NSU-Prozess Gericht zeigt Videos von letzten Tagen vor Böhnhardts und Mundlos' Tod

Mit einer Video-Anlage haben die mutmaßlichen Rechtsterroristen vom NSU die Zugänge zu ihrer Wohnung überwacht. Die Bänder waren zerstört, Kriminaltechniker konnten sie wiederherstellen. Jetzt wurden sie im Prozess gegen Beate Zschäpe gezeigt.

Unklare Verhältnisse: Wer bestimmt die Verteidigungsstrategie für Zschäpe?
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Unklare Verhältnisse: Wer bestimmt die Verteidigungsstrategie für Zschäpe?


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Ein Blick zurück in Beate Zschäpes Vergangenheit, als sie noch ein scheinbar bürgerliches Leben führte: In der Zwickauer Frühlingsstraße hatten die Bewohner - Zschäpe, Uwe Böhnhardt und möglicherweise auch Uwe Mundlos - Kameras installiert. So blieben die Straße, der Hinterhof mit der Eingangstür sowie das Treppenhaus bis zur Haustür im Blick.

Nach dem mutmaßlich von Zschäpe herbeigeführten Brand am 4. November 2011 wurden die Ermittler im Schutt des Hauses fündig: Reste von Videoaufnahmen aus diesen Kameras. Trotz der Schäden durch Ruß und Löschwasser ließen sie sich zum Teil noch rekonstruieren.

Bilder, entstanden Ende Oktober 2011: Eine ausgestorbene Gegend, hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Man sieht Zschäpe, wie sie mit einem Wäschekorb die Wohnung betritt. Eine Besucherin mit zwei Kindern in einem dunklen Auto fährt vor. Später spielen die Kinder unten im Hof. Zwei kahlköpfige Männer. Einer macht sich an den Mülltonnen oder an den Briefkästen zu schaffen. Es sind Böhnhardts und Mundlos' letzte Tage vor dem Tod. (Hier sind die Videos dokumentiert.)

In einer anderen Sequenz erkennt man Zschäpe, wie sie mit einem Besucher das Haus verlässt und mit Einkäufen zurückkehrt. Dezember 2010, draußen hat es geschneit. Es ist dunkel. Böhnhardt und Mundlos kehren oder wischen den Hausflur, der offensichtlich durch Schnee oder Matsch verschmutzt worden war.

Zu wem gehörte das Mädchen?

Es hätte so manche Frage gegeben zu diesen Aufnahmen. War die Besucherin mit den Kindern Susann E., die Ehefrau des Mitangeklagten André E.? In dem Reisemobil, mit dem sich Böhnhardt und Mundlos zu ihrem letzten Überfall in Eisenach aufgemacht hatten, in dem sie sich wohl selbst töteten, wurde Kinderspielzeug gefunden. Ein Plüschbär, eine Puppe, ein Schuh, an dem DNA eines Mädchens gefunden wurde. Wer war dieses Kind? André und Susann E. haben zwei Söhne. Bei der Anmietung des Reisemobils war ein kleines Mädchen dabei. Zu wem gehörte es?

Zschäpes Verteidiger Mathias Grasel verfolgt die Vorführung der Videoaufnahmen am Dienstag im Oberlandesgericht München mit unbewegter Miene. Zschäpe redet auf ihn immer wieder ein, gestikulierend, lächelnd, auffordernd. Wie zur Abwehr dieser Offerten hält Grasel sie mit seinem rechten Arm auf Abstand, presst die Faust vor den Mund und verharrt passiv.

Die Ratlosigkeit des Verteidigers

Altverteidiger Wolfgang Stahl zu ihrer Rechten - von dem Zschäpe wegrückt, soweit es geht, um dadurch Grasel umso näher zu sein - liegen sichtlich Fragen auf den Lippen. Fragen an den Mann von der Kripo, der sich zu den Aufnahmen äußert. Fragen hätte er aber wohl auch an Zschäpe. Er kann sie nicht stellen, weil diese jede Kommunikation verweigert. Stahl steht auf, macht eine ratlose Handbewegung. Wie soll er diese Frau verteidigen, die nicht verteidigt werden will?

