Zeuge im NSU-Prozess Der ahnungslose Riese

"Kenn ick nicht", "keene Ahnung": Im NSU-Prozess hat ein früherer Leiter der Thüringer "Blood and Honour"-Sektion bestritten, für den Verfassungsschutz gearbeitet zu haben. Doch der Richter bringt ihn in arge Schwierigkeiten.


Mit dem Verfassungsschutz will der Zeuge D. nie etwas zu tun gehabt haben. Bekannt unter dem Spitznamen "Riese" fungierte er als Leiter der Sektion Thüringen des Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour", das rassistisches Gedankengut durch die Organisation von Konzerten mit Bands aus der rechten Musikszene verbreitete. Vor Gericht im NSU-Prozess hat er vorwiegend "keene Ahnung". Fast jede Antwort garniert er mit dieser Floskel.

Nur als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl erstaunt nachfragt: "Sie haben nie als Quelle gearbeitet?" - da kommt ein entschiedenes "Nein". 2001 habe er erstmals in der Presse gelesen, klagt D., dass er für den Verfassungsschutz arbeite. Seitdem werde ihm dies ständig vorgeworfen.

Warum aber erteilte ihm dann das thüringische Innenministerium auf Anfrage des Senats eine "unbeschränkte" Aussagegenehmigung? "Haben Sie eine Erklärung dafür?", fragt Götzl. "Das müssen Sie schon die fragen", antwortet D. "Das werde ich auch tun", erwidert Götzl verärgert. Und dann setzt er an zu einer dramaturgisch glänzenden Befragung des sich anscheinend sicher fühlenden Zeugen, der bald ins Schleudern gerät.

Nach Angaben von Verfassungsschützern war D. Ende der Neunzigerjahre eine wichtige und verlässliche Quelle des Landesamts in der rechten Szene Thüringens. Götzl weiß das. Denn Ende vergangenen Jahres wurden im NSU-Prozess bereits zwei Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz Thüringen als Zeugen gehört, die laut ihrer Aussage neben Tino Brandt, einem der bekanntesten Neonazis aus Thüringen, auch D. als Quelle führten.

Fotos der beiden werden D. gezeigt: "Kenn ick nich", sagt der. Der Vorsitzende, ungläubig: "Wie kommt der Mitarbeiter des Verfassungsschutzes dazu, Sie als Quelle 2100 zu bezeichnen?"

"Fragen Sie ihn selbst!", kommt als patzige Antwort. "Das haben wir schon getan", sagt der Vorsitzende, "es liegen uns auch Ablichtungen von Quellenmeldungen vor." Da schweigt der Zeuge.

"Erinnerungstechnisch nur schwach vorhanden"

Auch von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe will der Zeuge nur aus der Presse erfahren haben. Nach deren Untertauchen aber soll D. seinem Freund und sächsischen "Blood and Honour"-Funktionär Thomas S., mit dem Zschäpe laut Anklage zeitweise liiert war, anlässlich eines Konzerts 1999 in Schorba eine Spende für die drei angeboten haben. Dies aber soll S. zurückgewiesen haben mit dem Argument, die Untergetauchten brauchten kein Geld mehr, da sie jetzt "jobben" würden.

Vor Gericht bestreitet D. diese Episode zunächst. Als ihn der Senat mit seinen anderslautenden Aussagen vor dem Bundeskriminalamt konfrontiert, gerät D. in Bedrängnis. Wie soll er erklären, dass er im Jahr 2012 dort offenbar sowohl über eine Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz ausgesagt hatte als auch über die Zurückweisung einer Spende für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe? Vor Gericht nun sagt er nach langem hin und her: "Könnte schon sein." Und: "Erinnerungstechnisch ist das nur schwach vorhanden."

Mehrfach fragt der Vorsitzende nach, ob D. seine Aussage, kein Zuträger des Verfassungsschutzes gewesen zu sein, korrigieren wolle. Jedesmal weigert sich D. Es gebe wohl Dokumente, sagt er, in denen sein Name als "Quelle 2100" auftauche, zum Beispiel im sogenannten Schäfer-Bericht über die Fehler der Ermittlungsbehörden bei der Suche nach dem NSU-Trio. "Aber dort sind Sie namentlich gar nicht genannt", hält ihm der Vorsitzende entgegen. "Wie kommen Sie dann auf Ihren Namen?"

D. wird sich das genau überlegen müssen, denn er wird noch einmal als Zeuge vor Gericht geladen werden. Gegebenenfalls droht ihm ein Verfahren wegen Falschaussage.

"Wir haben damals alle so gedacht im Erzgebirge"

Der nächste Zeuge, Stefan H., sollte Auskunft über die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" und vor allem über den Angeklagten André E. geben. Man habe etwas "für die Jugend auf die Beine stellen wollen", da das Erzgebirge damals zu einem Drogenumschlagplatz verkommen sei, sagt er. Man habe "der Jugend was bieten wollen". Daher seien Ausflüge, Fußball- und Geländespiele mit anschließendem Konzert veranstaltet worden. "Ihre Zielsetzung?" fragt der Vorsitzende nach. "Politische Bildung", lautet die Antwort. "Was bedeutet das?" Dem Zeugen fehlen jetzt die Worte, vielleicht auch die Gedanken: "Dass man - was soll man sagen - dass die Jugendlichen sein Land, die Natur und Heimat schätzen lernen", stammelt er.

Wie viele Zeugen aus dem rechten Milieu zieht auch H. Verharmlosungen, fehlende Erinnerung und vage Auskünfte klaren Antworten vor. Den "Thüringer Heimatschutz" will er nicht kennen. An die Ziele der Bruderschaft will er sich kaum erinnern. "Dass die weiße Weltbevölkerung auf die Beine kommt", murmelt er in breitestem Ostdialekt. Beim Bundeskriminalamt soll H. gesagt haben, die Zwillingsbrüder E. seien "radikal" gewesen. "So genau stimmt das nicht", sagt er nun.

Auf Nachfrage von Nebenklagevertreterin Edith Lunnebach gibt er zu, dass André E. gegen Ausländer gewesen sei, weil diese den Deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen; sie sollten Deutschland verlassen. "Wir jungen Leute haben damals alle so gedacht im Erzgebirge." Über Gewalt sei jedoch "nur geistig" nachgedacht worden. Das Thema "Ausländer verprügeln" sei nicht diskutiert worden. Dann aber gibt er auf Frage von Anwalt Mehmet Daimagüler zu, dass man Türken für "böse" hielt; sie gehörten weg.

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