Mutmaßlicher Waffenlieferant im NSU-Prozess Der Zeuge, der immer eine Ausrede hat

Die Bundesanwaltschaft sieht in Jürgen L. einen Mitbeschaffer der Ceska 83 - der Mordwaffe des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Als Zeuge im NSU-Prozess weist der 42-Jährige nun jegliche Beteiligung von sich.

Von , München

Angeklagte Zschäpe und Anwälte im NSU-Prozess: Zeuge bestreitet Unterstützung
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Angeklagte Zschäpe und Anwälte im NSU-Prozess: Zeuge bestreitet Unterstützung


In der Welt von Jürgen L. sind Behörden zwielichtige Organisationen, die ihm in seinem Leben übel mitspielen. Da ist etwa die Polizei, die nach Überzeugung des 42-Jährigen dafür verantwortlich ist, dass in Vernehmungsprotokollen Aussagen von ihm auftauchen, die er selbst gar nicht gemacht hat. Auch das Bundeskriminalamt habe teilweise seine "Aussagen manipuliert". So hat es der Mann aus Jena nun im NSU-Prozess gesagt.

Die Ausgangslage im Saal A101 des Münchner Oberlandesgerichts ist für den groß gewachsenen Mann in beiger Hose und kurzärmeligem Hemd alles andere als angenehm: Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass L. an der Beschaffung der Pistole vom Typ Ceska 83 mit der Seriennummer 034678 beteiligt war - es handelt sich dabei um die Waffe, mit der neun der zehn Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) getötet worden waren.

Andreas S., einst Inhaber des rechten Szeneladens "Madley" in Jena, hatte L. in Polizeivernehmungen belastet. Demnach hatte sich Andreas S. an L. gewandt, nachdem er gefragt worden war, ob er eine Waffe besorgen könne. L. sei dafür bekannt gewesen, "dass er alles besorgen konnte", hatte Andreas S. in einer Vernehmung gesagt. Zwei Wochen später sei L. dann wieder bei ihm im Laden gewesen, in einem Park habe die Waffenübergabe stattgefunden.

"Kompletter Irrsinn", sagt L. vor Gericht. "Ich kann nur sagen: Er lügt." Andreas S. müsse ihn mit einer anderen Person verwechseln, so L. Überhaupt habe er S. nicht ernst genommen. Der habe gekifft, Koks und Speed genommen, behauptet der Zeuge. Möglicherweise sei dessen Aussage "im Drogenwahn" erfolgt.

"Dann wäre ich ja Millionär"

Was er denn zu der Aussage von Andreas S. sage, L. sei dafür bekannt gewesen, alles besorgen zu können, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. "Ist ja Quatsch, dann wäre ich ja Millionär", antwortet L. War eine Waffenbeschaffung zwischen ihm und Andreas S. in den Jahren 1998 bis 2000 ein Thema? "Da war überhaupt kein Gespräch", sagt L.

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt habe er persönlich nicht gekannt, sagt L. 1993 war er in der JVA Hohenleuben inhaftiert, da saß damals auch Böhnhardt. Den habe er dort nicht kennengelernt, so der Zeuge. Den Mitangeklagten Ralf Wohlleben kenne er nur flüchtig. Den habe er einst auf der Straße gefragt, ob er wisse, wo es die nächste Demonstration gebe. Dass es im Umfeld von L. mitunter auch handgreiflich zur Sache ging, erfahren die Zuhörer im Saal beiläufig. Von "Cliquenwirtschaft" im Dorf spricht L., als er in kurzen, oft unvollständigen Sätzen über Bekannte spricht: Da gebe es dann "kurz Prügel oder nicht Prügel".

Demonstrationen habe er sehr unterschiedliche besucht, mal die von der NPD, dann auch welche von der Antifa. Wie denn seine politische Einstellung sei, fragt Götzl. "Ich habe eigentlich keine Meinung." Was er dann auf Demonstrationen suche? "Abenteuer, Spaß", sagt L., und dann wechsele man auf die Seite, "wo der Mülleimer brennt".

Würde man L. glauben, dann käme man zu dem Ergebnis, dass er ganz sicher kein Unterstützer des NSU war. Nur macht der Zeuge vor Gericht Aussagen, die seine Glaubwürdigkeit erheblich infrage stellen.

Dass auf seiner Festplatte eine PDF-Datei mit Waffenzubehör und ein Dokument zur "Einführung in Sprengchemie" gefunden wurden, führt er darauf zurück, dass er früher für andere Leute Computer repariert und dann wohl Sicherungskopien vorgenommen habe. Das gelte auch für ebenfalls auf dem Datenträger gefundene Bilder von NS-Devotionalien und Nazi-Musik. "Ist halt so", sagt L.

Dafür dass er, wie ihm eine Anwältin der Nebenklage vorhält, in einem Internetchat via Skype im Jahr 2011 "Heil dir, Philipp" schrieb und sich mit "Sieg H…" verabschiedete, hat er gleich zwei Antwortvarianten parat. Die eine: Der Chatpartner sei ein Österreicher gewesen, da sage man das so. Die andere: "Kein Plan, wer das reingetippt hat."

Und noch verwunderlicher: Er hat "keine Erinnerung" daran, dass er im August 1991 nach einer Demonstration kontrolliert und dass dabei eine Schusswaffe entdeckt wurde. Abgesehen von einer Schreckschusspistole, so hatte es L. zuvor gesagt, besitze er keine Waffen. Andererseits: Was sei die Definition für eine Waffe, fragt L. im Gericht. Er kenne Leute, die etliche Messer in der Küche hätten, "15 Stück, ist doch Wahnsinn".

Ob gegen ihn einst wegen versuchten Totschlags ermittelt worden sei, fragt ihn ein Anwalt der Nebenklage. Darüber stehe etwas im Computer der Polizei, sagt L., das habe er einst erfahren. "Ich wurde aber nie vernommen."



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