Presseschau: "Jetzt müssen die richtigen Fragen gestellt werden"

Zum zweiten Verhandlungstag im NSU-Prozess beschäftigen sich türkische Zeitungen mit der Frage, wie die Mordserie so lange unentdeckt bleiben konnte. Sie widmen sich auch der Verantwortung der deutschen Behörden und den Berichten deutscher Medien.

Am zweiten Verhandlungstag im NSU-Prozess schreiben türkische Zeitungen über Erwartungen, die Landsleute an das Verfahren haben. Acht der zehn Opfer des NSU waren türkischer Herkunft.

Ayca Tolun, Reporterin der Tageszeitung "Taraf", analysiert:

"Jetzt müssen die richtigen Fragen gestellt werden. Der zweite Verhandlungstag des NSU-Prozesses beginnt heute. Tagelang haben wir über die Platzvergabe diskutiert, dann über die Kleidungen der Angeklagten. Zu den eigentlichen Fragen ist man irgendwie nicht gekommen: Wie kann es in einem Land, in dem das Staatssystem nahezu wie ein Uhrwerk funktioniert, dazu kommen, dass eine Terrorgruppe, die angeblich aus drei Personen besteht, jahrelang das ganze Land durchquert und zehn Menschen ermordet, ohne gefasst zu werden? Tragen die deutschen Sicherheitsbehörden, die im Verdacht stehen, die Taten der rechtextremen Organisationen stillschweigend hingenommen zu haben, eine Mitverantwortung? Anscheinend wird dieser Prozess das Land wie die Morde selbst sehr erschüttern."

Yavuz Donat , Kolumnist der T ageszeitung "Sabah", kommentiert:

"Deutsche Medien haben zum ersten Mal ohne 'Aber' über den Prozess berichtet. Als die Neonazis acht Menschen ermordeten, hatten die deutschen Medien die Sache nebenbei behandelt.

Natürlich haben sie über die Morde berichtet. Als sie es taten, haben sie keine lautstarke Verurteilung ausgesprochen. Was noch gravierender ist: Sie meinten, die Ermordeten hätten Verbindungen zur Mafia gehabt, es habe sich um familieninterne Abrechnungen gehandelt oder der türkische Staat habe die Finger im Spiel gehabt. Aber jetzt geben sich die deutschen Medien anders; sie schämen sich. Diese Scham sieht man in der Zeitungstiteln oder Fernsehberichten."

Ali Varli von "Hürriyet" schreibt:

"Den Türken so, den Deutschen so.

Der Prozess, bei dem sechs Jugendliche der Körperverletzung mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung im Fall Jonny K. beschuldigt werden, hat begonnen. Dass die Jugendlichen hinter Sicherheitsglas vor dem Richter standen, wirft die Frage auf, warum Beate Zschäpe noch nicht einmal Handschellen tragen musste."

Zusammengestellt von Bülent Bilik

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
TomRohwer 14.05.2013
... Besser wäre es gewesen, Frau Tolun hätte erst einmal das System des deutschen Rechtsstaates analysiert. Dann hätte sie nämlich festgestellt, daß diese Frage überhaupt nicht Gegenstand des Verfahrens ist, und daher im Verfahren auch weder gestellt noch beantwortet werden wird. Die Frage in diesem Verfahren ist: Was haben die Angeklagten getan, und wie ist dieses Tun strafrechtlich zu bewerten? Und nichts anderes.
2.
Derwatt 14.05.2013
Zitat von TomRohwer... Besser wäre es gewesen, Frau Tolun hätte erst einmal das System des deutschen Rechtsstaates analysiert. Dann hätte sie nämlich festgestellt, daß diese Frage überhaupt nicht Gegenstand des Verfahrens ist, und daher im Verfahren auch weder gestellt noch beantwortet werden wird. Die Frage in diesem Verfahren ist: Was haben die Angeklagten getan, und wie ist dieses Tun strafrechtlich zu bewerten? Und nichts anderes.
3. Sicherheitsglas?
unnglaublich 14.05.2013
Vielleicht weil die Angeklagten als Gruppe jemand totgeschlagen haben sollen und Zschäpe als Hausfrau logistische Unterstützung geleistet haben soll? Vive la difference!
4. Ich denke,
derandersdenkende 14.05.2013
Zitat von sysopZum zweiten Verhandlungstag im NSU-Prozess beschäftigen sich türkische Zeitungen mit der Frage, wie die Mordserie so lange unentdeckt bleiben konnte. Sie widmen sich auch der Verantwortung der deutschen Behörden und den Berichten deutscher Medien. NSU-Prozess: Türkische Zeitungen kommentieren Verfahren in München - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-tuerkische-zeitungen-kommentieren-verfahren-in-muenchen-a-899671.html)
man wird unter allen Umständen verhindern, daß die richtigen Fragen gestellt werden. Die Parteien, die die Aufarbeitung der Nazivergangenheit in Deutschland verhindert und die Entwicklung der NSU förderlich begleitet haben, werden kein Interesse daran haben, daß ihnen selbst ein Staubkörnchen auf die Füße fällt. Es heißt wie immer: Haltet den Dieb! Und die gleichgeschalteten Medien werden keine Hilfe im Sinne der Aufklärung sein.
5. Völlig richtig...
zodiacmindwarp 14.05.2013
Zitat von TomRohwer... Besser wäre es gewesen, Frau Tolun hätte erst einmal das System des deutschen Rechtsstaates analysiert. Dann hätte sie nämlich festgestellt, daß diese Frage überhaupt nicht Gegenstand des Verfahrens ist, und daher im Verfahren auch weder gestellt noch beantwortet werden wird. Die Frage in diesem Verfahren ist: Was haben die Angeklagten getan, und wie ist dieses Tun strafrechtlich zu bewerten? Und nichts anderes.
Hier soll die persönliche Schuld der Beklagten ermittelt und nach entsprechenden Beweisen gewürdigt werden. Die krampfhaften Versuche gewisser Medien daraus eine Art Tribunal gegen einen angeblich systemübergeifenden " Nazisumpf Deutschland" herzuleiten sind völlig daneben und zeigen eine recht verwirrte und von persönlichem Wunschdenken geprägte Sicht auf das deutsche Rechtswesen. Wenn es Verfehlungen deutscher Behörden im Rahmen der Strafverfolgung der Beklagten gegeben hat werden diese in einem anderen Verfahren behandelt. mkG Zodiacmindwarp
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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