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NSU-Prozess: "Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen?"

Von , München

Brotzeit vor Gericht: Siegfried Mundlos gab sich beim NSU-Prozess alle Mühe zu provozieren. Der Vater des mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos brachte Proviant mit, polterte gegen die Ermittler, zweifelte die Kompetenz des Richters an. Zu seinem Sohn sagte er wenig - ausnahmslos Positives.

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Siegfried Mundlos bei Gericht: "Sie wollen mich nur abbügeln"

Dass die Vernehmung von Professor Siegfried Mundlos, 67, Vater des verstorbenen mutmaßlichen NSU-Mörders Uwe Mundlos, schwierig werden würde, war absehbar. Schon Brigitte Böhnhardt, die Mutter des mutmaßlichen Mittäters Uwe Böhnhardt, hatte es dem Gericht schwer gemacht und mehr über Schuldzuweisungen geredet denn über Tatsachen. Mundlos war ein Zeuge, wie er nur selten vor Gericht zu erleben ist: unbeeindruckt, überaus selbstbewusst, arrogant bis an die Grenze der Unverfrorenheit.

Er beginnt seinen Zeugenauftritt damit, dass er aus seiner braunen Aktentasche eine Flasche Wasser samt Becher, einen Apfel und einen Block auspackt. In dem hat er offenbar notiert, was er vor Gericht loswerden will. Zum Beispiel, dass "die Prozessbeteiligten, vor allem die Staatsanwaltschaft die Unschuldsvermutung berücksichtigen" sollen. Der Senatsvorsitzende Götzl fällt ihm ins Wort. Mundlos redet weiter. Götzl auch. Beide werden lauter. Mundlos scheint es nicht gewohnt zu sein, unterbrochen zu werden. Er hält sich für den Chef im Ring. Götzl aber ist es.

Der Richter, bekannt für cholerische Ausbrüche, hat sich im NSU-Prozess beachtlich selbst diszipliniert. Mit diesem Zeugen aber gerät er sofort aneinander. "Sie haben offensichtlich vor, Ihre Zeugenrolle nicht einzunehmen!" Der Ton wird schärfer. "Es ist nicht die Aufgabe des Zeugen, einen Prozess zu gestalten!" Mundlos, ebenso scharf: "Ich bin in diesem Verfahren nicht nur Zeuge, sondern Verletzter!"

Dann kehrt er zurück zur Charakterisierung seines Sohnes. Lieb sei Uwe gewesen als Kind und hilfsbereit gegenüber seinem älteren behinderten Bruder. "In der DDR wäre er als systemkritischer Kämpfer durchgegangen", sagt der Vater. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios und Hauptangeklagte, sei von 1992 bis 1994 die erste Freundin seines Sohnes gewesen.

"Sie hören mir jetzt zu"

Mundlos spricht öfter von seinem Sohn, als lebte der noch. "Er ist ein sehr ehrlicher Mensch", sagt er. Oder: "Ich kenne doch meinen Sohn!" Beate Zschäpe habe er nicht für rechts gehalten: "Ich hätte sie eher dem linken Spektrum zugerechnet. Sie hat einen rumänischen Vater. Fremdenhass habe ich nie bei ihr bemerkt." Er entlastet sie, wann immer er kann, ebenso den Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Dafür belastet er Uwe Böhnhardt und dessen Familie.

Das Thema Rechtsextremismus umschifft Mundlos. Er spricht vom "Traumdenken" der jungen Leute damals, von ihren "unrealistischen Vorstellungen, die Macht im Staat zu übernehmen", dem "hohen sozialen Bewusstsein" seines "naiven" Sohnes.

Was aber lief schief?

Mundlos hat eine Antwort parat. Wenn der Verfassungsschutz Geld bereitstelle, um junge Leute zu Veranstaltungen zu bringen, bei denen sie dann von der Polizei abgefangen würden - er kann den Satz nicht beenden, denn der Vorsitzende unterbricht ihn:

"Woher wissen Sie das? Oder haben Sie das irgendwo gelesen?"

