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Prozess in München: Notizen zeigen Akribie des NSU

Von , München

Haus in Trümmern: Hier hatten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zuletzt gewohnt Zur Großansicht
DPA

Haus in Trümmern: Hier hatten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zuletzt gewohnt

Beate Zschäpe legte im November 2011 die Zwickauer Wohnung in Brand, den letzten Unterschlupf des NSU. Sie wollte wohl, dass keine Spuren bleiben. Das ist ihr nicht gelungen.

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Verschwörungstheoretiker behaupten, dem mutmaßlichen Terror-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe seien die Morde und Raubüberfälle, die der Generalbundesanwalt ihm zuschreibt, gar nicht nachzuweisen. Der NSU-Prozess könnte sie fast an jedem Sitzungstag eines Besseren belehren.

Mosaikstein um Mosaikstein wird zu einem Bild zusammengefügt, Beweis um Beweis vorgelegt, so dass Zweifel an der Täterschaft mehr und mehr obsolet werden. Zu verdanken ist dies vor allem dem Umstand, dass in der in der Zwickauer Frühlingsstraße erstaunlich viele Asservate den Flammen und dem Löschwasser widerstanden und sich mittels modernster Technik und mühevoller Kleinarbeit zum Teil wiederherstellen ließen. Wenn Zschäpe, wie man annehmen muss, durch die Brandlegung in der letzten Wohnung der Drei Beweismittel vernichten und Spuren verwischen wollte: es hat nicht funktioniert.

Zu den Asservaten gehören die Videoaufnahmen von der zur Schutzburg ausgebauten Wohnung, die am Dienstag im Gerichtssaal vorgeführt wurden. Hier wollten sich Zschäpe, Böhnhardt und wohl auch Mundlos einem möglichen Zugriff der Polizei - der allerdings nie stattfand - entziehen. Die Ermittler fanden zudem Ausschnitte von Stadtplänen, zum Teil mit Markierungen und Notizen. Sie geben einen Eindruck von der akribischen Vorbereitung etwa der zahlreichen Raubüberfälle auf Geldinstitute und Supermärkte, aber auch der Mordtaten.

Die akribische Vorbereitung der Verbrechen

Mit dem erbeuteten Geld bestritten die drei nicht nur ihr jahrelanges Leben in der Illegalität; sie waren dadurch auch in der Lage, mit gemieteten Wohnmobilen, in denen sie ihre Fahrräder mitnehmen konnten, sorgsam ausgewählte Tatorte in Großstädten anzufahren, um anschließend blitzschnell verschwinden zu können.

Die Ermittler fanden Ausschnitte von Stadtplänen von Erfurt, von Eisenach, Arnstadt und Weimar, auf denen Sparkassen markiert und Fluchtwege eingezeichnet waren. Auf der Rückseite waren handschriftliche Skizzen vermerkt von den Grundrissen der Institute und ihrer Einrichtung: wo sich der Schalter befand, wo der Ausgang und wo der Geldautomat. Auch die Öffnungszeiten waren verzeichnet. Die Ermittlungen ergaben, dass die Örtlichkeiten exakt ausgespäht worden waren, ohne dass es aufgefallen wäre.

Weiteres Kartenmaterial enthielt Hinweise auf Parkplätze, Waffengeschäfte, Parteibüros, türkische Vereine und Asylbewerberheime, auch die Adresse eines bayerischen Landtagsabgeordneten. Neben einem Kreuz auf einem Nürnberger Stadtplan fand sich der handschriftliche Hinweis "Anlaufstelle". Es handelte sich, wie die Polizei herausfand, um das türkische Generalkonsulat.

Wie viele Beweise wurden zerstört?

In elektronischen Datensätzen des NSU befanden sich laut Anklage mehr als 10.000 Namen und Adressen mutmaßlicher potenzieller Anschlagsziele. Gefunden wurde auch die handschriftlich hinzugefügte Notiz "Scharrerstraße neben Post Imbiss". An der Scharrerstraße tötete der NSU am 9. Juni 2005 den Besitzer eines Döner-Imbisses, Ismail Yasar. Die Täter hatten den Ort also nicht im Stadtplan ausgemacht, sondern offenbar im Zuge ihrer Kundschafterreisen notiert.

Der Schluss, dass sich die mutmaßlichen Mörder Mundlos und Böhnhardt auf Nürnberg und München als Tatorte fokussierten, worauf die Funde im Brandschutt hindeuten könnten, darf wohl nicht gezogen werden. Denn wie viel Kartenmaterial und weitere Beweise den Flammen, der Explosion und den Löscharbeiten in der Frühlingsstraße zum Opfer fielen, lässt sich nicht bestimmen.

Doch bereits die Reste legen die Vermutung nahe, dass die beiden jungen Männer viel Zeit für Ausspähung und Planung ihrer Taten aufwandten und dass sie daher oft nicht zu Hause waren. Dieser Umstand wiederum ermöglichte es Zschäpe, die Fassade eines unauffälligen bürgerlichen Lebens über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten.


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess zeigte die Auswertung von Asservaten, wie akribisch die NSU-Terroristen ihre Verbrechen vorbereiteten: Auf Stadtplänen fanden sich Markierungen von möglichen Tatorten, in einer Notiz war eine Straße benannt, in der einer der NSU-Morde verübt wurde. In elektronischen Datensätzen fanden sich zudem mehr als 10.000 Namen und Adressen mutmaßlicher potenzieller Anschlagsziele.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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