NSU-Prozess Zschäpe und die "blinde Liebe"

Im NSU-Prozess stand jetzt der Wahlverteidiger der Angeklagten Beate Zschäpe im Mittelpunkt: Hermann Borchert lieferte ein ausgesprochen schwaches Bild ab, als er den psychiatrischen Sachverständigen befragte.

Hermann Borchert und Beate Zschäpe
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Hermann Borchert und Beate Zschäpe

Von , München


Beate Zschäpe fühlt sich von ihren neuen Rechtsanwälten Mathias Grasel und Hermann Borchert gut verteidigt. So hat es die Hauptangeklagte zuletzt im NSU-Prozess erklären lassen. Man wüsste gern, ob sie ihre Einschätzung auch nach diesem 339. Verhandlungstag aufrechterhält oder ob ihr inzwischen Zweifel kommen.

Dieser Dienstag war im Saal A101 des Münchner Oberlandesgerichts der Tag von Zschäpes Wahlverteidiger Borchert. Bis in die Nachmittagsstunden hinein befragte er den Sachverständigen Henning Saß. Dieser hatte in der vergangenen Woche sein psychiatrisches Gutachten zur Angeklagten erstattet, sie darin für schuldfähig erklärt und eine Sicherungsverwahrung Zschäpes nahegelegt.

Das Gutachten war ein schwerer Schlag für die Angeklagte, der unter anderem Mittäterschaft an zehn Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vorgeworfen werden. Zwar ist völlig unklar, inwieweit der 6. Strafsenat in seinem Urteil dem Gutachten folgen wird - aber so viel steht fest: Die Expertise des erfahrenen und angesehenen Gutachters ist von erheblicher Bedeutung.

Wie lange bleibt die Liebe blind?

Umso wichtiger war nun eigentlich die Reaktion der Verteidigung. Sie hätte versuchen müssen, mögliche Schwächen oder Widersprüche im Gutachten offenzulegen.

Borchert hat diese Gelegenheit kaum genutzt. Zwischenzeitlich stellte er Fragen, die bei manchen Prozessbeteiligten für Heiterkeit sorgten.

Beispiel: Saß hatte Zweifel an Zschäpes Erklärung geäußert, sie sei Uwe Böhnhardt in "blinder Liebe" verbunden gewesen. Blinde Liebe bestehe in der Regel nicht über Jahrzehnte, hatte Saß in der vergangenen Woche erklärt und damit auf das jahrelange gemeinsame Leben Zschäpes mit Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund abgestellt.

Ob es denn wissenschaftliche Erkenntnisse darüber gebe, dass blinde Liebe in der Regel nicht über Jahre dauere, fragte Borchert nun. Saß stutzte für einen Augenblick, fragte scherzhaft, welche Disziplin denn "für Liebesforschung" zuständig sei. Dann entgegnete er, dass es sicher Zeiten intensiver Liebe gebe, in denen auch die Urteilsfähigkeit des blind Liebenden eingeschränkt sei, dass blinde Liebe aber "nach allgemeiner Erfahrung" nicht über Jahrzehnte währe.

"Wie es da steht"

Auch als Borchert nachhakte, wie es zu verstehen sei, wenn der Sachverständige von Tendenzen Zschäpes spreche, "auf eine Außenverursachung" hinzuweisen, erwiderte Saß schlicht und einfach: "Eigentlich so, wie es da steht." Der Sachverständige hatte den Prozessbeteiligten das Gutachten in Schriftform zur Verfügung gestellt.

Tatsächlich hatte Saß in seinem Vortrag mehrfach von einer Tendenz Zschäpes gesprochen, eine eigene Verantwortung für bestimmte Dinge abzulehnen und stattdessen andere Personen verantwortlich zu machen.

Er hatte dafür auch mehrere Beispiele genannt - etwa einen Puppentorso samt Bombenattrappe, den Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe einst an einer Autobahnbrücke aufgehängt hatten. Die Idee sei auf ihre damaligen Weggefährten zurückgegangen, hatte Zschäpe erklärt, sie selbst habe sich nur an der Herstellung der Puppe beteiligt, nicht am Bau der Attrappe.

Borchert konnte an diesem Tag kaum Punkte für seine Mandantin sammeln. Dass er und Grasel schlechter mit dem Stoff der Hauptverhandlung vertraut sind als die Altverteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl, liegt in der Natur der Sache - schließlich kamen sie erst viel später hinzu.

Zschäpe meldet sich zu Wort

Es stellt sich aber zunehmend die Frage, ob es für Zschäpe klug war, den Kontakt zu ihren Altverteidigern abzubrechen und mit Grasel und Borchert einer neuen Verteidigungsstrategie zu folgen.

Sturm, Stahl und Heer mühen sich seit Wochen mit allen Kräften, das Gutachten von Saß, von dem sich Zschäpe nicht explorieren lassen wollte, kritisch zu hinterfragen. Sie haben dafür eigens einen Experten von der Universität Bochum herangezogen. Borcherts Vorgehen dagegen beschränkte sich an diesem Dienstag auf Fragen, die oftmals kaum zielführend waren.

Für die größte Überraschung sorgte an diesem Verhandlungstag Zschäpe selbst: Erstmals überhaupt meldete sie sich im Prozess frei zu Wort, auch wenn es nur knappe Sätze waren: "Die Worte sind nicht meine eigenen. Die sind nicht von mir", sagte sie - und bezog sich damit auf Teile eines Briefes aus dem Jahr 2013 an den damals in Bielefeld inhaftierten Neonazi Robin S. Die Sätze stammten aus einer Vorlage, die sie per Post erhalten habe. Sie habe also diese Stelle nur abgeschrieben.

Saß hatte den Brief für sein Gutachten herangezogen und darin Passagen ausgemacht, die nach seiner Einschätzung für eine dominante Persönlichkeit sprechen - und damit dem Bild von einer schwachen und abhängigen Frau widersprechen, das Zschäpe in ihrer Einlassung von sich selbst gezeichnet hatte.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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