Dass das Thema Verteidigung das letzte Drittel des NSU-Prozesses bestimmen könnte, wird zunehmend deutlicher. Zum wiederholten Mal kursieren Gerüchte über eine angeblich bevorstehende Aussage der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, diesmal in Form einer Erklärung, die ihr neuer Anwalt Mathias Grasel angeblich im November vortragen werde. Ausgangspunkt dieser Gerüchte soll die Münchner Kanzlei Borchert sein, in der Grasel beschäftigt ist.

Die Altverteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl hingegen scheinen von einer derartigen Änderung der Verteidigungstaktik nach wie vor nichts zu halten und würden Zschäpe dazu wohl auch nicht raten. Aus guten Gründen vermutlich.

Sturm, Stahl und Heer haben vor Beginn des Prozesses im Mai 2013 zusammen mit Zschäpe festgelegt, dass die Angeklagte sich zu den Anklagevorwürfen - Mittäterschaft bei zehn Morden, zahlreichen Raubüberfällen und ein Mordversuch - nicht äußere, sondern durch Schweigen verteidige. Bis heute ist Zschäpe davon nicht abgewichen.

Was ist Grasels Plan?

Allenfalls ihre Störmanöver, als sie mehrfach versuchte, die Altverteidiger loszuwerden, um einen neuen Anwalt durchzusetzen, ließen die Spekulation aufkommen, sie wolle sich nun doch zur Anklage äußern. Bei einem Psychiater klagte sie, es falle ihr zunehmend schwer, nicht aktiv am Prozess teilnehmen zu können. Ob dies jedoch ernst gemeint war oder nur ein Mittel, den jungen Anwalt Grasel an ihre Seite zu bekommen, und ob die vielfältigen Vermutungen und Gerüchte einen wahren Kern haben, das alles ist ungewiss.

Zschäpes Altverteidiger ließen schon öfter verlauten, falls die Mandantin vom ursprünglichen Konzept des Schweigens abweichen wolle, würden sie ihr selbstredend beistehen. Doch zwischen Grasel und Sturm, Stahl und Heer scheint noch immer keine Kommunikation stattzufinden. Also stellt sich die Frage, sollten die Gerüchte zutreffen: Was könnte Grasel überhaupt zugunsten Zschäpes erklären? Dass sie unschuldig sei und von den Verbrechen ihrer Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nichts gewusst habe? Etwas derartiges zu behaupten, dürfte Grasel, der erst im Juli 2015 als zusätzlicher Verteidiger bestellt wurde, angesichts seiner Unkenntnis weiter Teile der Hauptverhandlung und deren Ergebnissen unmöglich sein oder zumindest schwer fallen.

Oder will er ein Geständnis für sie ablegen? Ein Reuebekenntnis? Will Grasel darauf hinwirken, dass der Prozess platzt? Er hatte sich namens seiner Mandantin dem inzwischen gescheiterten Antrag auf Aussetzung des Verfahrens angeschlossen. Was hätten Zschäpe und er davon? Will Grasel sich etwa dann als alleiniger Verteidiger Zschäpes profilieren?

Der Vorsitzende Manfred Götzl hat für das Verfahren drei Verteidiger für notwendig erklärt. Grasel würde also auch in einem neuen Prozess - horribile dictu - keineswegs alleine neben Zschäpe sitzen, sondern sich mit mindestens zwei weiteren Verteidigern die Arbeit teilen müssen. Nach inzwischen 238 Verhandlungstagen eine absurde Vorstellung.

Video: Innenansichten einer Terrorzelle

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Zusammengefasst: Der NSU-Prozess wird derzeit dominiert von der Frage, wie es mit Zschäpes Verteidigung weitergeht: Mit ihren Altverteidigern spricht sie nicht. Gerüchte besagen, dass ihr neuer Verteidiger mit Zschäpe eine Erklärung vorbereitet. Im Prozess wurden Videos gezeigt, die neue Fragen aufwerfen.

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