NSU-Prozess Hasstiraden aus der Garage

"Tötet sie alle": Im NSU-Prozess lässt der Richter aus einem "Blood and Honour"-Heft vorlesen, das in Beate Zschäpes Garage entdeckt wurde. Ihr scheint das ziemlich unangenehm zu sein.

Von Wiebke Ramm, München

Beate Zschäpe vor Gericht: Angeklagt wegen Mittäterschaft bei zehn Morden
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Beate Zschäpe vor Gericht: Angeklagt wegen Mittäterschaft bei zehn Morden


"Vernichtet dieses Ungeziefer", "erschießt sie in ihren Autos, schlagt ihre schmierigen Köpfe ab", tönt es aus der Lautsprecheranlage des Gerichts. Beate Zschäpe verdeckt mit ihrer Hand ihren Mund. "Wenn ich dir in die Augen sehe, will ich dir in den Kopf schießen." Zschäpe guckt auf ihren Laptop, tippt auf ein paar Tasten. "Tötet sie alle." Zschäpe dreht sich zu ihrem Anwalt Mathias Grasel und spricht ein paar Worte zu ihm.

Es scheint, als sei der Hauptangeklagten im NSU-Prozess unangenehm, was Richter Manfred Götzl an diesem 247. Verhandlungstag verlesen lässt. Während ihre Mitangeklagten zum vorlesenden Richter schauen und aufmerksam zuzuhören scheinen, weiß Zschäpe offenbar nicht recht, wohin sie gucken soll.

Auf Antrag der Nebenklage liest der Senat mehrere Texte aus einem Heft der Neonazi-Organisation "Blood and Honour" vor. Das Heft stammt aus dem Jahr 1996. Es lag mit weiteren Neonazi-Schriften in einer von Zschäpe angemieteten Garage in Jena. Die Polizei entdeckte die Propaganda dort zusammen mit Material zum Bombenbau am 26. Januar 1998. Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tauchten noch am selben Tag unter.

In den rassistischen Texten von "Blood and Honour" wird zum Mord an Migranten und zum sogenannten führerlosen Widerstand aufgerufen. "88, Kameraden!", so beginnt das Vorwort der Ausgabe. 88 steht für HH, "Heil Hitler". In einem mit "Politik" überschriebenen Text wird der Kampf in kleinen, unabhängig agierenden Zellen propagiert. Für die Nebenklagevertreter liest es sich wie die Anleitung für den NSU.

Einer, der wohl Auskunft geben könnte über die Ideologie der mutmaßlichen Rechtsterroristen und über den Tag ihrer Flucht, sollte an diesem Tag vor Gericht als Zeuge aussagen. Doch Volker H. aus Jena ist nicht erschienen.

Dann ist er auf dem Handy nicht mehr zu erreichen

"Es gibt Schwierigkeiten mit der Anreise des Zeugen H.", sagt Richter Götzl um kurz vor 10 Uhr. Volker H., der frühere Freund und mutmaßliche Fluchthelfer von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, habe mitgeteilt, dass er eine Autopanne habe. "Er ist unterwegs. Ob er uns erreichen wird, weiß ich noch nicht, das müssen wir mal abwarten", sagt Götzl.

Der Richter teilt mit, Volker H. habe um 7.35 Uhr beim Oberlandesgericht angerufen. Der 37-Jährige sagte, er habe eine Panne und stehe auf einem Rastplatz rund 45 Kilometer vor Nürnberg. Um 8.05 Uhr rief das Gericht bei der Raststätte an. Ja, jemand sei dort gewesen, dann aber weitergefahren, hieß es. Drei Stunden vergehen. Volker H. meldet sich nicht mehr. Über sein Handy ist er nicht zu erreichen.

Als Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos im Januar 1998 untertauchten, holte Volker H. noch am selben Tag mit dem Auto von Böhnhardt die damalige Freundin des Mitangeklagten Ralf Wohlleben ab. Gemeinsam fuhren sie erst zu Zschäpes, dann zu Mundlos' Wohnung, um Kleidung zu holen. Am Abend wurde Volker H. in Böhnhardts Auto von der Polizei angehalten. Er wurde zur Vernehmung mitgenommen und verweigerte die Aussage. Die Polizisten brachten ihn zurück zum Auto und observierten ihn. Zu den untergetauchten Neonazis führte Volker H. sie nicht.

Im Februar 2012 wurde H. vom Bundeskriminalamt befragt. Dort gab er an, von Mitte bis Ende der Neunzigerjahre in der rechten Szene aktiv gewesen zu sein. Viel mehr sagte er nicht. An den Tag des Untertauchens der Drei erinnere er sich nicht. Er wisse bloß noch, dass er in Böhnhardts Auto unterwegs gewesen ist. Zu den Untergetauchten will er nach ihrer Flucht nie wieder Kontakt gehabt haben.

Um kurz vor elf Uhr beendet Richter Götzl das Warten auf den Zeugen und den 247. Verhandlungstag. Volker H. wird demnächst eine neue Ladung vom Gericht erhalten. Er soll nun am nächsten Mittwoch nach München kommen.

Volker H. ist nicht der erste Zeuge, der das Gericht im NSU-Prozess warten lässt. Es gab bereits mehrere Zeugen, insbesondere aus der Neonaziszene, die ohne Begründung gefehlt haben. Ein Zeuge ließ den Richtern sogar mitteilen, dass er sich eine Kneipe suchen werde und trinken müsse und deshalb nicht vor Gericht erscheinen könne.

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