Türkische Presseschau: "Das Vertagungsspiel hat dieses Mal nicht geklappt"

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Türkische Presse: "Irgendwie vertrauen wir deutschen Gerichten nicht"

Nach dem zweiten Verhandlungstag im NSU-Prozess widmen sich türkische Zeitungen der Strategie der Verteidiger. Die Blätter beschäftigen sich auch mit der Integration der in Deutschland lebenden Türken und ziehen erneut den Vergleich zum Prozess im Fall Jonny K.

Türkische Zeitungen berichten ausführlich vom NSU-Prozess in München. Acht der zehn Opfer waren türkischer Herkunft. Nach dem zweiten Verhandlungstag schreiben die Blätter über unterschiedliche Aspekte des Verfahrens.

Miktad Karaaloglu und Rahmi Turan von der Tageszeitung "Sabah" analysieren:

"Das Vertagungsspiel hat dieses Mal nicht geklappt. Trotz aller Hinderungsversuche wurde die Anklageschrift verlesen. Beate Zschäpe wird für die Ermordung von zehn Menschen verantwortlich gemacht."

Yavuz Donat , Kolumnist der Tageszeitung "Sabah", kommentiert:

"Vergesse nicht die Vergangenheit: Man kann kein Auto fahren, wenn man ununterbrochen in den Rückspiegel schaut. Bleiben wir ständig in der Vergangenheit, so können wir die Zukunft nicht erreichen. Aber Vergessen können wir die Vergangenheit auch nicht. Nachdem die Neonazis in Deutschland acht Türken ermordet haben, erschien ein 'Album' von der Musikgruppe Gigi und die braunen Stadtmusikanten. Es gab ein Lied mit dem Titel 'Dönermorde'. Ein anderes Lied hieß 'Bis nach Istanbul', was so viel bedeutet wie 'Fahrt zur Hölle'.

Kann man vergessen, dass im fortschrittlichen Europa, im europäischen Führungsland Deutschland so eine rassistische Gruppe so ein Hassalbum gemacht hat? Kann man es vergessen?

Späte Vernunft der Türken: Am 17. Dezember 1988 wurde die Wohnung einer türkischen Familie von Neonazis in Brand gesetzt. Fatma Can, Osman Can und Mehmet Can sind heute tot. Wäre es nicht besser, wenn wir diese Massenreaktion, die wir heute zeigen, schon damals gezeigt hätten? Unsere Stimme als Nation erhoben hätten? Hätte es denn dann alles soweit kommen können? Sowie man im türkischen sagt 'Türken kommen verspätet zur Vernunft', so kommt unsere Reaktion auch verspätet.

Vertrauensproblem: Wir wollen den deutschen Gerichten, der peniblen Gerichtsbarkeit, den Richtern des Münchner OLG sehr vertrauen, aber irgendwie tun wir es nicht. Wir schauen uns um und sehen viele Menschen, die eine Unsicherheit zeigen. Falls das Münchner OLG:

- die Verbindung zwischen den Neonazis und der deutschen Armee ans Tageslicht befördert, (hat die deutsche Armee offen oder unter der Hand den Neonazis eine Ausbildung ermöglicht oder nicht?)

- aufklärt, warum die Telefongespräche, die mit dem Morden in Verbindung stehen, in den Gerichtsordnern keinen Platz gefunden haben, (man hat festgestellt, dass einige Telefongespräche vom BKA gelöscht wurden)

- es schafft, dass einige staatliche Elemente, die in enger Kooperation mit den Neonazis standen, in die Gerichtsakten kommen,

dann werden wir den deutschen Gerichten vertrauen und sagen, 'Gott sei Dank! In München gibt es Richter'."

Celil Sagir von "Zaman" schreibt unter der Überschrift "NSU-Prozess wirft Schatten auf die Integration":

"Deutsche und Türken, die sich für die Integration der in Deutschland lebenden Türken engagieren, denken, dass die Fragen, die durch den NSU-Prozess aufgeworfen werden und der dadurch entstandene Vertrauensverlust, der Integration schaden."

Ünal Arslan und Murat Durdu schreiben in der Zeitung "Zaman" unter der Überschrift "Doppelstandard im Gericht":

"Die Hauptangeklagte des NSU-Prozess Beate Zschäpe wurde ohne Handschellen in den Gerichtsaal gebracht. Sechs türkische Jugendliche, die sich für den Tod von Jonny K. verantworten müssen, wurden hingegen hinter dem kugelsicheren Sicherheitsglas platziert."

Zusammengestellt von Bülent Bilik

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL