Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zeugen im NSU-Prozess: Einer durstig, einer dreist

Von , München

Zeugenplatz im OLG München: Thomas B. wird nun zwangsweise vorgeführt Zur Großansicht
DPA

Zeugenplatz im OLG München: Thomas B. wird nun zwangsweise vorgeführt

Ein Zeuge, der im NSU-Prozess aussagen sollte, zog die Kneipe dem Gerichtssaal vor. Ein anderer aus der rechten Szene sagte aus - es war ein besonders dreister Auftritt.

Auch im NSU-Prozess geht es nicht immer nur ernst zu. Der 130. Verhandlungstag beginnt mit einer Mitteilung des Senatsvorsitzenden, deren skurrile Komik erst durch den lakonischen Vortrag zur Geltung kommt. Manfred Götzl zitiert, sich jeden Kommentars enthaltend: Der für diesen Sitzungstag vorgesehene Zeuge Thomas B. habe sich auf den Weg von Thüringen nach München begeben. In Nürnberg habe er kehrt machen müssen. Um zu trinken. Denn es sei ihm schwindlig geworden. Dann sei er nach Bamberg weitergefahren. Wo er nun eine Wirtschaft suche. Seinen guten Willen, als Zeuge zu erscheinen, habe er damit gezeigt. Meine Herr B.

Nun wird B. zwangsweise vorgeführt werden. Anfang der neunziger Jahre gehörte er zur kriminellen Szene Jenas. Er soll gegenüber der Polizei ausgesagt haben, Mitglieder der ultrarechten Szene hätten bereits 1993 Schusswaffen besessen und diese am Rand einer Burgruine bei Jena versteckt.

Statt B., dem abwesenden Zeugen guten Willens, tritt Andreas R. in den Gerichtssaal, der sich im Lauf der Verhandlung als einer der bisher dreistesten Zeugen aus der rechten Szene erweist. Er wird begleitet von Rechtsanwalt Thomas J., der unlängst als Zeuge dem Münchner Senat gezeigt hat, wie man als rechter Rechtskundiger mit der Justiz Katz und Maus spielt. Sein Mandant R. ist in diesem Sinne bestens vorbereitet.

"Geflügeltes Wort von den Bombenbastlern"

R. will so gut wie keine Erinnerung an die Gesinnungsgenossen aus der rechten Szene haben. Beate Zschäpe? Mal gesehen. Wann? Wo? In welchem Zusammenhang? Keine Erinnerung. Uwe Böhnhardt? Der sei mal als Schiedsrichter bei einem Fußballspiel aufgetreten und "der Auffälligste" gewesen. Warum? Keine Erinnerung. Mundlos? Keine Erinnerung. Es habe nur das "geflügelte Wort von den Bombenbastlern von Jena" gegeben, die "irgendwelche Attrappen abgelegt haben sollen". Wo? Keine Erinnerung.

Laut Anklage soll R. mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben jenes Auto abgeschleppt haben, mit dem das Trio 1998 die Flucht vor der Polizei angetreten hatte. Götzl fragt nach einer zeitlichen Einordnung. Keine "genaue" Erinnerung. 1998? Vielleicht habe er in einer Vernehmung beim Bundeskriminalamt davon gehört. Farbe des Wagens? War noch jemand dabei? Keine Erinnerung. Fabrikat? Ein französisches. "Für mich war das ein Un-Fahrzeug."

Am Nachmittag, wenn Götzl die Befragung schärfer zu führen pflegt, entlockt er dem Zeugen R. Aussagen wie: Damals, als er noch der rechten Szene angehört habe, sei es ihm um das "biologische Überleben des deutschen Volkes gegangen". Oder: Er habe "die Umgestaltung des Landes auf demokratischem Weg" erreichen, einen "Nationalstaat auf demokratischer Basis" entwickeln wollen.

Götzl kommt auf das Thema Wohlleben zurück. "Wann hatten Sie den letzten Kontakt zu ihm?" Der letzte sei "mit Sicherheit ein flüchtiger" gewesen, antwortet R. "Sehen Sie: Erst sagen Sie, Sie erinnerten sich an gar nichts. Und dann kommt 'mit Sicherheit'." Man werde eben immer zu "solchen Aussagen verleitet", antwortet der Zeuge.

Unterschlupf beim Holocaust-Leugner

An den "Thüringer Heimatschutz", jenen rechten Verbund, in dem auch Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos mitmischten, erinnere er sich nur als ein Transparent, auf dem eine Zeile zu lesen gewesen sei: "Der Gott, der Eisen wachsen lässt, der wollte keine Knechte."

Götzl zitiert nun aus der Aussage eines Dritten, der einiges über das Abschleppen von Wohllebens Auto wusste, weil er offenbar dabei war. "Da bin ich platt", entgegnet der Zeuge R.: "Da sieht man, was ein menschliches Gehirn mit der Erinnerung macht!" Vermutlich war es in seinem Fall eher der Rat des Rechtsbeistands J., der auf die Erinnerung eingewirkt hat.

Nicht zum ersten Mal gewinnt das Profil eines Zeugen durch die Fragen bestimmter Nebenklagevertreter weiter an Kontur. Auf Frage von Alexander Hoffmann gibt der Zeuge zu, sich einst einem deutschen Haftbefehl durch die Flucht nach Dänemark entzogen zu haben. "Haben Sie dabei Unterschlupf bei Personen des rechten Spektrums gefunden?" Erst verneint R., dann sagt er, sich bei Thies Christoffersen eingemietet zu haben, einem weltweit bekannten Propagandisten der "Auschwitz-Lüge".

Dann gibt R. zu, an Veranstaltungen teilgenommen zu haben, in denen das "Verbrennen von Negern" gefordert wurde und "Konzentrationslager für Asylanten". Wo "Sieg Heil" gebrüllt und in alten NVA-Gebäuden der militante Häuserkampf geübt oder demonstriert wurde.Ein Film von SPIEGEL TV bestätigt dies. Auch dass er vom Thüringer Verfassungsschutz Geld bekomme habe, muss der Zeuge zugestehen, für Informationen über diese Treffen. "Belangloses Zeug", sagt R. "Small Talk". Denn, so sei in der Szene gemunkelt worden: Wenn vier Personen an einem Tisch sitzen, seien mindestens zwei vom Verfassungsschutz.

Die Vernehmung des Zeugen R. wurde schließlich abgebrochen, er muß wieder vor Gericht erscheinen. Der Verhandlungstag am Donnerstag, für den der Zeuge Thomas G. erneut geladen worden war, entfällt, da noch umfangreiche Akten aus laufenden Ermittlungsverfahren digitalisiert und den Prozessbeteiligten zur Verfügung gestellt werden müssen. Das Kunststück, den Fahrplan des Senats zu realisieren, ist wieder einmal misslungen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: