Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mutmaßlicher NSU-Waffenlieferant: "Er wollte nur Geld ranschaffen"

Von , München

Tatwaffe Ceska 83 (Archiv): Wie kam die Pistole in den Besitz des NSU? Zur Großansicht
Getty Images

Tatwaffe Ceska 83 (Archiv): Wie kam die Pistole in den Besitz des NSU?

Wie gelangte die Waffe vom Typ Ceska in die Hände des NSU? Der mutmaßliche Beschaffer Hans-Ulrich M. soll eine zentrale Rolle dabei gespielt haben, erschien aber erneut nicht als Zeuge vor Gericht. Dafür sagte seine frühere Lebensgefährtin aus.

Der Weg der Ceska 83, mit der in Deutschland zwischen 2001 und 2006 neun Menschen vermutlich vom NSU erschossen wurden, wird zwar Schritt für Schritt aufgeklärt. Er wirft aber noch immer Fragen auf. Am 159. Verhandlungstag beschäftigte sich der Senat des Münchner Oberlandesgerichts, vor dem die Verbrechen des NSU verhandelt werden, erneut mit dem Thema: Wie gelangte die von einem Händler in Bern vertriebene Waffe schließlich zu den mutmaßlichen Tätern Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos?

Durch wessen Hände die Ceska in der Schweiz ging, erscheint inzwischen aufgeklärt. Doch jener Mann, der sie aus der Schweiz nach Deutschland brachte, Hans-Ulrich M., entzieht sich bis heute einer Zeugenvernehmung vor dem Senat. Und das, obwohl ihm das Gericht freies Geleit und die Unterstützung durch einen Rechtsbeistand zusicherte.

Daher wurde M.s damalige Freundin Sitta I. vorgeladen. Sie konnte bestätigen, was schon der Schweizer Peter-Anton G. über den Waffenerwerb ausgesagt hatte. Die Ceska stammte ursprünglich aus einem Kontingent des Berner Waffengeschäfts Schläfli und Zbinden aus dem Jahr 1996.

Freund von Uwe Böhnhardt beschäftigt

Damals war es einem Schweizer Bürger möglich, ohne große Umstände einen oder mehrere Waffenerwerbsscheine bei der zuständigen Behörde zu beantragen und damit sowie einer Kopie des Identitätsausweises Waffen zu kaufen. Solche Scheine konnten aber auch an Dritte veräußert werden. Und die Waffen konnten, wenn die Rechnung dafür bezahlt war, per Post versandt werden. Peter-Anton G., der sich in finanziellen Nöten sah, gab daher dem Wunsch seines Bekannten Hans-Ulrich M. nach, ihm zwei Waffenerwerbsscheine für drei Handfeuerwaffen gegen ein Entgelt von 400 Schweizer Franken zu überlassen. M. orderte daraufhin bei Schläfli und Zbinden unter anderem zwei Ceskas 83. Das Paket wurde an G. versandt, der es ungeöffnet an M. weitergegeben haben soll.

M. machte damals auch Geschäfte im thüringischen Apolda, er führte Autos über die Schweiz in die neuen Bundesländer ein. Und er beschäftigte Enrico T., einen der besten Freunde Uwe Böhnhardts, in seiner Firma "Auto-Service-Sidonia". Sitta I. beschrieb vor Gericht anschaulich, wie sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten M. bemüht war, nach der Wende finanziell auf die Beine zu kommen.

"Ich stellte einen Unternehmensplan auf, bekam Kredite von der Bank und investierte das Geld. Ich machte die Werbung, er verkaufte die Autos. Jeder war süchtig damals nach West-Autos. Ich habe meine ganze Kraft, meine Energie, meine Träume in diese Firma gesteckt - und zu spät gemerkt, dass er im Grundbuch stand und nicht ich." Und dann habe Hans-Ulrich M. sie auch noch betrogen. "Ich habe gedacht, er gibt seinen Job in der Schweiz auf wegen mir. Heute weiß ich, dass es ihm nur ums Geld ging."

"Ein Schweizer in Thüringen, wow!"

"Hatte M. Kontakt mit der rechtsradikalen Szene?", fragte der Vorsitzende die Zeugin. Sie antwortete mit der Beschreibung eines Besuchs des Bürgermeisters von Apolda, der sie gefragt habe: "Sag mal Sitta, welche Leute laufen da bei euch rum?" Ob das Rechtsradikale gewesen seien, wisse sie nicht. "Da waren schon Tätowierte dabei - aber nicht jeder von denen ist doch rechtsradikal", sagte sie vor Gericht.

Auf Bitte des Vorsitzenden vermittelte die Zeugin dem Gericht einen Eindruck von Hans-Ulrich M.: Er sei ein Mensch, der sehr schnell mit anderen ins Gespräch komme. Ihm sei allein wegen seines Dialekts in Thüringen Vertrauen entgegengebracht worden, was zum Geschäftserfolg durchaus beigetragen habe. "Das Schwyzerdütsch kam sehr gut an bei uns. Ein Schweizer in Thüringen, wow! Das begeisterte uns!", beschrieb die Frau M.s Wirkung. "Welche politischen Ansichten hatte Herr M.?", fragte der Vorsitzende. "Ich denke, keine", antwortete die Zeugin. "Er wollte nur Geld ranschaffen."

M. soll laut Anklage die Absicht gehabt haben, die Ceska 83 nach Deutschland zu verkaufen, da es dort Interessenten gegeben habe, die nicht leicht an Waffen herankämen. M. war seinerzeit auch mit Enrico T. befreundet, der von 1990 bis 1994 aushilfsweise für ihn arbeitete. Von T. soll die Waffe wiederum zu dessen Freund Jürgen L. gelangt sein und von dem zum Angeklagten Carsten S. Dieser hatte Anfang 2000 von Ralf Wohlleben den Auftrag erhalten, eine Waffe möglichst deutscher Herkunft für das "Trio" zu beschaffen. Carsten S. brachte dann die Waffe von Jena nach Chemnitz, wo er von den beiden Uwes am Bahnhof abgeholt wurde. S. und Wohlleben sind daher wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagt.

Was aber geschah zwischen 1996 und 2000 mit der Ceska 83? Lag sie bei M.? Oder ging sie in andere Hände? Ist sie benutzt worden? Wenn ja, von wem? Auch zur Frage, ob ursprünglich ein Schalldämpfer bestellt war oder nicht, ob einer im Set geliefert wurde oder nicht, gibt es unterschiedliche Aussagen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: