Wohlleben-Aussage im NSU-Prozess "Streitaxt, Zwille, Wurfanker"

Er startet eloquent, doch die Nachfragen von Richter Götzl bringen Ralf Wohlleben in Bedrängnis. Bei seiner Vernehmung wirkt der Mitangeklagte im NSU-Prozess unsicher, in den entscheidenden Punkten verlässt ihn auffällig oft die Erinnerung.

Angeklagter Wohlleben (Archiv): Aussage im NSU-Prozess
DPA

Angeklagter Wohlleben (Archiv): Aussage im NSU-Prozess


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist ein bei geübten Rednern beliebter Trick, sich zu Beginn beim Publikum für die eigene Unzulänglichkeit beim Vortrag und für angebliche Formulierungsschwierigkeiten zu entschuldigen - um dann mit eloquenter Ausdruckskraft umso größeres Erstaunen hervorzurufen. Bei Ralf Wohlleben, dem Mitangeklagten von Beate Zschäpe im NSU-Prozess, kommt noch eine beachtliche Konzentrationsleistung hinzu. Am 254. Verhandlungstag führt er dies während der Befragung durch den Senatsvorsitzenden Manfred Götzl in zunächst auffallender Weise vor.

Wie Zschäpe hatte auch Wohlleben vor Weihnachten eine schriftlich formulierte Aussage vorgelegt. Er erklärte sich darin bereit, beraten von seinen Verteidigern Olaf Klemke, Wolfram Nahrath und Nicole Schneiders, auf Fragen des Senats zu antworten. Die Juristen wollten offensichtlich vermeiden, dass die Aussage ihres Mandanten nur als "Teileinlassung" gewertet wird, die in Juristenkreisen als höchst risikoreich für Angeklagte gilt.

Wohlleben steht also Rede und Antwort. Wer seine Antworten mit dem Text seiner Aussage aus dem Dezember vergleicht, stellt fest, dass der Angeklagte sie offenbar auswendig gelernt hat. Denn der größte Teil seiner anfänglichen Antworten beschränkt sich fast wortwörtlich auf das, was er vor Weihnachten schon vorgetragen hatte. Nichts Neues, nur wenig Konkretes und vor allem weiterhin nichts, was die Mitangeklagten Holger G. und Carsten S., die Wohlleben zu Prozessbeginn belastet hatten, in Schwierigkeiten bringen könnte.

Die Anklage sieht Wohlleben als "steuernde Zentralfigur der gesamten Unterstützerszene". Das stellt der Angeklagte in Abrede. Er präsentierte sich als Bewahrer deutscher Kultur und Verehrer der "Ahnen" und umschifft wohlweislich Themen wie Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

Zu dieser Harmlosigkeit passt jedoch nicht, dass er nach eigenen Angaben am meisten unter Beobachtung der Strafverfolger gestanden habe, sodass wegen der Gefahr einer Überwachung seiner Wohnung niemals über heikle Dinge geredet worden sei.

Wohlleben redet viel

Er habe "keine Erinnerung, dass Waffen jemals Gesprächsthema waren bei uns", antwortet Wohlleben auf die Frage des Vorsitzenden, ob der als paramilitärischer Waffennarr verschriene Uwe Böhnhardt scharfe Waffen gehabt habe. Nur an "Streitaxt und Zwille und Wurfanker" will er sich bei Böhnhardt erinnern.

Wohlleben redet viel. Er antwortet und bestätigt dabei allerlei Anklagevorwürfe - etwa, dass Böhnhardt eine Pistole gewollt habe, ein deutsches Fabrikat, keinen Revolver, "warum auch immer, keine Ahnung". Aber zur Aufklärung der Morde, die Böhnhardt mit seinem Kumpan Uwe Mundlos begangen haben soll, trägt Wohlleben so gut wie nichts bei.

