Beate Zschäpe im NSU-Prozess Plötzlich mit Gefühl

Im NSU-Prozess wirkte Beate Zschäpe oft unterkühlt bis gefühllos. Alles nur Strategie - auf Anraten ihrer ersten Anwälte, ließ sie nun mitteilen. In Wahrheit seien ihr manche Zeugenaussagen sehr nahe gegangen.

Beate Zschäpe im Oberlandesgericht in München
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Beate Zschäpe im Oberlandesgericht in München

Von , München


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Hermann Borchert sitzt an diesem 333. Verhandlungstag des NSU-Prozesses mal wieder im Gerichtssaal. Wenn der Wahlverteidiger von Beate Zschäpe zugegen ist, kann man mit Wichtigem rechnen. So war es bislang, so ist es auch an diesem Tag.

Als nämlich das Gericht den Sachverständigen Henning Saß bittet, sein psychiatrisches Gutachten zur Hauptangeklagten Zschäpe zu erstatten, ist es Borchert, der eine Erklärung Zschäpes ankündigt. Sein Kollege Mathias Grasel werde sie vortragen, sagt Borchert und lehnt sich dann wieder zurück.

Es folgt die Verlesung von Zschäpes Erklärung durch Grasel, deren Inhalt unweigerlich an eine Songzeile von Udo Lindenberg erinnert: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu."

Denn Zschäpe, das wird beim Verlesen schnell deutlich, fühlt sich offenbar grundsätzlich missverstanden und will entschieden dem Eindruck entgegen treten, sie verfolge die Hauptverhandlung mit Distanz und Desinteresse und sei emotional unbeteiligt. Es sei alles ganz anders, so lässt sich ihre Darstellung zusammenfassen.

Das ungünstigste Szenario für Zschäpe

Saß hatte in seinem vorläufigen schriftlichen Gutachten unter anderem geschrieben, dass die Hauptangeklagte sich immer wieder hinter ihrem Laptop verschanze und in ihrem Ausdrucksverhalten mitunter so erscheine, "als lasse sie das Prozessgeschehen, das eigentlich kaum etwas mit ihr zu tun habe, an sich abgleiten". Monatelang habe sie den Gerichtssaal mit einem Ritual betreten, indem sie "recht ostentativ dem Pulk von Fotografen den Rücken" zugekehrt habe.

Seit Wochen wehrt sich die Verteidigung Zschäpes gegen das Gutachten von Saß. Die vorläufige schriftliche Version, die dem Gericht seit Monaten vorliegt, entspreche nicht den wissenschaftlichen Mindeststandards, monieren etwa Zschäpes Altverteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl. Auch wenn für das Gericht lediglich das noch nicht erstattete mündliche Gutachten von Belang ist, hat der Kampf der Verteidiger gegen Saß einen handfesten Grund: Saß attestiert Zschäpe in seinem Dokument die volle Schuldfähigkeit und legt zudem eine Sicherungsverwahrung für die Hauptangeklagte nahe. Für das mündliche Gutachten ist kaum ein anderes Ergebnis zu erwarten - für Zschäpe wäre dies aber das mit Abstand ungünstigste Szenario.

In ihrer neuerlichen Einlassung vor Gericht ist Zschäpe an diesem Dienstag sichtlich bemüht, Beobachtungen und Schlussfolgerungen von Saß zu korrigieren. Ihr regelmäßiges Wegdrehen von den Fotografen: eine "Reflexhandlung", die auf den ersten Verhandlungstag am 6. Mai 2013 zurückgehe und für die letztlich ihre Altverteidiger verantwortlich seien. Sturm, Stahl und Heer, mit denen sich Zschäpe bereits vor mehr als einem Jahr überworfen hat, seien damals nicht anwesend gewesen, als man sie in den Saal geführt hatte. Sie habe sich alleingelassen gefühlt, Journalisten hätten mit ihren Kameras "wie eine Wand" vor ihr gestanden. Ohne ihre Reflexhandlung, so Zschäpe, hätte sie den ersten Prozesstag nervlich nicht überstanden. Das Wegdrehen sei dann "zu etwas Vertrautem" geworden.

Gezwungen, regungslos zu bleiben

Überhaupt sind es mal wieder die Altverteidiger, mit denen Zschäpe in ihrer Einlassung abrechnet: Deren Schweigestrategie sei für sie selbst "zermürbend" gewesen, so Zschäpe. Die drei Juristen hätten ihr dringend geraten, gegenüber dem Senat und den Prozessbeteiligten jegliche Gemütsregungen zu vermeiden, "damit keine Rückschlüsse in Bezug auf die erhobenen Anklagevorwürfe gezogen werden können".

Glaubt man den Worten Zschäpes, dann hat sie sich vor Gericht lange Zeit regelrecht verstellen müssen: Die vermeintlich unterkühlte Desinteressierte ist, so schildert es jedenfalls die Angeklagte selbst, in Wirklichkeit emotional involviert und regelrecht angefasst. Keinem Zeugen habe sie aufgrund der Strategie ihrer Altverteidiger ihre wahren Gefühle zeigen können. Dabei seien ihr manche Zeugenauftritte sehr nahe gegangen. Wie etwa der Appell von Ayse Yozgat, der Mutter von Halit Yozgat, der als neuntes Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds gilt. Sie werde den Auftritt der Frau nie vergessen und habe sich damals gezwungen, "regungslos zu bleiben, obwohl meine Gefühle völlig andere waren".

Für viele Prozessbeobachter verfestigt sich mit der neuerlichen Einlassung der Eindruck, dass Zschäpe bemüht ist, jegliche Verantwortung abzulehnen: Für die dem NSU zur Last gelegten Morde und Sprengstoffanschläge macht sie allein ihre früheren Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verantwortlich. Sie selbst trage lediglich eine moralische Schuld dafür, dass sie nicht imstande gewesen sei, weitere Taten zu verhindern. Für den Eindruck, sie verfolge das Geschehen in der Hauptverhandlung wie eine Unbeteiligte, macht sie nun ihre Altverteidiger verantwortlich.

Sie fühle sich durch ihre Anwälte Grasel und Borchert aber nun "endlich in meinem Sinne verteidigt", lässt Zschäpe erklären. Und sie lässt auch dies vortragen: Ihr Bedauern und ihre Distanzierung von der rechten Szene, das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses, seien "absolut ernst gemeint".


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess hat Beate Zschäpe ihren Anwalt Mathias Grasel eine Erklärung verlesen lassen. Demnach hatte sie sich bisher im NSU-Prozess regelrecht verstellen müssen, um - wie demnach von ihren Altverteidigern geraten -, jegliche Gemütsregungen zu vermeiden. Diese Schweigestrategie habe sie jedoch zermürbt, so Zschäpe. In Wahrheit seien ihr manche Zeugenauftritte sehr nahe gegangen.

Mitarbeit Thomas Hauzenberger

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