NSU-Prozess Gutachter in Erklärungsnot

Beate Zschäpe vertraute sich ausführlich einem Gutachter an - und hat sich damit wohl keinen Gefallen getan. Erst wollte ihr der Psychiater Pralinen schenken, dann redete er sich vor Gericht um Kopf und Kragen.

Joachim Bauer (am 3. Mai)
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Joachim Bauer (am 3. Mai)


Der Mann, der im NSU-Prozess für Beate Zschäpe die Strippen zieht, trägt an diesem 364. Verhandlungstag einen grauen Anzug, nicht wie sonst einen cognacfarbenen Lederblouson mit altmodischer Krawatte. Es ist ein denkwürdiger Tag in der vier Jahre währenden Hauptverhandlung, sonst wäre Hermann Borchert nicht da. Oft lässt sich Zschäpes Wahlverteidiger im Schwurgerichtssaal 101 des Münchner Justizgebäudes nicht blicken.

Im Zeugenstand soll zum zweiten Mal in diesem Verfahren Professor Joachim Bauer Platz nehmen, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin.

Noch bevor es dazu kommt, macht eine irritierende Neuigkeit die Runde: Bauer soll einer Aktennotiz der JVA Stadelheim zufolge versucht haben, Zschäpe eine Schachtel Pralinen in die Untersuchungshaft zu schmuggeln. Ausgerechnet ein Sachverständiger, für dessen Glaubwürdigkeit Neutralität und Unabhängigkeit zwingend sind. Er habe damit nichts bezwecken wollen, sagt Bauer vor Gericht. "Das war eine völlig unschuldige Geste der Humanität."

Bauer sollte Borcherts Trumpf sein. Mit dessen Gutachten will er die Höchststrafe für Zschäpe abwenden. Die Angeklagte traf den Psychiater an sechs Tagen in einem kleinen, fensterlosen Raum der JVA Stadelheim - unüberwacht. Mehr als 16 Stunden lang hat sie mit ihm gesprochen.

Bauer hat sein Ergebnis bereits vorgestellt: Er attestiert Zschäpe im Tatzeitraum der NSU-Verbrechen eine schwere abhängige Persönlichkeitsstörung, Voraussetzungen für eine verminderte Schuldfähigkeit seien gegeben.

Wie kommt er dazu?

Die Verfahrensbeteiligten nehmen Bauer an diesem Donnerstag in die Mangel. Schnell bestätigt sich der Eindruck, dass Zschäpes Wahlverteidiger seiner Mandantin mit dem Auftrag an Bauer keinen Gefallen getan hat. Bauers Auftritt gerät zum Debakel. Es kommt zu unterdrücktem Gelächter, sogar in den Reihen der Verteidiger. Nur Borcherts Mienenspiel: starr.

Manchen Fragen, vor allem denen der Oberstaatsanwältin Anette Greger, scheint Bauer nicht gewachsen. Einmal räumt er unumwunden ein, "viele Fragen, die man hätte stellen müssen, nicht gestellt" zu haben.

Bauer gibt außerdem zu, die Mindestanforderungen für Gutachten nicht zu kennen.

"Meiner Meinung nach ein sehr gutes Gutachten"

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe

Der Kern seines Gutachtens - "Meiner Meinung nach ein sehr gutes Gutachten", so Bauer selbst - sei die Exploration der Person Beate Zschäpe. Im Unterschied zu dem vom Gericht bestellten Gutachter Henning Saß (den er "sehr schätze, keine Floskel!") habe er Zschäpe persönlich explorieren können.

Zschäpe habe an keiner Stelle "ein strategisches Momentum eingebracht", betont Bauer. Sie habe nicht versucht, ihn zu manipulieren oder gar zu "bezirzen oder anzuflirten". Er habe eine Reihe verfahrensrelevanter Dinge erfahren - wie die körperlichen Misshandlungen durch Uwe Böhnhardt, eine schwere Traumatisierung für Zschäpe.

Böhnhardt soll Zschäpe wegen Nichtigkeiten geschlagen und getreten haben. Sie will die Übergriffe und die Todesangst nur ertragen haben, weil sie Böhnhardt erst bedingungslos liebte und später nicht von ihm loskam, getrieben von ihrer inneren Abhängigkeit von ihm und permanenten Ängsten, verlassen zu werden.

Ein Geständnis, das Zschäpe ihm nur "mit Widerstand und Qual" offenbart habe, so Bauer. Für ihn ist das ein eindeutiges Indiz dafür, dass ihre Schilderungen "keineswegs aus der Phantasie geholt wurden".

