Verteidiger Mathias Grasel Zschäpes Dienstleister

Mathias Grasel, 31, ist als Anwalt ein unbeschriebenes Blatt. Dennoch hat Beate Zschäpe, Angeklagte im NSU-Prozess, ihn sich an ihre Seite geholt, als vierten Verteidiger - er ist der Einzige, dem sie vertraut. Was kann der Neuling ausrichten?

Rechtsanwalt Grasel: Vierter Verteidiger von Beate Zschäpe
Dieter Mayr

Rechtsanwalt Grasel: Vierter Verteidiger von Beate Zschäpe

Von , München


Drei plus x. Die Unbekannte x im Verteidiger-Quartett von Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten im NSU-Prozess, ist der Münchner Rechtsanwalt Mathias Grasel. Als er Anfang Juli, vor dem 216. Sitzungstag, als vierter Pflichtverteidiger bestellt wurde, kannte ihn kaum jemand.

In der Münchner Szene ist Grasel keine Größe. Vor allem ist nicht bekannt, wie er, der blutjunge Neuling mit seinen 31 Jahren, sich die Verteidigung neben den erfahrenen Kollegen Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm vorstellt. Zschäpe droht immerhin eine lebenslange Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld, unter anderem wegen Mittäterschaft an zehn Morden, wie es in der Anklageschrift heißt. Ob Grasel einen Plan hat, dies abzuwenden? Einen besseren als die drei Alt-Verteidiger, nachdem schon zwei Drittel des NSU-Prozesses vorbei sind?

Was hält er davon, dass ihm der Vorsitzende Manfred Götzl nicht einmal jene bescheidenen drei Wochen Einarbeitungszeit zugestand, um die er den Senat gebeten hatte? Wird er nach dem langen Schweigen seiner Mandantin diese nun zu einer Aussage ermutigen? Sie beklagt ja ihre Ohnmacht, nicht in den Prozess eingreifen zu können, sondern seit mehr als zwei Jahren mit unbewegter Miene dasitzen und schweigen zu müssen. Sie musste natürlich nicht. Aber einen Alleingang wagte sie nicht.

Antworten auf solche Fragen sind in der Black Box des Verhältnisses zwischen Anwalt und Mandantin verschlossen. Eines kann sich jeder denken: Grasels Erfahrung als Strafverteidiger, da mag er noch so motiviert sein, ist gering, vorsichtig ausgedrückt.

Er ist Zschäpes Wille

Der Gesetzgeber überlässt es dem Angeklagten, welchen Anwalt er haben will. Zschäpe hatte sich einst Heer, Stahl und Sturm ausgesucht und nun, nachdem sie mit ihnen seit geraumer Zeit unzufrieden ist, auf Grasel bestanden. Er ist ihre Entscheidung. Grasels Entschluss ist es, sich auf ein Abenteuer einzulassen, an dem selbst so mancher alter Hase scheitern würde.

Grasel muss überdies hinnehmen, dass der Senat ihn kurz hält und wenig Rücksicht nimmt auf seinen Wissensrückstand. Nirgends steht nämlich geschrieben, dass ein neuer Verteidiger den gleichen Überblick zu haben hat wie die Alt-Anwälte.

Der Vorsitzende Götzl wiederum kann Zschäpe nicht einfach einen anderen Anwalt verordnen, wenn diese sich auf Grasel kapriziert. Der Richter durfte nicht einen Verteidiger nach seinem Gusto bestellen. Er hatte nur die Wahl zwischen Grasel und nicht Grasel - dann mit dem Risiko, auch künftig von Störaktionen der Angeklagten aufgehalten zu werden. Also doch lieber Grasel, wenn der Prozess damit vorankommt und Zschäpe in einer Revision der Wind aus den Segeln genommen ist.

Falsch gemacht hat der junge Anwalt bisher nichts, außer dass er, wie die Alt-Anwälte, bei Mandatsübernahme die Dimension dieses Verfahrens wohl nicht erkannt hat. Man kann seinen Entschluss mutig nennen oder vermessen. Ein Anwaltskollege beschreibt Grasel als "Dienstleister", verlässlich, pünktlich, korrekt.

Als schon ein Gespräch mit dem SPIEGEL vereinbart und dessen Inhalt vorsichtig umschrieben war, informierte Grasel pflichtgemäß seine Mandantin. Von der kam sofort ein Nein. Sie will nicht schon wieder einen Anwalt haben, der ihren Fall zur Selbstdarstellung nutzt. Von Anwälten, die in den Medien posieren, hat sie genug. Grasels Haltung verdient hier Respekt.

Im Hintergrund wird er beraten

Wie kam Zschäpe zu dem Mann? Auf seiner Homepage erwähnt er als Ausweis seiner Kompetenz die "langjährige Mitarbeit bei mehreren namhaften Münchner Strafverteidigern", bei denen er "bereits früh umfangreiche Erfahrungen" auf dem Gebiet des Strafrechts habe sammeln können.

Da er aber erst seit 2011 als Anwalt zugelassen ist, dürfte es sich dabei eher um Studentenjobs gehandelt haben. "Im Hintergrund" werde er von einem erfahrenen Kollegen beraten, teilte er nach Mandatsübernahme mit. Gemeint ist damit sein Kanzleikollege Hermann Borchert, der für Zschäpe schon einmal tätig war. Dieser ist Münchner Urgestein, als "typischer Stadelheim-Anwalt" in der Branche bekannt - einer, der im Untersuchungsgefängnis ein und aus geht, auch im Frauenknast, und dort Mandate akquiriert.

Grasel im Juli im Gerichtssaal: Was ist sein Plan für die Verteidigung?
AFP

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Nach 224 Verhandlungstagen kann Zschäpes Neuer das Steuer nicht mehr herumreißen. Er ist weder ein Trickser noch ein Konfliktverteidiger oder sogenannter Geständnisverteidiger. Er ist auch keiner, der auf schweigende Angeklagte spezialisiert ist. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. Allenfalls kann er Begleiter der Angeklagten sein. Zschäpe in diesem fortgeschrittenen Stadium des Prozesses auf eine Einlassung zur Sache vorzubereiten, dürfte riskant sein.

Doch andererseits muss man fragen: Kann sich Zschäpes Situation überhaupt noch verschlechtern? Würde es ihr wirklich schaden, wenn sie redete und dabei auf die eine oder andere Mine träte?

Mittlerweile ist sie dämonisiert als eine Person, die man keinen einzigen Satz sagen lassen kann, nicht einmal zu ihrem Lebenslauf. Sie zeigt der Öffentlichkeit noch immer ihre Rückseite und übersieht dabei die Symbolkraft solcher Bilder. In Wahrheit steht sie mit dem Rücken an der Wand.

Grasel könnte dazu beitragen, dass endlich ein Plan erkennbar wird, wie Zschäpe verteidigt werden soll. Damit sie vielleicht etwas weniger kaltblütig und vom Leid der Opfer ungerührt erscheint. Es geht bei ihr um Beihilfe oder Mittäterschaft, da spielen Zwischentöne oft eine Rolle. So kann es wichtig sein, dem Gericht und den Opfern darzulegen, wie der Mensch auf der Anklagebank auf einen derartigen Irrweg geriet. Grasels Chance?

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