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Prozess in München: Die Erinnerungen des NSU-Kuriers Jürgen H.

Von , München

Angeklagte Zschäpe: Helfer holten "Sachen und Papiere" aus ihrer Wohnung Zur Großansicht
DPA

Angeklagte Zschäpe: Helfer holten "Sachen und Papiere" aus ihrer Wohnung

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe konnten sich nach ihrem Abtauchen in den Untergrund 1998 auf ihre Freunde verlassen. Nun berichtete ein Zeuge von seinen Kurierdiensten für das Trio. Und wann es ihm "zu heiß" wurde.

Der Vorsitzende Richter im NSU-Prozess verfolgt bei Vernehmungen von Zeugen aus dem rechten Milieu eine klare Dramaturgie: Manfred Götzl nutzt die ersten ein, zwei Stunden, um herauszubekommen, mit wem er es zu tun hat. Ob vor ihm ein auskunftsbereiter Zeuge sitzt oder wieder einmal einer jener scheinbar total erinnerungslosen Neonazis. Am Montag ist Jürgen H. an der Reihe. 38 Jahre alt, von Beruf "Spedition", wie er sagt.

Jürgen H. war in der ersten Zeit, nachdem sich Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Januar 1998 auf die Flucht vor der Polizei begeben hatten, eine der Verbindungsfiguren zwischen dem Trio und der rechten Unterstützerszene in Thüringen. Bereits dies zuzugeben, fällt ihm schwer.

Jürgen H. lernte Ralf Wohlleben, den Mitangeklagten, nach eigenen Angaben im Alter von 13 oder 14 Jahren kennen. Man habe im selben Stadtteil gewohnt und derselben Clique angehört, "an der Tischtennisplatte auf unserem Platz".

"Gewartet, übergeben, weggefahren"

Auch mit Böhnhardt freundete er sich an. "Böhnhardt und ich wollten abhauen wegen Problemen zu Hause, mit gestohlenen Fahrzeugen." "Wie endete die Sache?", fragt der Vorsitzende. "Bei der Polizei", lautet die kleinlaute Antwort.

Der Zeuge gibt sich einsilbig. Ganze Sätze bringt er nicht heraus, allenfalls Stichworte. Mit Böhnhardt habe er auch nach dessen Verschwinden 1998 Kontakt gehabt. Wie denn? "Telefonisch." - "Erzählen Sie mal!" - "Angerufen." - "Wie?" - "Telefonzelle."

Wohlleben oder Carsten S. hätten ihm mitgeteilt, in welche Zelle er gehen solle. Jena Ost. Dort sei er angerufen worden. "Warum?"- "Sachen, die sie brauchen. Dann übergeben." Er habe Aufträge "bearbeitet". "Was wurde Ihnen erklärt?" - "Sachen besorgen." - "Was wussten Sie von der Situation, in der sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt befanden?" - "Nicht viel." Es fällt Jürgen H. sichtlich schwer, in Anwesenheit Wohllebens über Aktivitäten seines früheren Freundes offen zu berichten.

Was sich derart zäh anlässt, geht meist nach der ersten Pause etwas flüssiger weiter. Auch Jürgen H. berichtet nun stockend, wie er einmal auf Wunsch Böhnhardts eine Plastiktüte von Wohlleben abgeholt und auf einem McDonalds-Parkplatz übergeben habe. An wen? "Da kam jemand auf mich zu. Schwarzer Kapuzenpulli. Gewartet, übergeben, weggefahren." - "Wer war das?" Der Zeuge will keine Ahnung gehabt haben. "Was hat die Person gesagt?" - "Nichts weiter." - "Was war in dem Beutel?" - "CDs und Sachen." Schließlich: In den CDs sei Geld gewesen.

"Ein komisches Gefühl"

Ein weiteres Mal sei er, Jürgen H., nach dem Abtauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit Carsten S. in Zschäpes verlassene Wohnung gefahren. Der heute Mitangeklagte S. habe aus ihrer Wohnung "Sachen und Papiere" geholt. "Gab es Zwischenfälle?" - "Polizei ist gekommen."

Es stellt sich heraus, dass Beamte des thüringischen Landeskriminalamts die Übergabe beobachtet und fotografiert hatten, dass sogar ein Hubschrauber zur Verfolgung unterwegs war. Und dass die Polizei auch Wind von dem Einbruch in Zschäpes Wohnung bekommen hatte. "Aber gekriegt haben sie uns nicht!", sagt der Zeuge erstmals spontan.

Es kam dann offenbar zu einer weiteren Übergabe eines etwas schwereren Beutels für das Trio in einer ehemaligen Jenaer Brauerei. In der Ruine habe am dunklen Eingang eine dunkle Gestalt, wieder mit Kapuzenpulli, den Beutel an sich genommen. Wer war das? Der Zeuge gibt sich ahnungslos.

Götzl hält ihm vor, er habe in Vernehmungen zugegeben, dass ihm die Kurierfahrten damals "zu heiß" geworden seien. Zu risikoreich. Er habe "ein komisches Gefühl" gehabt. Daher habe er die Fahrten eingestellt. Weil er ahnte, dass möglicherweise Waffen transportiert wurden?

Gesprächiger wird Jürgen H. erst, als er schildern soll, wie der Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst (MAD) Kontakt zu ihm aufnahmen. Wie mit Geld gewunken wurde. "Ich sollte Herrn Wohlleben bespitzeln", sagt er entrüstet.

"Auf einer Stufe mit Rechtsterroristen"

Der Zeuge gibt zu, das von Böhnhardt und Mundlos hergestellte "Pogromly"-Spiel - Thema: Wie macht man Städte "judenfrei" - in seiner Wohnung gelagert zu haben. 20 Exemplare. Wenn jemand aus der rechten Szene geklingelt habe und danach verlangte, habe er ein Spiel herausgegeben. Von Wohlleben und Carsten S. habe er gewusst, wer schon bezahlt hatte. 100 Mark kostete ein Exemplar.

Beim MAD hatte H. offenbar ausgesagt, er habe "die drei auf einer Stufe mit Rechtsterroristen" gesehen, die "mit einer gewissen Zielsetzung eine Veränderung der Gesellschaft herbeiführen wollten". Der Zeuge bestätigt auf Frage des Vorsitzenden, dass Böhnhardt, ein Waffennarr, nach seinem Eindruck Waffen gegen Ausländer eingesetzt hätte; Böhnhardt habe Ausländer "gehasst".

"Stimmt es, was Sie da ausgesagt haben?", fragt der Vorsitzende. Dass Böhnhardt gegen Ausländer gewesen sei; dass dieser der Auffassung gewesen sei, Ausländer gehörten nicht nur ausgewiesen, sondern in Konzentrationslager; dass sie am besten "vergast werden" sollten? Er würde sagen Ja, antwortet der Zeuge. Der Vorsitzende wiederholt fragend: Böhnhardt habe gesagt, er hasse Ausländer? "Ja", sagt der Zeuge.

"Traf es denn wirklich zu", fragt Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl im Anschluss, "dass Sie sagten, alle drei hätten auf der Stufe von Rechtsterroristen gestanden? Sie kannten doch nur Böhnhardt! Wie kommen Sie auf alle drei?" H. muss passen. Wie eng Zschäpe mit Böhnhardt war, dazu weiß er nichts zu sagen.

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