Immer erst im Nachhinein will Zschäpe von den Morden erfahren haben. Nach dem ersten an dem türkischen Blumenhändler Enver Simsek sei ihr bewusst gewesen, "dass da etwas ganz Schlimmes, etwas Unfassbares passiert ist", sagte sie Bauer. Sie seien so verblieben, dass Böhnhardt und Mundlos "das nicht noch mal" machen. Die Stimmung blieb dennoch "eisig", wie sie sagt. Oft sei sie morgens aus dem Haus, aber abends "kam man auf Gedeih und Verderb halt wieder zusammen".

Die Männer mordeten weiter, Zschäpe befand sich laut Gutachter "in einer Art verschärfter Geiselhaft", sie war "schockiert, aufgebracht, entsetzt". Und blieb bei ihnen. Warum? Sie habe an Böhnhardt gehangen, sagt Bauer. Wörtlich habe sie ihm erklärt: "Für den Erhalt der Beziehung hätte ich alles getan." Das sei typisch für eine dependente Persönlichkeitsstörung, so Bauer. Zudem hätten die Männer gedroht, sich umzubringen, sollte Zschäpe aussteigen. Sie habe nicht am Tod der beiden schuld sein wollen.

"Dem Regime untergeordnet"

Sie habe ihren Unmut über die Morde mit "massivem Protest" durchaus zum Ausdruck gebracht, behauptet Zschäpe. Wo aber blieb in diesen Situationen ihre Angst vor körperlicher Bestrafung? Das sei ein "sehr spontaner Protest" gewesen, erklärte sie Bauer. Eine Art "Reflex-Schreien", bei dem sie sich keine Gedanken gemacht habe, welche Reaktion sie auslöse.

Die Männer töteten angeblich ohne Ankündigung, sie verschwanden tagelang, wochenlang. Mit dem Auto, dem Zug, dem Wohnmobil. Zschäpe blieb demnach zurück. "Das war nicht in ihrem Sinne", konstatiert Bauer. Aber sie nahm es hin. "Sie hat ihr Leben dem Regime untergeordnet."

Gutachter Saß bescheinigt Zschäpe, die sich einem Gespräch mit ihm verweigerte, volle Schuldfähigkeit und schließt Sicherungsverwahrung nicht aus. Saß wälzte die kompletten Akten und stützt seine Einschätzung auf seine Beobachtungen im Gerichtssaal, er hörte Hunderte Zeugen, verfolgte die groteske Frage-Antwort-Prozedur zwischen Hauptangeklagter und Senat.

Bauer hat all das nicht mitbekommen. Er hat von der mangelnden Empathie, mit der Zschäpe die Aufklärung der rassistisch motivierten Verbrechensserie verfolgt, nur gehört. Trotzdem sagt er nun: Zschäpe sei keine "kalt berechnende, empathielose Frau".

Noch einmal betont Bauer ihre erlittene "frühkindliche Vernachlässigung" dadurch, dass sie in ihren ersten fünf Lebensjahren fünf jeweils bedeutsame Wechsel der Betreuungssituationen durchleben musste. Diese Erfahrung sei "hochrelevant für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen" und hinterlasse "tiefe Spuren von Verunsicherung". Urvertrauen könne nicht aufgebaut werden.

"Die Männer im Griff"?

Zschäpe mit Anwalt Borchert (Archiv)
DPA

Zschäpe mit Anwalt Borchert (Archiv)

Viele Anmerkungen Bauers widersprechen dem Bild, das Zeugen vor Gericht von Zschäpe gezeichnet haben: das einer willensstarken, dominanten Frau, die in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis stand. Ihr Cousin sagte beispielsweise, Zschäpe habe "die Männer im Griff" gehabt. Aussagen, die am Stammtisch hätten fallen können, meint Bauer.

Was wird das nächste Manöver der Verteidigung sein? Werden ihre Anwälte ihre Mutter bitten, doch als Zeugin auszusagen? Wird sich Zschäpe kurz vor Prozessende doch noch persönlich vor Gericht befragen lassen?

Verteidiger Borchert riet schon einmal einem Angeklagten, der im Prozess eisern geschwiegen hatte, sich kurz vor der Urteilsverkündung doch noch zu äußern. Der Mann stand im Verdacht, seine beiden Nichten ermordet zu haben. Er redete sich um Kopf und Kragen. Die Kammer verurteilte den ehemaligen Postboten zu lebenslanger Haft mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Mitarbeit: Thomas Hauzenberger

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