Zschäpe-Verteidigung im NSU-Prozess Selbstbewusst, zickig - aber nicht ideologisch

Warum ging Beate Zschäpe in den Untergrund? Und wie lebte sie an der Seite von Böhnhardt und Mundlos? Die von ihr verstoßene Verteidigerin versucht die Trio-These der Anklage mit Indizien zu widerlegen.

Beate Zschäpe (Archiv)
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Beate Zschäpe (Archiv)

Von , München


Beate Zschäpe wirkt kraftlos. Sie zieht an diesem 433. Verhandlungstag im NSU-Prozess die Ärmel ihres grauen Pullovers über die Finger beider Hände und gähnt. Ihre Verteidigerin Anja Sturm steht zwei Meter rechts von ihr am Rednerpult und begründet, warum Zschäpe in Freiheit gehöre, nicht lebenslang in Haft, schon gar nicht in Sicherungsverwahrung.

Sturm hält trotz der immens langen Beweisaufnahme nicht für nachgewiesen, dass Zschäpe gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die terroristische Vereinigung NSU gründete und ebenso wenig, dass es das Dreiergespann im Sinne der Anklage überhaupt je gab.

Sturm bezweifelt, dass Zschäpe die mehr als 13 Jahre im Untergrund tatsächlich eng mit Böhnhardt und Mundlos zusammengelebt hat. Ein Beispiel: Der Unterschlupf in der Polenzstraße in Zwickau, wo sich die drei mit Tarnidentitäten von 2001 bis 2008 in einer Erdgeschosswohnung versteckt haben sollen. Sturm bezweifelt, dass sich die beiden Uwes in diesem Zeitraum dort aufhielten. Sie zitiert Zeugen, die vor dem Münchner Oberlandesgericht aussagten: Sie hätten die Männer dort selten gesehen; sie seien unsicher, ob die beiden dort je übernachtet hätten, vermutlich hätten sie da gar nicht gewohnt.

Wie aber hatten sich die drei untergetauchten Neonazis dann in der Anonymität aufgeteilt? Das lässt Sturm offen und betont stattdessen die einzige Bedeutung, die Böhnhardt und Mundlos für Zschäpe gehabt hätten: die einer Familie. Wahlverwandte, an die sie sich klammerte, denen sie folgte.

Elf Aliasnamen

Beim letzten Treffen mit Böhnhardts Eltern im Jahr 2002 habe Zschäpe gesagt: "Ich gehe mit den Jungs mit", so beschrieb es Uwe Böhnhardts Mutter vor Gericht. "Mitgehen" bedeute, jemanden zu begleiten, jemandem zu folgen, sagt Sturm. "Als Anführer oder Anführerin gehe ich nicht mit."

Dass Zschäpe für Nachbarn eine Legende erfunden habe, zeichnet Sturm als logische Konsequenz für ein Leben im Untergrund: Zschäpe gab Böhnhardt und Mundlos als Freund und Bruder aus. Allerdings nur auf konkrete Fragen Außenstehender, meint Sturm. Von einer "proaktiven Legendierung" könne keine Rede sein. Vielmehr sei zu konstatieren, dass bereits die Verwendung von insgesamt elf Aliasnamen offenbare, dass Zschäpe "eher untalentiert zu sein schien", eine neue Identität anzunehmen. Liese oder Susann - Zschäpe habe sich nicht entscheiden können.

Nach dem Tod der beiden "hatte Frau Zschäpe faktisch niemanden mehr", sagt Sturm. Zschäpe habe am 5. November 2011 die Eltern Mundlos und Böhnhardt angerufen und ihnen vom Tod ihrer Söhne berichtet. Zschäpes Stimme habe "recht dünn" und "zittrig" geklungen, erinnerte sich die Mutter Böhnhardts.

Anschließend sei Zschäpe quer durch Deutschland geirrt, habe mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. "Sie konnte diesen Wunsch jedoch aus eigenem Antrieb heraus nicht umsetzen", erklärt Sturm.

Die Trio-These der Bundesanwaltschaft basiere auf einer Vielzahl von Aussagen, die nur entstanden seien, weil sie von Ermittlern in Zeugen "hineingefragt" worden seien, sagt Sturm. Zeugen, die Zschäpe vor ihrem Abtauchen in erster Linie als Freundin von Mundlos, später von Böhnhardt wahrgenommen hätten - keineswegs als politisch Engagierte mit Faible für den bewaffneten Kampf.

Es habe einen "exklusiven Dreierbund" bezogen auf die emotionalen Bindungen Zschäpes zu den beiden Männern gegeben, nicht aber auf ihr Auftreten innerhalb der rechten Szene, so Sturm. Auch habe es keine Bomberjacke oder besondere Frisur gegeben, mit der Zschäpe ihre politische Gesinnung habe demonstrieren wollen.

Video: Beate Zschäpes unbekannte Seite

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"Der ideologische Kopf in dieser Konstellation" sei einem Zeugen zufolge Mundlos gewesen. Zschäpe sei demnach selbstbewusst gewesen, zickig, abweisend. "Aber nicht, dass sie uns ideologisch indoktriniert hat", zitiert Sturm den ehemaligen Weggefährten des Trios.

Die Vertreter des Generalbundesanwalts halten Zschäpe für ein gleichrangiges Mitglied des NSU und damit für ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung im rechtlichen Sinne. Sie fordern für Zschäpe lebenslange Haft, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und die Anordnung von Sicherungsverwahrung. Zschäpes Neuverteidiger beantragten eine Haftstrafe von maximal zehn Jahren Haft; ihre Altverteidiger plädierten auf sofortige Freilassung.

Am Mittwoch will Anja Sturm ihr Plädoyer fortsetzen.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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