Zeuge in NSU-Prozess Geklingelt, gefragt und geschlafen

Thomas R. war ein enger Freund von Uwe Mundlos und gewährte ihm, Beate Zschäpe sowie Uwe Böhnhardt Unterschlupf. Im NSU-Prozess hat der Zeuge Gedächtnislücken - sein Auftritt verweist auf eine Krux des Verfahrens.

Von , München

Angeklagte Beate Zschäpe (M., Archiv): NSU-Prozess in München
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Angeklagte Beate Zschäpe (M., Archiv): NSU-Prozess in München


Es ist der dritte Zeugenauftritt von Thomas R., von Beruf Maurer und von Gesinnung ein harter Rechter aus Chemnitz. Am 1. April, es war der 100. Verhandlungstag, musste er erstmals im NSU-Prozess erscheinen, das zweite Mal am 29. Juli. Obwohl einer der engen Freunde von Uwe Mundlos, will sich R. aber noch immer nicht an mehr erinnern, als dass das Trio 1998 bei ihm "geklingelt, gefragt und geschlafen" habe. Es war die erste Zeit nach dem Abtauchen von Beate Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in die Illegalität, als die drei nach einem Dach über dem Kopf suchten.

R. ist ein unzugänglicher Zeuge. Er müsste einiges wissen über das Leben des Trios in den Monaten vor dem mutmaßlich ersten Mord des NSU. Mit Mundlos und Böhnhardt unternahm er Ende der Neunzigerjahre Fahrradtouren, besuchte die drei, tauschte mit ihnen Spiele und CDs - und er gab unter anderem die Zeitschrift "Sachsens Glanz" heraus, an der auch Mundlos mitgearbeitet haben soll.

Immer wieder kreist der NSU-Prozess um die Frage, wie und von wessen Geld die Untergetauchten seinerzeit ihr Leben in der Illegalität finanzierten, ehe Mundlos und Böhnhardt zu Raubüberfällen übergingen. Die Anklage behauptet, Zschäpe sei die Verwalterin des Geldes gewesen. Also ist dessen Herkunft von Belang.

"Nö, weeß ick nich"

R. gehört zu jenen Zeugen, denen rasch und häufig der Satz "Det weeß ick doch nich mehr" über die Lippen geht. Ihm eine konkrete Frage zu stellen, ist meist ergebnislos. Es wird ihm ein Foto vorgelegt, auf dem er eindeutig zu erkennen ist. Er aber ist da anderer Meinung. "Ja, so'n T-Shirt hatte ick mal", sagt er, "bin rausgewachsen." Aber ist er derjenige, den das Bild zeigt? "Keine Ahnung." Der Erlös aus dem Verkauf solcher T-Shirts soll dem Unterhalt von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gedient haben.

Die Angeklagte Zschäpe flüstert mit ihren Anwälten, die Sitzung wird kurz unterbrochen. Anschließend sagt Verteidigerin Anja Sturm: "Nach meinen Erkenntnissen soll Mundlos mal mehrere Wochen allein bei R. gewohnt haben." Sie fragt, ob dieser etwas von Problemen zwischen Böhnhardt und Zschäpe wisse? Wieder kommen nur Antworten wie: "Bei mir haben so viele Leute gewohnt, nö, weeß ick nich."

Verärgert über die Verweigerungshaltung mancher Zeugen aus der rechten Szene und ihre zum Teil dreisten oder patzigen Antworten, versuchen einige Anwälte der Nebenklage immer wieder, ihnen dadurch auf die Pelle zu rücken, dass sie lange Anlauf nehmen mit Fragen - in der Hoffnung, dass dann doch das eine oder andere Wort fällt, das zu weiteren Fragen Anlass geben könnte.

Ausufernde Diskussionen

Aus einer solchen Situation entwickelt sich am Dienstag wieder einmal eine Grundsatzdiskussion darüber, ob im NSU-Prozess allein die angeklagten Taten aufgeklärt werden sollen oder auch das Umfeld, in dem sie mutmaßlich stattfanden. Denn nicht nur die Verteidigung beanstandet immer wieder entsprechende Fragen der Opferanwälte, auch der Vorsitzende bittet die Fragenden oft nachdrücklich, "konkrete" Fragen zu stellen, also solche, deren Sinn sich ohne Umstände erkennen lässt. Denn dann müssen die Zeugen meist den Saal verlassen, und die Prozessbeteiligten streiten sich über Sinn und Zweck der unterschiedlichen Auskunftswünsche.

So interessant es bisweilen ist zu erfahren, wie weitläufig vernetzt das Unterstützerumfeld der mutmaßlichen Terrorzelle NSU war und welche Hetzblätter in dieser ausländerfeindlichen Szene kursierten, so fraglich ist es, ob vor Gericht auch anderes als "nur" die Anklage verhandelt werden soll. Die Bundesanwaltschaft hält sich für gewöhnlich zurück und verweist höchstens puristisch auf den Beschleunigungsgrundsatz, da Zschäpe und Ralf Wohlleben in U-Haft säßen und Anspruch auf ein zwar noch nicht absehbares, aber doch zügig herbeigeführtes Prozessende hätten.

Am Dienstag, es ist der 146. Verhandlungstag, wird es Bundesanwalt Herbert Diemer aber dann doch zu viel: "Wir werden in zehn Jahren noch hier sitzen, wenn das so weitergeht." Einer seiner raren Sätze, die ausufernde Diskussionen beenden.

Dann will Olaf Klemke, Verteidiger des Angeklagten Wohlleben, auch noch einen BKA-Zeugen vereidigen lassen. Wieder dauert es. Denn es geht um die Frage, wie laut Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten mal bei einer Zeugenvernehmung in Karlsruhe gewesen ist, an der der Beamte teilgenommen hat. Der Kollege des Beamten sprach von "Brüllen", der Zeuge erinnert sich daran nicht. Der Vorsitzende lehnt eine Vereidigung ab. Denn die Frage, wie laut es in Karlsruhe herging - eine im übrigen höchst subjektive Wahrnehmung -, wird den NSU-Prozess nicht entscheiden.

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