"Ich will Ihnen nur meine Erklärungsversuche schildern!"

"Sie sollen aber die Beziehung von Frau Zschäpe zu Ihrem Sohn beschreiben!"

"Lassen Sie mich doch ausreden!"

"Nein! Sie hören mir jetzt zu!"

"Ich höre doch zu!"

Es geht unablässig so weiter.

"Fragen Sie doch Frau Zschäpe!" blafft Mundlos den Vorsitzenden an, wissend, dass sie die Aussage verweigert. "Ich frage Sie!" blafft Götzl zurück. Mundlos beißt in seinen Apfel. Götzl unterbricht sofort. Nach der Pause erklärt Mundlos sich für "gestärkt". Götzl aber ist noch immer ungehalten: "Ich mache mein Geschäft wirklich nicht erst seit ein paar Jahren. Aber ich muss Ihnen schon sagen, Herr Dr. Mundlos, dass Sie der erste Zeuge sind, der hier seine Brotzeit auspackt!"

"Ich war der Vater, er der Sohn"

Der Richter führt den Zeugen zum Thema zurück. Ohne nachhaltigen Erfolg. Als sein Sohn den anderen Uwe kennengelernt habe, habe er, der Vater, gehört, dass es sich um einen "hochgefährlichen" Mann handle, trägt er vor. "Wäre es dann nicht Ihre Aufgabe gewesen, dies mit Ihrem Sohn zu diskutieren?" fragt Götzl. Mundlos fühlt sich angegriffen und wirft dem Vorsitzenden vor - was bisher noch niemand gewagt hat: "Sie sind ein kleiner Klugsch...!" Er spricht das Wort nicht komplett aus. Götzl ist kurz davor zu explodieren.

"Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen?" Das Wort "Unverschämtheit" fällt. Götzl droht dem Zeugen Ordnungsgeld oder eine Ordnungsstrafe an.

Mundlos erbost: "Was fällt Ihnen ein, mich so anzugehen? Sie können mich ruhig Professor Mundlos nennen!"

"Ich nenne Sie Dr. Mundlos, das ist Ihr Name!"

Die Fachhochschulprofessur beeindruckt Götzl wenig. Mundlos windet sich. Er habe keinen Grund gesehen, über Uwe Böhnhardts Gefährlichkeit zu sprechen. Und schiebt hinterher: "Sie tun so arrogant!"

Wie der Kontakt zu seinem Sohn gewesen sei, will Götzl von Mundlos wissen. "Ich war der Vater, er der Sohn", lautet die lapidare Antwort. Er habe vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt ausgesagt, dass man das Trio bewusst habe untertauchen und fliehen lassen, und dazu wolle er nun aussagen. "Die ständige Beobachtung von Böhnhardt und meinem Sohn führte dazu, die beiden noch irrer zu machen! Das gilt auch für die Herren der Bundesanwaltschaft."

Welche Interessen hatte sein Sohn? Radfahren, Radtouren und Computer, lautet die Antwort des Zeugen. Mundlos redet und redet. Götzl sagt: "Ich glaube, Sie haben meine Fragen nicht verstanden." "Sie wollen mich nur abbügeln", bekommt er als Antwort zurück. Was Götzl wissen und Mundlos sagen will - es passt nicht zusammen.

Er versichert den Opfern sein Mitgefühl. Von den betroffenen Familien ist an diesem Tag keine anwesend. Er belehrt den Vorsitzenden: "Sie können die Sache erst aufklären, wenn Sie die Rolle des Verfassungsschutzes aufklären. Und wenn sich die Bundesanwaltschaft nicht weiter so hartleibig zeigt - das deutsche Volk wird sich das nicht gefallen lassen!"

"Der Zeuge soll hier keine Volksreden halten", beschließt Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten mit hochrotem Kopf die Diskussion.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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