Angebliches Opfer im NSU-Prozess Eine Frage des Geldes

Wer hat das falsche Opfer des NSU-Anschlags in der Kölner Keupstraße erfunden? Wer hat wie davon profitiert? Klar ist: Es geht um mehr als 100.000 Euro.

Von und Wiebke Ramm

Leerer Zeugenplatz im OLG München: "Regelrecht aus den Latschen gekippt"
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Die Bundesrepublik Deutschland hat Meral Keskin 5000 Euro Entschädigung überwiesen, wie das Bundesamt für Justiz mitteilte. Eine Härteleistung für Opfer extremistischer Übergriffe, die all jenen NSU-Opfern gewährt wurde, die einen entsprechenden Antrag gestellt hatten. Heute weiß man: Meral Keskin, das angebliche NSU-Opfer, existiert nicht.

"Die Auszahlung der Leistung erfolgte auf das im Antrag benannte Konto", sagte ein Sprecher der Behörde.

Wem gehört das Konto? Unklar. Ebenfalls offen bleibt, welche angebliche Adresse von Meral Keskin, welches Geburtsdatum, welcher Geburtsort und welche Personalausweisnummer in dem Antrag stehen. Auch wer ihn gestellt und unterzeichnet hat, ist nicht bekannt.

Merkwürdige Umstände

Nach dem Eklat um das offensichtlich erfundene NSU-Opfer bleiben Fragen. Wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, Meral Keskin zu erfinden?

Rechtsanwalt Ralph Willms aus dem nordrhein-westfälischen Eschweiler gab am vergangenen Freitag an, er sei von Nebenkläger Atilla Ö. getäuscht worden. Er habe Ö. eine Provision für die Vermittlung der Mandantin Meral Keskin gezahlt. Es handelt sich wohl um 3000 bis 4000 Euro. Sollte Atilla Ö. tatsächlich Geld bekommen haben, hätte er also von dem Schwindel profitiert.

Atilla Ö. gab am Samstag gegenüber BKA-Beamten zu, dass es Meral Keskin nicht gibt.

Doch die von Willms geschilderten Umstände, wie die nicht-existente Mandantin schließlich aufgeflogen sein soll, erscheinen ebenfalls merkwürdig. Wusste er tatsächlich nichts?

"Der Kollege sah sehr mitgenommen aus"

In einer Presseerklärung hatte Willms' Anwalt Peter Nickel mitgeteilt, der Kollege Björn Hühne habe am Donnerstag auf einem Foto eine Frau erkannt, die ihm Atilla Ö. zu Beginn des NSU-Prozesses als seine Mutter vorgestellt hätte. Willms hingegen sei bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, die Frau sei Meral Keskin, seine vermeintliche Mandantin. Er sei also ahnungslos gewesen. Ist das glaubhaft?

Willms und Hühne kennen sich gut. In den Justizkreisen des Rheinlands gelten sie - gemeinsam mit Nickel - als festes Gespann. Seltsam mutet daher an, dass es zweieinhalb Jahre gebraucht haben soll, bis die beiden das Täuschungsmanöver durchschauten - obwohl sie sich häufig sehen.

"Willms und ich sind uns immer wieder begegnet und haben uns gelegentlich auch über das Verfahren in München unterhalten", so Rechtsanwalt Hühne zu SPIEGEL ONLINE. Diese Unterhaltungen seien aber "sehr oberflächlich" verlaufen und hätten sich nicht auf Willms' Mandantin bezogen.

Am vergangenen Donnerstag aber hätten sie sich dann "zufällig" im Landgericht Aachen getroffen. "Der Kollege sah sehr mitgenommen aus", so Hühne. In diesem Gespräch habe Willms ihm zwei Bilder von Meral Keskin gezeigt. "Als ich ihm sagte, dass ich die Frau unter anderem Namen kennen würde, war er sichtlich geschockt. Er ist regelrecht aus den Latschen gekippt", so Hühne.

Denkbar ist, dass Ralph Willms wirklich arglos war und Ö. auf den Leim gegangen ist. Das jedenfalls glaubt sein Kollege Hühne. Dann aber müsste Willms sich den Vorwurf gefallen lassen, äußerst leichtgläubig gewesen zu sein. Immerhin taucht seine Mandantin wohl als einzige Nebenklägerin in den Akten der Ermittlungsbehörden an keiner Stelle auf.

Profitables Mandat

Willms ließ Nachfragen von SPIEGEL ONLINE unbeantwortet. Auch zu dem Umstand, dass er vor rund sechs Jahren einmal um seine berufliche Existenz fürchten musste: Wie Recherchen von SPIEGEL ONLINE ergaben, ist er vorbestraft. So erhielt er 2009 einen Strafbefehl des Amtsgerichts Aachen über neun Monate Haft auf Bewährung wegen unerlaubter Abgabe und Besitzes von Betäubungsmitteln. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen auf Anfrage. Willms hatte damals einem Bekannten Haschisch ins Gefängnis geschmuggelt. Die Kölner Generalstaatsanwaltschaft strengte daraufhin ein Anwaltsgerichtsverfahren gegen Willms an, das jedoch nicht mit dem Entzug der Zulassung endete.

Klar ist, dass er von dem NSU-Mandat profitiert hat. Der Prozess gegen Beate Zschäpe und andere ist ein international beachtetes Strafverfahren. Als Anwalt daran mitzuwirken, dürfte sich als Referenz gut im Lebenslauf machen. Der NSU-Prozess ist darüber hinaus ein enorm langes Verfahren. Seit gut zweieinhalb Jahren wird verhandelt, ein Ende ist nicht in Sicht. Das verspricht ein dauerhaftes, regelmäßiges Einkommen, das insgesamt um ein Vielfaches höher liegt als die angebliche Provision für Atilla Ö.

Der Münchener Anwalt und Gebührenexperte Jochen D. Uher kommt auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage auf eine Summe von insgesamt mindestens rund 123.000 Euro brutto bis zum heutigen Verhandlungstag. Gebühren werden üblicherweise erst nach einer Verurteilung gezahlt. Ob Anwalt Willms in dem seit Mai 2013 laufenden Prozess bereits einen Vorschuss erhalten hat, ist nicht bekannt. OLG-Sprecherin Andrea Titz teilte dazu mit: "Ob und in welcher Höhe an Rechtsanwalt Willms Gebühren gezahlt wurden, wird von den zuständigen Kostenbeamten am OLG überprüft werden. Von unserer Seite werden dazu keine Daten veröffentlicht."

Wenn Willms bereits Geld bekommen hat, kann das OLG es zurückfordern? Die Antwort des Gebührenexperten Uher ist eindeutig: "Es kann, muss und wird!"

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt inzwischen wegen Betrugs - gegen Atilla Ö. Rechtsanwalt Willms hat ihn angezeigt.

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