Als Götzl zum Kern des Anklagevorwurfs vordringt, verlässt den Angeklagten auffällig oft die Erinnerung. Bei den entscheidenden Punkten hat er "keinen Ankerpunkt". Oder er schweift ab, redet um die Fragen herum. So schildert er zum Beispiel des zweite Treffen 1999 mit dem untergetauchten Trio in der Nähe irgendeiner Tankstelle, irgendeines Einkaufszentrums mit Stahltreppen an der Fassade, nahe irgendeinem Tunnel und einem Park mit Spielplatz und Spielgeräten für Kinder. Er habe mit Böhnhardt allein gestanden, als der nach einer scharfen Waffe gefragt habe. Auch mit Zschäpe habe er geredet. Worüber? Keine Erinnerung.

"War von den Kosten der Waffe die Rede?", fragt Götzl. Wohlleben erinnert sich nicht. Er will gerade noch wissen, dass Böhnhardt sich lieber habe erschießen wollen, als jemals wieder ins Gefängnis zu gehen. An einem Selbstmord habe er aber nicht schuld sein wollen. Daher habe er Böhnhardt hingehalten. "Das war gängige Praxis bei mir damals", sagt der Angeklagte. Götzl: "Haben Sie etwas unternommen, um eine Waffe zu besorgen?" Wohllebens "Nein" klingt nun weniger fest.

"Hat Böhnhardt gesagt, wie Sie eine Waffe besorgen sollen?" "Nein". Er habe "irgendwelchen Kakao" erzählt, dass er sich kümmere. "Hab ich aber nicht."

Ein Schalldämpfer als "Gimmick"?

Götzl fragt nach dem weiteren Fortgang der Waffenbeschaffung, die Wohlleben nun immer weiter ins Dunkle rückt. Er flüchtet sich in Spekulationen. Er sagt, dass es relativ schwierig für ihn sei, das Geschehene wiederzugeben. Er will keine Erinnerung daran haben, Carsten S. Geld zum Waffenkauf gegeben zu haben. Er will keine Kenntnis von der Finanzierung jener Ceska 83 gehabt haben, mit der später neun Menschen getötet wurden. Er will in dem Skinhead-Szeneladen "Medley", dessen Mitarbeiter die Ceska besorgt haben soll, nur ein- oder zweimal gewesen sein. Jedoch will er Carsten S. geraten haben, sich dort bei dem Ansinnen, eine Waffe kaufen zu wollen, auf ihn zu berufen. Passt das zusammen?

Wohlleben gerät ins Schwimmen. Er will keine Erinnerung haben daran, wann Carsten S. mit der Ceska bei ihm erschien, worüber gesprochen wurde, wer die Waffe ausgepackt hat. "Ich war über den Schalldämpfer überrascht, der dabei war", sagt er. Er habe ihn "einfach mal draufgeschraubt, um zu sehen, wie das aussieht", denn mit Waffen kenne er sich nicht aus.

Die Waffe aber habe er sich nicht näher angeschaut. Über den Schalldämpfer - für eine Waffe zum eventuellen Selbstmord - habe er nicht länger nachgedacht. Er habe ihn für ein "Gimmick" gehalten.

Götzl fragt immer weiter. Von der chronologische Abfrage des Aussagetextes weicht er schon längst ab. Der Angeklagte hat bald überhaupt kein Gedächtnis mehr. Er weiß nicht, was Carsten S. mit der Waffe machte, wie sie bezahlt wurde, woher das Geld dafür kam. In seiner Aussage vor Weihnachten hatte Wohlleben noch den früheren V-Mann Tino Brandt verdächtigt, das Geld für die Waffe an S. übergeben zu haben.

Er wisse auch nicht, von wem er erfahren habe, dass Holger G. ebenfalls eine Waffe habe besorgen sollen, sagte Wohlleben nun. Das sei ein "unangenehmes" Thema gewesen, das eher selten angesprochen worden sei. Dann bittet Verteidiger Klemke um Abbruch der Befragung; sein Mandant habe Rücken- und Kopfschmerzen.


Zusammengefasst: Im NSU-Prozess hat der Angeklagte Ralf Wohlleben auf die Fragen des Richters geantwortet. In den entscheidenden Punkten - etwa der Beschaffung der Mordwaffe vom Typ Ceska - kann er sich jedoch an wenig erinnern. Die Anklage wirft Wohlleben vor, die Waffe zusammen mit dem Mitangeklagten Carsten S. für das untergetauchte Trio beschafft zu haben. Er bestreitet das.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.