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V-Mann-Führer im NSU-Prozess: Nachfragen unerwünscht

Von , München

Angeklagte Zschäpe (Mitte) mit Verteidigern: Schweigen vor Gericht Zur Großansicht
DPA

Angeklagte Zschäpe (Mitte) mit Verteidigern: Schweigen vor Gericht

Tino Brandt baute in Thüringen die Neonazi-Organisation auf, in der auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aktiv waren - und er diente dem Verfassungsschutz als Informant. Im NSU-Prozess sagte nun sein früherer V-Mann-Führer aus.

Schon zum dritten Mal sagt Norbert Wießner, Regierungsoberrat a.D. beim Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, im NSU-Pozess als Zeuge aus. Zwischen 1994 und 2001 war er zweimal Quellenführer von Tino Brandt - jenes V-Mannes, der wie kaum ein zweiter die Rolle als Diener zweier Herren beherrschte. Er gilt als einer der zentralen Akteure der Szene, ohne die es den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wohl nicht gelungen wäre, 13 Jahre lang unentdeckt im Untergrund zu leben.

Als Brandt selbst Zeuge im NSU-Prozess war, rühmte er sich vor Gericht, dem Verfassungsschutz ausschließlich Informationen über Veranstaltungen und Treffen weitergegeben, aber niemanden "ans Messer geliefert" zu haben. Mit ausdrücklicher Genehmigung seiner V-Mann-Führer habe er nicht über geplante oder begangene Straftaten von Kameraden berichten müssen. Daran sei das Amt nicht interessiert gewesen.

Wer Zweifel an dieser Darstellung hatte, wurde am Dienstag durch den Zeugen Wießner eines Besseren belehrt.

Der ehemalige V-Mann-Führer berichtete etwa von einer Information, die er im Frühjahr 1999 von Brandt erhalten habe: Die seit Januar 1998 untergetauchten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hätten ihr Aussehen verändert, und zwar so gründlich, dass selbst Freunde sie nicht erkennen würden. Der Vorsitzende Manfred Götzl darauf: "Kam zur Sprache, wie sich das Aussehen der Gesuchten verändert hatte?" "Nein", antwortete der Zeuge.

Jetzt, da man von zehn mutmaßlichen Morden des NSU weiß, scheinen die Interessen des Amts ziemlich obskur. Ist dem Mann vom Verfassungsschutz zugutezuhalten, dass sich damals der Fokus der Dienste mehr auf die Entwicklung der rechten Szene richtete als auf die drei Untergetauchten, die noch nicht schwerer Verbrechen verdächtig waren? Die Frage, warum die drei Neonazis sich versteckten, obwohl nur Böhnhardt wegen einer Haftstrafe einen Grund dafür hatte, stellte sich anscheinend niemand.

Gewaltbereitschaft sei damals kein Thema gewesen, sagt Wießner. "Für mich war nicht vorstellbar, dass Kleinkriminelle solche Taten begehen könnten."

"Ehrlicher Kamerad"

Wießner spricht von der "Problematik", dass "man" keine Nachfragen habe stellen und auch nicht "zu viel Engagement" habe zeigen können; sonst wäre die Quelle sofort aufgeflogen. Man? Er meint damit offenbar, dass Brandt in der Szene nicht zu viel habe nachfragen können, ohne aufzufallen. Aber so, wie sich Wießner ausdrückt, klingt es, als habe auch der Verfassungsschutz bei seiner Quelle nicht weiter nachgefragt. Warum nicht? Sah sich Wießner mit Brandt als Team? "Wir hatten den Eindruck, dass Brandt ehrlich berichtete", sagt der Zeuge. Ein "ehrlicher Kamerad". 80 Prozent von Brandts Informationen seien richtig gewesen.

Wießner erfuhr von Brandt unter anderem, dass er Kontakt mit Thorsten H. aufgenommen habe, um nach einem Unterschlupf für die Untergetauchten im Ausland zu suchen, etwa in einer südafrikanischen Neonazi-Enklave. Doch Zschäpe habe offenbar nicht ins Ausland gewollt, sondern sich der Hilfe eines Anwalts bedienen wollen. Um sich zu stellen?

Auf Betreiben der Familie Böhnhardt sei in Zusammenarbeit mit einem Szeneanwalt bei unterschiedlichen Behörden vorgefühlt worden, unter welchen Bedingungen eine Rückkehr in die Legalität möglich gewesen wäre, berichtet der Zeuge. Die als mutmaßliche NSU-Unterstützer angeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. seien zu einem Anwalt gefahren. Laut Wohlleben soll es zu einem Treffen dieses Anwalts mit "einem der Flüchtigen" gekommen sein. Ein Pluspunkt für die Verteidigung? Wollte Zschäpe wirklich ins bürgerliche Leben zurückkehren? Zu einer Flucht ins Ausland kam es nicht, Zschäpe stellte sich nicht, und die beiden Uwes blieben bei ihr.

Carsten S. habe laut Brandt wohl auch Geld des Verfassungsschutzes für die Untergetauchten nach Sachsen transferiert, berichtet der Zeuge Wießner weiter, 500 Euro, möglicherweise nicht nur einmal. "Wir konnten uns nicht vorstellen, dass S. eigenmächtig gehandelt hat" - eine Einschätzung Brandts und des Verfassungsschutzes gleichermaßen.

Summa summarum: Verhindert haben die V-Leute und ihre Führer nichts. Sie haben sich schon einige Mühe gemacht, aber dabei versagt. Sie haben falsch eingeschätzt, falsch bewertet, sie haben sich verzettelt, täuschen lassen und Akten angelegt, ohne sich Gedanken über die Bedeutung ihrer Notizen zu machen, um am Ende das Gesammelte teilweise wieder zu vernichten. Oder zu vergessen.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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