NSU-Prozess in München: "Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt"

Von Gisela Friedrichsen, München

Beate Zschäpe im OLG München: Polizisten sagten über sie aus Zur Großansicht
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Beate Zschäpe im OLG München: Polizisten sagten über sie aus

Beate Zschäpe schweigt beharrlich im NSU-Prozess, doch nach ihrer Festnahme plauderte sie noch mit Beamten. Zwei sagten nun vor dem Oberlandesgericht München aus, was Zschäpe ihnen über sich und ihre mutmaßlichen Komplizen verriet.

Am 8. November 2011 bot sich für die Ermittler eine jener raren Gelegenheiten, von denen es später nicht mehr viele geben sollte: Beate Zschäpe hatte sich in Jena gestellt und war nach Zwickau gebracht worden. Dort hatte sie laut Anklage am 4. November jene Wohnung in der Frühlingsstraße 26 in Brand gesetzt, die sie mit ihren Gesinnungsgenossen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bis zuletzt bewohnt hatte. Man nahm ihr zwecks Spurensicherung die Kleidung ab und steckte sie in einen Trainingsanzug der Polizei.

Darin habe sie sich sehr unwohl gefühlt, berichtet ein Polizist. Er nahm sie damals in Zwickau in Empfang, stellte ihre Personalien fest und belehrte sie über ihr Recht zu schweigen. Nachdem sie erklärt hatte, keine Angaben machen zu wollen, begann er trotzdem eine "Unterhaltung" mit ihr. Als "Icebreaker", wie es die Verteidigung nennt.

Es war das erste Mal, dass Zschäpe redete. Es sei kein Verhör gewesen, sondern ein Gespräch, beteuert der Zeuge. So etwas sei doch besser, als sich anzuschweigen. Sie habe zum Beispiel nach dem Wohlergehen ihrer Katzen gefragt. "Ich sagte, die Tiere seien am Leben und in einem Tierheim untergebracht."

Suizidgedanken auf der Flucht

Wie mag Zschäpe, die sich zur Zeit vor dem Münchner Oberlandesgericht unter anderem wegen Mittäterschaft an zehn Morden aus rechtsterroristischer Gesinnung verantworten muss, diese Situation damals erlebt haben? War sie wirklich froh, wie die Ermittler sagen? Mehr als zehn Jahre hatte sie unter falschen Namen gelebt, seit 1998 abgeschnitten von ihrer Familie, von Freunden und Bekannten von früher, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Jetzt war jemand da zum Reden.

"Wir haben respektiert, dass sie keine Angaben zum Sachverhalt machen wollte", betont der Zeuge. Sie habe von ihrer Kindheit in Zwickau erzählt und dass sie ein "Omi-Kind" gewesen sei, das zur Großmutter ein viel besseres Verhältnis gehabt habe als zur Mutter. "Ich erinnere mich noch", sagt der Zeuge, "dass wir sie fragten, ob weitere Straftaten in Planung seien, die man noch verhindern könnte." Dies habe sie verneint.

"Sie berichtete, sie habe die Mütter der beiden Uwes angerufen und ihnen den Tod ihrer Söhne mitgeteilt." Und sie sei erleichtert gewesen, wieder mit ihrem richtigen Namen unterschreiben zu dürfen.

"Hat sie zum Elternhaus der beiden Uwes etwas gesagt?", fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. "Sie sagte, sie stammten aus behüteten Elternhäusern, und sie könne sich die Entwicklung ihrer Freunde eigentlich nicht erklären - im Vergleich zu ihrer eigenen Lebensgeschichte", antwortet der Zeuge. "Ich erinnere mich noch, dass wir sie gefragt haben, ob sie sich mal das Leben habe nehmen wollen in den letzten Tagen", denn die beiden Uwes hätten sich ja am 4. November umgebracht. Dies habe sie bejaht. Aber sie habe nicht die Kraft dazu gehabt.

War Zschäpe in diesen Tagen des Umherirrens das Ausmaß dessen bewusst geworden, was nun auf sie zukommen würde?

