NSU-Prozess Nebenkläger empören sich über "menschenverachtendes Denken"

Im NSU-Prozess sollte eigentlich die weitere Befragung des psychiatrischen Sachverständigen im Mittelpunkt stehen. Am Nachmittag sorgte dann aber die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben für Empörung.

Von , München


Der 340. Verhandlungstag im NSU-Prozess ist schon weit fortgeschritten, da sorgt die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben für einen Eklat. Ein Sachverständiger für Demographie solle geladen werden, so Anwalt Olaf Klemke. Zunächst löst das bei manchen Prozessbeobachtern Heiterkeit aus. Sie schlägt aber schnell in blankes Entsetzen um, als Klemke seinen Antrag begründet: Der rechte Szeneanwalt provoziert mit rechtsradikalem Gedankengut.

Es geht in dem Antrag unter anderem um ein weißes Feuerzeug, das Ermittler bei einer Durchsuchung bei Wohlleben gefunden hatten. Es trug die Aufschrift: "Volkstod stoppen".

Nach Klemkes Logik könne aber jedermann von einem "drohenden Volkstod" des "deutschen Volkes sprechen". Ein demographischer Sachverstständiger solle bezeugen, dass es in Deutschland seit 1970 einen deutlichen Geburtenrückgang gebe und das "deutsche Volk" jährlich 150.000 Deutsche verliere. Im Gegenzug sei eine "massenhafte Einwanderung Nichtdeutscher" in das Gebiet der Bundesrepublik zu verzeichnen, so dass "das deutsche Volk in seiner bisherigen Identität" im Jahr 2050 in einer Minderheit "gegenüber den Nichtdeutschen" sein werde.

Die Anwälte des Mitangeklagten begründeten ihren Antrag damit, dass es bei Zeugenvernehmungen zuletzt auch um Ansichten und Äußerungen ihres Mandanten gegangen sei und es dabei erforderlich geworden sei, aufzuklären, "was sich hinter dem Begriff 'Volkstod'" verberge.

Die Anwälte aus der rechten Szene haben bereits mehrfach mit provokanten Anträgen für Eklats im NSU-Prozess gesorgt.

Wohlleben war zwischenzeitlich stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Thüringen. Laut Anklage war er maßgeblich bei der Beschaffung der Pistole vom Typ Ceska 83 beteiligt, mit der neun Migranten erschossen wurden. Die Taten werden dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zur Last gelegt.

Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler attestierte den Wohlleben-Verteidigern am Mittwoch "Nazi-Jargon" und "menschenverachtendes Denken". Sollte sich Wohlleben die Worte seiner Verteidiger zu eigen machen, wären mögliche Zweifel an der ideologischen Ausrichtung des Mitangeklagten wohl ausgeräumt.

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