Psychiatrischer Gutachter im NSU-Prozess Verbergen, verschleiern, täuschen

Monatelang hat Henning Saß sie beobachtet, gemustert, analysiert: Sein Gutachten über Beate Zschäpe gilt als zentraler Bestandteil im NSU-Prozess. Der Angeklagten droht nicht weniger als die Entlarvung eines Schauspiels.

Angeklagte Zschäpe (im Dezember 2016)
DPA

Angeklagte Zschäpe (im Dezember 2016)

Von , München


Der Mann war Beate Zschäpe und ihren Verteidigern schon früh ein Ärgernis. Meist saß Henning Saß einfach still da, mit gutem Blick auf die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Fragen stellte der psychiatrische Sachverständige kaum, stattdessen beobachtete er und machte sich Notizen.

Als am 60. Prozesstag der Antrag von Zschäpes Verteidigern folgte, Saß solle weiter weg sitzen, damit sie ungestört mit ihrer Mandantin kommunizieren könnten, rückte Saß ein Stück weiter weg. Aber sein Blick auf Zschäpe blieb.

Nun, am 336. Verhandlungstag, war es so weit: Saß, 72, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, begann nach neuerlichen Verzögerungen durch die Zschäpe-Verteidigung am Nachmittag damit, sein Gutachten zu erstatten. Der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München hatte ihn damit beauftragt.

"Dann würden wir zu Ihrem Gutachten kommen", leitete der Vorsitzende Richter Manfred Götzl den Auftritt von Saß ein. Das klang nüchtern und konnte dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nun ein enorm wichtiger Punkt in dem seit mehr als dreieinhalb Jahren währenden Prozess erreicht ist.

"Stärke und Selbstbewusstsein"

In den meisten Fällen wird ein Gutachten in zeitlicher Nähe zu den Schlussvorträgen von Anklage und Verteidigung erstattet. Es gibt also Grund zur Annahme, dass sich der Prozess allmählich dem Ende entgegenneigt. Vor allem aber ist das Gutachten selbst von großer Bedeutung: Saß beschäftigt sich in seiner Expertise unter anderem mit der Frage der Schuldfähigkeit der Angeklagten.

Es gebe keine Hinweise dafür, dass Zschäpe jemals an einer relevanten psychischen Störung gelitten habe, trug Saß nun vor. Auch in Hinblick auf ihren Alkoholkonsum gebe es "nichts Verdächtiges für ein Suchtgeschehen".

Mit Blick auf Partnerschaften von Zschäpe nahm der Sachverständige unter anderem Bezug auf die Aussage ihres Cousins. Dieser hatte die Vermutung geäußert, Zschäpe habe ihre Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt "im Griff" gehabt. Wenn dies zutreffe, so Saß, würde diese Beobachtung "für Stärke und Selbstbewusstsein" Zschäpes im Kontakt nach außen und gegenüber männlichen Partnern sprechen.

Genau dies steht aber in scharfem Kontrast zu dem Bild, das Zschäpe in ihrer Einlassung vor Gericht von sich selbst gezeichnet hatte: Die Angeklagte beschrieb sich als schwache Frau, der die Kraft gefehlt habe, um sich im Untergrund von Mundlos und Böhnhardt zu lösen.

Saß stellte auch Zschäpes Erklärung infrage, sie habe im August 1996 die Jenaer Garage nur angemietet, um den zwischenzeitlich verlorenen Kontakt zu Mundlos und Böhnhardt wieder herzustellen. Es sei auch denkbar, so der Sachverständige, dass Zschäpe lediglich eine mehr oder wenige plausible Version konstruiert habe, um andere Beweggründe zu kaschieren. Laut Anklage hatte Zschäpe die Garage für den Bau funktionsfähiger Sprengsätze des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) angemietet - Ermittler hatten in der Garage unter anderem vier im Bau befindliche Rohrbomben sowie Sprengstoff in Form von TNT-Gemisch gefunden.

Gutachter sieht Hinweise auf egozentrische Züge

Gutachter Saß (im Dezember 2016)
DPA

Gutachter Saß (im Dezember 2016)

Saß ging auch auf Zschäpes Erklärungen ein, sie habe heftig reagiert, wenn sie stets erst im Nachhinein durch Mundlos und Böhnhardt von den Morden erfahren habe, die dem NSU zur Last gelegt werden. Zschäpes Formulierungen, so Saß, würden "recht formal und unpersönlich" wirken. Es gebe Hinweise "für egozentrische, wenig empathische und externalisierende Züge".

Auch für das Leben von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Untergrund seien anhand der Aussagen früherer Hausmitbewohner oder Urlaubsbekanntschaften aus psychopathologischer Sicht keine besonderen Auffälligkeiten bekannt geworden. Mit Blick auf ihre wahren Ziele hätten die Drei, soweit erkennbar, die Gebote des Verbergens, Verschleierns und des Täuschens eingehalten.

Saß ging auch auf die Kritik von Zschäpes Verteidigern ein, seine Expertise entspreche nicht den wissenschaftlichen Standards - Zschäpe hatte sich geweigert, mit ihm zu sprechen. Es komme immer wieder vor, dass eine Exploration nicht möglich sei und sich der Gutachter daher auf Informationen aus der Hauptverhandlung stützen müsse, so Saß. Es liege viel Material aus der Hauptverhandlung vor. Der Vorwurf eines angeblich ferndiagnostischen Gutachtens sei deshalb "tendenziös und irreführend".

Zschäpes Verteidiger erklärten nach einer der Verhandlungspausen, dass es ihnen nicht möglich sei, die Ausführungen von Saß so mitzuschreiben, dass sie den von ihnen zu Rate gezogenen Experten valide und volllständig unterrichten können. Zudem litt der Mitangeklagte Ralf Wohlleben an Kopfschmerzen, so dass die Verhandlung unterbrochen wurde und am Mittwoch fortgesetzt werden soll.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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