"Sie erklärte", fährt der Zeuge fort, "sie sei zu nichts gezwungen worden." Später korrigiert er sich: Sie sei "nie" zu etwas gezwungen worden; dies habe er in seinem Notizbuch festgehalten.

"Frau Zschäpe wurde ja nicht gezwungen, etwas zu sagen"

Wie kam es dazu, dass eine Ermittlerin aus Baden-Württemberg bei der "Unterhaltung" dabei war? In dem Bundesland wurde laut Anklage die Polizistin Michèle Kiesewetter von den Mitgliedern des NSU erschossen. Wurde sie extra dazugeholt? Wenn ja, warum? Sprachen sich die Ermittler vorher ab, bestimmte Fragen an Zschäpe vorerst nicht zu stellen, etwa die Beteiligung am Mordfall Kiesewetter, sondern sich nur auf den Brandvorwurf zu beschränken?

Es entwickelt sich das übliche Wortgefecht. Thomas Bliwier, Nebenklagevertreter im Fall des Ermordeten Halit Yozgat, lässt nicht locker. Jens Rabe, Vertreter der Familie Simsek, springt ihm bei und zitiert die Pflicht des Polizeibeamten, in einer Beschuldigtenvernehmung die Verdachtsmomente offenzulegen. Annett Greger, Oberstaatsanwältin beim BGH, hält solche Nachfragen für "nicht zur Sache gehörig". Der Zeuge zieht sich auf seine nur beschränkte Aussagegenehmigung zurück. Das "ist unberechtigte Zeugnisverweigerung", sagt Bliwier. Tägliches Brot in einem Strafprozess, auf das es aber am Ende ankommen kann.

Dass man damals wusste, wen man da vor sich hatte, ist mehr als naheliegend. Mehrfach sagt der Zeuge, er wolle sich "nicht zu weit aus dem Fenster lehnen". Man habe darauf geachtet, keine "verbotenen Vernehmungsmethoden" anzuwenden, was auch Frau Zschäpe versichert worden sei. War sie überhaupt noch in der Lage, dies zu begreifen? "Nach meinem Eindruck - ja", bekräftigt der Polizist. "Frau Zschäpe wurde ja nicht gezwungen, etwas zu sagen", antwortet er. Es habe sich halt so ergeben, "rein zufällig".

Ein zweiter Zeuge, Beamter beim Bundeskriminalamt, begleitete Zschäpe am 13. November 2011 von der JVA Chemnitz zum Bundesgerichtshof nach Karlsruhe. Eine Stunde und 45 Minuten Flug mit dem Hubschrauber der Bundespolizei. Anschließend wieder eine Gelegenheit zu einer "Unterhaltung" vor der Vernehmung durch den Ermittlungsrichter des BGH.

Die Hoffnung auf eine Aussage Zschäpes war damals ungebrochen, vor allem, nachdem sie erklärt hatte, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen. Sie wolle sich auch nicht von einem Verteidiger aus der rechten Szene vertreten lassen. Besonders gut erinnert sich der Zeuge an die Aussage Zschäpes, sie, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos seien sich im Klaren gewesen, als Gruppe eines Tages aufzufliegen. Jetzt, da sie nicht mehr im Untergrund lebe, schlafe sie wesentlich besser.

"Sie bezeichnete sich als 'Faktenmensch'"

Wieder sei sie auf ihre Katzen gekommen, berichtet der Zeuge. Man habe auch mal an einen Hund gedacht, davon aber abgesehen aus Angst, bei einer Anmeldung des Tieres aufzufallen. "Ich dachte mir, das sind ja weit fortgeschrittene Gedanken zum Leben im Untergrund", sagt der BKA-Mann.

Sie habe den beiden Uwes versprochen, dass sie beider Eltern informiere, wenn etwas passiere. "Sie bezeichnete sich als 'Faktenmensch', um sich ihre Meinung bilden zu können", erinnert sich der Zeuge weiter. "Sie hörte sich bereitwillig meine Meinung an, dass es besser sei, sich zu äußern. Aber das wollte sie dann doch nicht."

Beeindruckt habe ihn, wie emotionslos Zschäpe reagiert habe, als "die Mordtaten des NSU verlesen wurden". Auch als es um den Tod ihrer Gefährten ging: "Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt."

