen, dass D. in den Jahren 1997 und 1998 Kontakt zur Kameradschaft Jena hatte und dass er mitbekam, wie sich diese Kameradschaft in jenen Jahren radikalisierte. In der rechten Szene seien Wohlleben, Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe als Mitglieder der Kameradschaft für Bombenattrappen in Jena verantwortlich gemacht worden. Dort sei auch bekannt gewesen, so Hoffmann, dass die drei ihren Lebensunterhalt inzwischen aus Raubüberfällen finanzierten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: