Tino Brandt im NSU-Prozess Der Größenwahnsinnige sagt aus

Tino Brandt war jahrelang Informant des Verfassungsschutzes und nutzte staatliche Mittel für den Aufbau einer Thüringer Neonazi-Organisation. Im NSU-Verfahren sagt er nun als Zeuge aus - und spricht von einem "Schauprozess".

Von , München

Tino Brandt (hier 2001 in Frankfurt am Main): Aussage als Zeuge im NSU-Prozess
Peter Juelich

Tino Brandt (hier 2001 in Frankfurt am Main): Aussage als Zeuge im NSU-Prozess


Je länger Tino Brandt redet, desto mehr wachsen die Zweifel, ob dem langjährigen V-Mann des Verfassungsschutzes und Gründer des rechtsextremen "Thüringer Heimatschutzes" jemals irgendetwas geglaubt werden konnte. Als Zeuge im NSU-Prozess belastet er Personen, wenn es ihm opportun zu sein scheint. Er entlastet andere, von denen er sich etwas verspricht. Er erinnert sich genau an Namen und beruft sich dann auf sein schlechtes Namensgedächtnis, wenn es ihm günstig erscheint. Er verharmlost, beschönigt, erzählt karg oder weitschweifig, wie es ihm gefällt. Man kann das pfiffig nennen oder gerissen, beides trifft zu.

Auf Abstand geht er, wenn er vom Gericht, einem Verteidiger oder Nebenklageanwalt nach dem "Trio" gefragt wird, also Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Da beruft er sich auf seinen Wohnort Rudolstadt, und dass er doch nicht so genau habe wissen können, was sich in Jena abspielte, dem Wohnort des Trios in den Neunzigerjahren. Von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) will er nichts mitbekommen haben. "Ich habe Informationen über das Trio weitergegeben, aber nicht versucht, das in Jena zum Thema zu machen. Sonst hätte ich mich ja selbst gefährdet. Also versuchte ich, von dem Thema fernzubleiben."

Der Spitzel, der Betrüger, der politische Stratege mit Größenwahn, der als einer der jungen Rechten im Osten schnell merkte, dass mit der Parole "Weg von der Gewalt" im Westen Interessenten zu gewinnen waren - Tino Brandt hatte viele Gesichter. Heute sitzt er in U-Haft unter dem Verdacht der Zuhälterei, verstoßen von den Kumpanen von einst. Er soll junge Männer der Prostitution zugeführt haben.

Es klingt nicht nach Bedauern

"Haben Sie je Bedenken gehabt wegen Ihrer Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz?", fragt einer der Verteidiger. "Man hat sich immer unwohl gefühlt", antwortet Brandt. Es sei eine Gratwanderung gewesen und "sicher kein ordentlicher Weg". Es klingt nicht nach Bedauern.

Denn in einer Zeit, in der die meisten jungen Leute im Osten arbeitslos waren, verfügte Brandt über zwei Gehälter: eines von seinem Arbeitgeber, dem Verlag "Nation Europa" in Coburg; ein zweites, das ihm das Landesamt für Verfassungsschutz in zunehmender Höhe zahlte. Außerdem konnte er sich auf Kosten des Landesamts technisches Gerät besorgen, von dem die Kameraden nur träumten. "Sie hatten mal ein Grundstück?", lautet die nächste Frage. Ja, ein gepachtetes in Kahla, antwortet er. Dort sei mit Luftgewehren geschossen worden. Nichts von wegen Wehrsportübungen. Mit Waffen habe er ohnehin nie etwas zu tun gehabt.

Es werden Fotos gezeigt, auf denen Brandt mit Gewehr samt Zielfernrohr posiert. "Das war in Südafrika, als ich mit einer Delegation zur Feier 'Hundert Jahre Burenkrieg' war", antwortet er. "Aber nicht in Thüringen."

Brandt kommt auf den Computerexperten Kai D. zu sprechen: Der verdingte sich als V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes, war Teil des bundesweit tätigen Neonazi-Netzwerkes "Gesinnungsgemeinschaft der neuen Front", betrieb das Computernetzwerk "Thule-Netz", über das Anleitungen zum Bombenbauen in der rechten Szene vertrieben wurden. D. war laut Brandt auch Mitglied des Rudolf-Heß-Komitees, das Aufmärsche zum Gedenken an Heß organisierte.

Und dieser Kai D. soll bei den Mittwochsstammtischen des "Thüringer Heimatschutzes" mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe am Tisch gesessen haben. Was wussten D. und Brandt später über das Untertauchen des Trios? Was über dessen Straftaten? Was wussten sie über die Lebensumstände des Trios? Es fügt sich Mosaikstein zu Mosaikstein zum Verdacht, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe auf eine umfangreiche Unterstützergemeinde bauen konnten.

"Schauprozess"

So schillernd die Angaben des Zeugen Brandt auch sein mögen, so oft er sich als Zeuge hinter mangelnder Erinnerung verschanzt: Dass in Thüringen ein rechtsextremes Milieu gedieh, aus dem schließlich der NSU mit seinen Mordtaten hervorging, ist ohne die Unterstützung aus dem Westen nicht denkbar. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die Verbitterung der Mutter Uwe Böhnhardts, wie sie als Zeugin vor Gericht darüber klagte. Das alles schmälert zwar nicht die mutmaßliche Schuld der Angeklagten und ihrer verstorbenen Gesinnungsgenossen, widerspricht aber doch der Auffassung, beim NSU habe es sich nur um eine extreme Kleinstgruppe gehandelt.

Brandt bekannte sich auf Fragen der Nebenklage auch vor Gericht wieder zu seiner Überzeugung, Ausländer und Personen mit ausländischen Wurzeln sollten mit den Familien in ihren Heimatländern "zusammengeführt" werden. Das Gericht ließ die Frage eines türkischstämmigen Anwalts zu, ob Brandt in Deutschland lebende Türken als "gleichberechtigten Teil der Gesellschaft" ansehe. "Wenn sie integriert sind, habe ich kein Problem", antwortete Brandt.

"Waren die vom NSU ermordeten Kleingewerbetreibenden nicht integriert?", fragte der Anwalt weiter. "Ich halte diesen Prozess für einen Schauprozess", sagte Brandt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden Uwes das gemacht haben. Privat glaube ich diese Geschichte nicht."

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