Die Vernehmung dieses Zeugen und weiterer Ermittlungsbeamter wird am Mittwoch fortgesetzt.

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1.
z_beeblebrox 02.07.2013
Zitat von sysopBeate Zschäpe schweigt beharrlich im NSU-Prozess, doch nach ihrer Festnahme plauderte sie noch mit Beamten. Zwei sagten nun vor dem Oberlandesgericht München aus, was Zschäpe ihnen über sich und ihre mutmaßlichen Komplizen verriet. NSU-Prozess: Was Beate Zschäpe nach ihrer Festnahme sagte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-was-beate-zschaepe-nach-ihrer-festnahme-sagte-a-909076.html)
Das Interessanteste an diesem SPON-Bericht sind die folgenden Zeilen: "Wie kam es dazu, dass eine Ermittlerin aus Baden-Württemberg bei der "Unterhaltung" dabei war? In dem Bundesland wurde laut Anklage die Polizistin Michèle Kiesewetter von den Mitgliedern des NSU erschossen." Damals, als Beate Zschäpe verhaftet wurde, kannte man noch gar keinen Zusammenhang zwischen den Taten der beiden Uwes und den Mord an Michèle Kiesewetter. Es sei denn, das war von Anfang an klar bei den Behörden, das so zu drehen.
2. Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt.
mdgonline 02.07.2013
"Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt." ist das ein Vorwurf? Ständig wird der Angeklagten vorgeworfen, dass sie sich nicht äußere, bzw. zu wenig Emotionen zeige. Wie die Journalisten übermäßig versuchen alle ihre Bewegungen, Gesten oder Worte zu interpretieren. In einem Saal, in der ihr aus jedem Mucks ein Strick gedreht werden kann, würde ihr wohl jeder Anwalt raten lieber garnichts zu sagen. Der Brief war das beste Beispiel dafür.
3. Ich möchte sie nicht richten
Millie Cash 02.07.2013
müssen. Sie wird nicht aussagen. Nachzuweisen ist eh nichts. Sperrt sie halt für 2 Jahre wg. Zündelei. In Deutschland natürlich auf Bewährung! Die Katzen werden neue Katzenfreunde finden ("NSU-Katzen, wie geil ist das denn!") Und ihre Anwälte zahlt eh der Staat. Herzlichen Glückwunsch zu einem so richtig deutschen, einwandfrei geführten, die Rechte fast aller Prozessbeteiligten berücksichtigenden Prozess, bei dem die Justiz mal so richtig zeigt, wie man so was durchzieht. Die Familien der Betroffenen, die Nebenkläger, müssen sich damit abfinden, medial in der 2. Reihe zu stehen. Armes Deutschland!
4. das so zu drehen????
RolfS 02.07.2013
Frau Zschäpe war ungefär 24 Stunden auf der Flucht, in der Zeit haben die Polizisten bei den beiden Attentätern wohl die Dinstwaffen der Ermordeten Polizistin entdeckt und anhand der Numerirung ihre Schlüsse gezogen. Wie da die Formulierung "... ,das so zu drehen" gebrauchen kann ist mir unerklärlich.
5.
mephisto1997 02.07.2013
Zitat von mdgonline"Keine Tränen, sie hat nicht einmal geschluckt." ist das ein Vorwurf? Ständig wird der Angeklagten vorgeworfen, dass sie sich nicht äußere, bzw. zu wenig Emotionen zeige. Wie die Journalisten übermäßig versuchen alle ihre Bewegungen, Gesten oder Worte zu interpretieren. In einem Saal, in der ihr aus jedem Mucks ein Strick gedreht werden kann, würde ihr wohl jeder Anwalt raten lieber garnichts zu sagen. Der Brief war das beste Beispiel dafür.
frau friedrichsen hat nichts dergleichen bewertet. im artikel steht deutlich, dass es der aussagende polizist war, der die besagte formulierung benutzte. gesten und worte der angeklagten sollen sehr wohl auch in einem rein sachlich-beobachtenden bericht erwähnt, jedoch nicht interpretiert werden.
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