Zeuge im NSU-Prozess "Ich hätte mich mit Waffen zudecken können"

Waffen beschaffen? Angeblich kein Problem - zum Beispiel aus russischen Beständen: Im NSU-Prozess erzählt ein früherer Thüringer Bandenchef von einem Leben voller "Koks, Frauen und Hotelaufenthalten".

Angeklagte Zschäpe: Erneut mit Befangenheitsantrag gescheitert
AFP

Angeklagte Zschäpe: Erneut mit Befangenheitsantrag gescheitert


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was der Zeuge Jens L., 49, von Beruf "Kraftfahrer nach dem Knast", vor dem NSU-Senat in München zum Besten gibt, ist starker Tobak. Es ist aber wohl auch viel heiße Luft.

Abzüglich der Aufschneidereien und Übertreibungen, mit denen L. seine Aussage schmückt, bleibt allerdings ein Bild übrig von der Wendezeit im "wilden Osten", in der die Strukturen der untergegangenen DDR zusammengebrochen und die neuen Strukturen eines demokratischen Rechtsstaats noch nicht angenommen waren.

In dieser Zeit des Vakuums entstand auch der "Nationalsozialistische Untergrund", auf dessen Konto unter anderem der Tod von neun Menschen ausländischer Herkunft und einer Polizistin gehen soll.

Jens L. ist ein großer, glatzköpfiger Mann mit breitem Kreuz, dem Tätowierungen aus dem Kragen eines weißen Pullovers wachsen. Er spricht breitestes sächsisch in rasendem Tempo, so dass manche seiner Sätze in einem Brei von Nuscheln untergehen, begleitet von einer unruhigen Körpersprache, die seinen ausgeprägten Missmut, hier als Zeuge aussagen zu müssen, ausdrückt.

Er habe doch schon alles beim "Generalstaatsanwalt" gesagt, es stehe in den Akten, was er wisse, sagt L. Und mehr werde er um keinen Preis sagen. Denn er habe eine kleine Tochter und fürchte Racheakte seiner ehemaligen Komplizen. Offenbar hat er sich entschlossen, fortan ein rechtschaffenes Leben zu versuchen.

Von 1992 bis 2000, sagt L., sei er nämlich mit zwei anderen, Ron und Gil. E., Kopf einer der "führenden Banden in Thüringen" gewesen, "von der Landesgrenze bis nach Zwickau und Chemnitz". Man habe "die Bewaffnung wegen vorrückender Türken- und anderer Ausländerbanden" angestrebt. "Es gab dabei Tote und Schwerverletzte", sagt L. und fügt hinzu, dass er einige Jahre auch Fremdenlegionär gewesen sei.

"Zwei oder drei Kalaschnikows"

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe kenne er nicht. André E., er deutet in dessen Richtung, "der da, der wie ein Taliban aussieht mit seinem Vollbart", und Ralf Wohlleben habe er vielleicht mal gesehen. Und auch Holger G. möglicherweise. Aber: "Ich will keinen Unschuldigen bezichtigen", sagt er. Das erledige schon "die Presse".

Seine Bande, so L., habe Kontakt zur rechten Szene in Jena gesucht, da "die uns hätten unterstützen können". Die Beschaffung von Waffen sei damals kein Problem gewesen. Waffen aus russischen Beständen, "die Russen brauchten ja Geld", von aufgelösten Kampfverbänden, auch aus der Schweiz und aus Italien. "Ich hätte mich zudecken können mit Waffen", prahlt er, in den Jahren, als sein Leben "aus Koks, Frauen und Hotelaufenthalten" bestanden habe. "Ich hatte zwei oder drei Kalaschnikows, Handfeuerwaffen und Handgranaten", so L. Die Waffen habe er nicht mal vor der Polizei verstecken müssen - denn die habe nicht so genau hingeschaut.

Vor allem die Verteidigung Wohlleben ist an diesem Zeugen interessiert, da er die Beschaffung einer Waffe beschreibt, als wäre dies die normalste Sache der Welt gewesen. Wenn jedermann sich so leicht bewaffnen konnte, wie L. es darstellt, auch das Wort "Ceska" fällt, jene Waffe also, mit der neun Menschen ermordet wurden - wieso sollte dann ausgerechnet der Angeklagte Wohlleben für Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Zschäpe über den Mittelsmann Carsten S. umständlich eine solche besorgt haben? Doch die Glaubhaftigkeit der Angaben des Zeugen L. lässt zu wünschen übrig. Für eine ernsthafte Entkräftung der Anklage gegen Wohlleben dürfte sie kaum ausreichen.

Namen will der Zeuge nicht nennen. Zwei Ceskas habe er an zwei Jugoslawen verkauft. An wen? "Einen davon kannte ich, weil ich ja in Split Legionär war," antwortet L. ausweichend. In Italien soll es "circa 40 Leute" gegeben haben, die nach Deutschland lieferten, in der Schweiz drei. Aber Namen? Fehlanzeige. "Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen, ich stelle niemanden an den Pranger."

Zschäpes Antrag erneut abgelehnt

Der Senat will wissen: "Wie wurden die Waffengeschäfte abgewickelt?" Wieder kommen nur vage Antworten: in Stuttgart, in Mannheim am Stadtrand, in Jena in einer Kneipe oder im Puff. "Damals haben wir mit allem gehandelt. Es gab Verbrechen, tote Bandenmitglieder. Vieles verdrängt man", sagt der Zeuge und verweist erneut darauf, dass er alleinerziehend sei. "Ich bin in Geld geschwommen und hatte die schönsten Frauen." Mit einem hellblauen Lamborghini sei er damals durch die Gegend gefahren, erinnern sich Augenzeugen. "Und jetzt habe ich eine kleine Tochter, vier Jahre alt, die lebt bei mir. Sonst habe ich nichts," sagt L.

Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten regt an, L. einen Rechtsbeistand zur Seite zu stellen: "Der Zeuge berühmt sich der Verstrickung in mehrfache Organisationsdelikte. Es sollte ihm daher ein Anwalt beigeordnet werden." Also wird L. erneut vor Gericht erscheinen müssen.

Der neuerliche Befangenheitsantrag Zschäpes gegen den Vorsitzenden Richter ist im Übrigen erwartungsgemäß als unbegründet zurückgewiesen worden. Es reiche für eine Besorgnis der Befangenheit nicht aus, heißt es in dem entsprechenden Beschluss, wenn die Angeklagte lediglich "ihre Bewertung und Würdigung einzelner Umstände" anstelle derjenigen des Richters setze. Zschäpe hatte zuvor erfolglos beantragt, dass ihr ein fünfter Pflichtverteidiger zugestanden werde.


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess hat der Zeuge Jens L. erzählt, wie seine frühere Bande in Thüringen Waffen beschafft haben soll. Dabei habe man auch Kontakt zur rechten Szene in Jena gesucht. Der erneute Befangenheitsantrag der Angeklagten Beate Zschäpe wurde abgelehnt.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.