NSU-Zeuge Tino Brandt Stramme Kameraden

Tino Brandt war eine führende Figur der rechtsradikalen Szene Thüringens, in der sich die mutmaßlichen späteren Rechtsterroristen des NSU radikalisierten. Im Münchner Prozess stellt er sich und vier Angeklagte als "ideologisch gefestigte" Neonazis dar.

Von , München

Tino Brandt bei einer Neonazi-Demo in Neuhaus am Rennweg (ganz vorne, 1996): Im Hintergrund Mitglieder und mutmaßliche Unterstützer des NSU
Sascha Fromm/ Thüringer Allgemeine

Tino Brandt bei einer Neonazi-Demo in Neuhaus am Rennweg (ganz vorne, 1996): Im Hintergrund Mitglieder und mutmaßliche Unterstützer des NSU


Würde Tino Brandt Angaben machen? Er gilt als einer der wichtigsten Zeugen im NSU-Prozess. Oder würde er, flankiert von Szeneanwälten, sich drücken, wie so mancher Zeuge aus dem rechtsradikalen Milieu vor ihm es getan hat? Würde auch er sich hinter angeblichem Vergessen oder Nicht-Wissen verschanzen, statt Auskunft zu geben über den Nährboden, der die Verbrechen des NSU hervorgebracht hat?

Brandt, 39, das Gesicht der ultrarechten Szene Thüringens in den Neunzigerjahren und gleichzeitig offenbar hochgeschätzte Quelle des Thüringer Verfassungsschutzes, wird auf demselben Weg in den Saal geführt wie die Angeklagten. Es ist der 127. Verhandlungstag.

Brandt ist gefesselt, denn er sitzt wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch in U-Haft. Ein korpulenter, stiernackiger, schwarz gekleideter Mann mit Brille und Drei-Tage-Bart. Er kommt ohne Anwalt und hat einen Aktenordner unter dem Arm. In der freien Hand hält er einen Tetrapak Wasser. Anders als früher gestattet der Vorsitzende Manfred Götzl nicht nur den Angeklagten, sondern auch den Zeugen, während der Verhandlung zu trinken.

Brandt soll sich zum "Thüringer Heimatschutz" (THS) und dessen Entstehung äußern. "Das war für uns die Alternative zu den Gruppen, die es gab", sagt er. Die Älteren hätten die DDR noch erlebt und dann festgestellt, dass es, was Zensur und Unterdrückung betrifft, "zur BRD kein Unterschied war". Der Vorsitzende gibt sich erstaunt. "Eine freie Presse hat es nach 1989 meiner Meinung nach nicht gegeben", erläutert Brandt seine Auffassung. Einen "freien Rechtsstaat" habe er sich ganz anders vorgestellt.

"Qualität statt Quantität"

Wieder fragt Götzl erstaunt nach, was Brandt und seine Kameraden denn erwartet hätten. "Einen Staat", erklärt der Zeuge, "der eine freie Wissenschaft zulässt und politische Einstellungen nicht durch Gesetze einengt." Er nennt die entsprechenden Paragrafen des Strafgesetzbuchs: "Volksverhetzung und so". "Die sollte es Ihrer Auffassung nach nicht geben?", fragt Götzl. "Wenn man sich heute mit den Zahlen von Konzentrationslagern beschäftigt", beschwert sich Brandt selbstbewusst, dann dürfe man "bestimmte Zahlen ja nicht anzweifeln, ohne sich gleich strafbar zu machen."

"Auf welche Literatur greifen Sie denn zurück?" Brandt nennt einschlägige Publikationen amerikanischer Rechter. Götzl wechselt das Thema: Kameradschaft Jena und THS und das Verhältnis zueinander. Brandt bedauert, seit 2001 keinen Kontakt mehr zu den jetzigen Mitgliedern zu haben. "Weil ich den Fehler begangen habe, mit dem Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten, was mich mein Leben, meinen Job, meine Freunde und alles gekostet hat."

Der Kameradschaft Jena gehörten neben den beiden Verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Angeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und anfangs auch noch Holger G. und Carsten S. an. Brandt beschreibt die Kameradschaft als zwar zahlenmäßig kleinen, dafür aber "elitären, ideologisch gefestigten" Verbund im Gegensatz zu anderen Kameradschaften, in denen sich naive 16- und 17-Jährige sammelten. "Die Jenaer brauchten keine weltanschauliche Schulung." Für Zschäpe und Co. habe "Qualität statt Quantität" gegolten. Sie seien "hundertprozentig überzeugte Kameraden" gewesen, die dem Nationalsozialismus und dessen "Idealen" nahegestanden und so manches Ding "konspirativ durchgezogen" hätten.

Brandts Stolz auf "Mein Kampf"

"Wie haben Sie Frau Zschäpe erlebt?" will der Vorsitzende wissen. Bei ihr sei ein "ordentliches Wissen" vorhanden gewesen, "über das Germanentum und den Nationalsozialismus". Sie sei "keine dumme Hausfrau", die nur in der Ecke gestanden habe. Zwar habe sie sich nicht in den Vordergrund gedrängt und auch nicht wie eine "Nazibraut" ausgesehen, sondern "adrett" gekleidet. "Doch sie nahm an Aktionen teil und brachte sich bei Diskussionen ein. Sie war ein Mädchen, das in Ordnung war", lobt er. Er könne jedoch nicht beurteilen, mit wem sie liiert gewesen sei. Händchenhalten jedenfalls habe es nicht gegeben bei ihr. Seiner Einschätzung nach habe sie "immer zwischen den beiden Uwes gewechselt".

Wohlleben - nach Meinung Brandts ein zuverlässiger Kamerad. André K., mutmaßlicher aber nicht angeklagter NSU-Unterstützer - eine "Führungsfigur". Ihn habe man aber nicht mit Reportern reden lassen dürfen. "Denn nach zwei, drei Fragen hätte K. rabiat reagiert." Böhnhardt? Ein "militanter Mensch, ebenfalls mit einem gefestigten Weltbild". Mundlos? "Der trat als nationaler Sozialist auf", ein "wirklich lustiger Typ" mit einer Vorliebe für Bücher über Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß und die SS. "Er hat ,Mein Kampf' gelesen, wie ich auch", brüstet sich der Zeuge.

Wie viel Geld er vom Verfassungsschutz für seine Informationen bekommen habe? Das wisse er auch nur aus der Presse, er habe kein Kassenbuch geführt. "140.000 Euro?" fragt der Vorsitzende. "Kann sein", antwortet Brandt; wenn man Politik mache, koste das eben. Autos, Hotels, Telefonrechnungen sowie Geldstrafen gegen André K. habe er davon bezahlt. Auch an die Untergetauchten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sei Geld geflossen. Die Informationen, die er dem Dienst geliefert habe, hätten immer der Wahrheit entsprochen. "Denn es war abgesprochen, dass sich das Landesamt nicht um Straftaten kümmert."

Brandt sagt geschickt aus. Fragen nach Namen oder ungeklärten Punkten, etwa Wohllebens Unterstützung des Trios, weicht er aus: "Ist alles viel zu lange her." Was den Medien zu entnehmen ist oder in Untersuchungsausschüssen ans Licht kam, darüber berichtet er freimütig. Er ist offenbar einer, der stets das Beste für sich herauszuholen versucht. Nun gilt es, als redefreudiger NSU-Zeuge Pluspunkte für sich zu sammeln. Dafür hat er in München noch am Mittwoch und Donnerstag Gelegenheit.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.