NSU-Prozess Die verzögerte Reife von Uwe Böhnhardt

Im April 1996 hing eine Puppe von einer Autobahnbrücke in der Nähe von Jena: Sie trug einen Davidstern, der Kopf befand sich in einer Schlinge. Uwe Böhnhardt wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt. Doch er trat sie nie an.

Zschäpe mit Anwälten: Intensives Interesse an Böhnhardts Aktivitäten
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Zschäpe mit Anwälten: Intensives Interesse an Böhnhardts Aktivitäten

Von , München


Am Mittwoch war im NSU-Prozess ein einziger Zeuge geladen: Ein Mann, der früher wohl Anführer des inzwischen verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour" war, und der Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geholfen haben soll, Waffen zu beschaffen. Doch er sagte: nichts. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft, er machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Also widmete sich das Gericht früheren Urteilen gegen Uwe Böhnhardt. Die Liste seiner Straftaten war lang. Sie reichte vom Autofahren ohne Führerschein bis zu gefährlicher Körperverletzung und Erpressung. Und immer wieder Volksverhetzung. 1996 verurteilte ihn das Amtsgericht Jena zu drei Jahren und sechs Monaten Haft.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem zur Tatzeit 18-Jährigen vorgeworfen, er habe in einer Aprilnacht 1996 nach einer Geburtstagsfeier bei einem rechten Kameraden in einem Dorf südlich von Jena am Geländer einer Brücke über die A4 eine Puppe mit einem Davidstern aufgehängt. Der Kopf der Puppe hing in einer Schlinge. Außerdem habe Böhnhardt auf der Brücke eine Bombenattrappe platziert.

Die Reifeverzögerung Böhnhardts

Doch er verbüßte die vom Amtsgericht Jena ausgesprochene Strafe nicht: Es wurde Berufung eingelegt. Und die nächste Instanz, das Landgericht Gera, hob das Urteil des Amtsgerichts Jena auf und verringerte im Jahr darauf die Strafe gegen Böhnhardt auf zwei Jahre und drei Monate. Böhnhardt entzog sich der Strafe: Gemeinsam mit Zschäpe und Mundlos tauchte er im Januar 1998 unter.

Beide Gerichte hatten nach Jugendstrafrecht geurteilt: In Jena stellte man eine Reifeverzögerung bei Böhnhardt fest, in Gera konnte man sie zumindest nicht ausschließen.

Die Richter hielten Böhnhardt zugute, dass er den frühen Tod seines älteren Bruders, der 1988 unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, nicht verarbeitet habe. Außerdem hätten sich die Eltern fortan "einengend" und "verwöhnend" auf ihren Jüngsten konzentriert, der sich dem bald mehr und mehr entzog. In jedem Urteil ist von einer "dominanten" Mutter die Rede. Es sei zu erwarten, schrieben die Richter des Landgerichts in ihrem Urteil, "dass der Angeklagte unter dem Eindruck des Strafvollzugs nachreift".

In der Schuldfrage aber waren sich die Richter uneins: Das Amtsgericht Jena war überzeugt, dass Böhnhardt für die Puppe und die Bombenattrappe verantwortlich war. Dies geht aus dessen sorgfältigen und präzisen Urteilsbegründung eindeutig hervor. Das Landgericht hielt es dagegen für nicht nachweisbar, dass die Bombenattrappe auf das Konto von Böhnhardt ging. Es sprach ihn in diesem Punkt frei.

Dabei befand sich auf einem der mit Kabeln verbundenen Kartons ein Fingerabdruck Böhnhardts. Und André K., einer der engsten Gesinnungsgenossen Böhnhardts, arbeitete zu jener Zeit in einem Betrieb, der Straßenschilder und Material für Absperrungen herstellte.

Ein aufschlussreiches Telefonat

Nach Auffassung des Landgerichts aber hätte die Fingerspur auch auf andere Weise und bei anderer Gelegenheit auf den Karton mit der Aufschrift "Asti Spumante" gelangen können.

Gleichwohl schenkte es Böhnhardts Darstellung keinen Glauben, er und seine Freunde Uwe Mundlos, Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und Kai S. seien nach der Geburtstagsparty unmittelbar in Zschäpes Wohnung gefahren. Die Fünf, so ihre Darstellung vor Gericht, hätten den Gastgeber nicht gekannt, doch seine Gesinnung sei bekannt gewesen. Die Möglichkeit, dort kostenlos zu essen und zu trinken, hätten sie gern angenommen. Als es ihnen dann zu "langweilig" geworden sei, hätten sie bei Zschäpe zu Hause weitergefeiert. Man habe Skat gespielt, deutsches Blatt natürlich, und Nintendo.

Böhnhardt befand sich damals im Besitz von Musik-CDs, die wegen ihres rassistischen Inhalts verboten waren. Er bestritt vor Gericht jede Absicht, sie zu verkaufen. Ein abgehörtes Telefonat zwischen Zschäpe und Böhnhardt jedoch ließ sehr wohl auf eine Verkaufsabsicht schließen. Böhnhardt versuchte sich mit dem Argument herauszureden, er habe Zschäpe Geld geschuldet. Er habe am Telefon nur so getan, als erwarte er demnächst Geld von einem an den CDs mit Titeln wie "NSDAP", "Ali, Drecksau", "Kanaken raus", "Schlagt sie tot" interessierten Kunden. Dies aber nahmen selbst die Richter vom Landgericht dem Angeklagten nicht ab.

Das Telefonat zwischen Zschäpe und Böhnhardt ist aus einem weiteren Grund interessant, zeigt es doch das intensive Interesse Zschäpes an den Aktivitäten ihres Freundes, der ihr Rede und Antwort stand. Nach allem, was über die Zeit vor dem Abtauchen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt im Januar 1998 bekannt ist, spielte die im Münchner NSU-Prozess Angeklagte zu jener Zeit offensichtlich eine durchaus gleichberechtigte Rolle in der rechtsextremen Szene Thüringens.

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