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Mutmaßlicher NSU-Helfer: Ganz auf Linie

Von , München

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DPA

Angeklagte Beate Zschäpe: Wer unterstützte sie im Untergrund?

Schweigen und Lügen gilt ganz offensichtlich vielen Zeugen im NSU-Prozess als oberste Devise. Am Mittwoch erzählte ein mutmaßlicher Helfer des Trios, wer eine Größe in der rechten Szene war - zugleich gab er sich seltsam ahnungslos.

Der Zeuge Ralph H., 40, vorgeladen im NSU-Prozess auf Antrag der Nebenklage, gehört zu jenen Auskunftspersonen, die Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und wohl auch Beate Zschäpe auf deren Flucht vor der Polizei in Chemnitz tatkräftig unterstützt haben sollen - davon aber heute nichts mehr wissen wollen. Ralph H. ist auch eine jener Personen aus der Neonazi-Szene, denen ausgerechnet Ende der neunziger Jahre, als das Trio auf Wohnungssuche war, die Geldbörse samt Personalausweis angeblich gestohlen oder abhanden gekommen sein soll.

Den Originalausweis entdeckten die Fahnder mehr als ein Jahrzehnt später im Brandschutt der Frühlingsstraße 26 in Zwickau, dem letzten Aufenthaltsort von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Der Zeuge kann sich dies angeblich nicht erklären und zeigt sich auch sonst vor Gericht von der harmlosesten Seite.

Mit H.s Personalausweis wurde damals eine Wohnung in der Chemnitzer Cranachstraße angemietet, angeblich ohne sein Wissen. Auf seinen Namen wurden - wiederum angeblich ohne sein Wissen -, Bestellungen bei Versandhäusern aufgegeben: Möbel, Elektronik, Bekleidung. Bezahlt jedoch wurden weder die Miete noch die gelieferte Ware, so dass H. schließlich von Inkasso-Unternehmen sowie der Hausverwaltung zur Zahlung aufgefordert wurde.

"Jeder versuchte, sich bei ihm einzubringen"

Nach Auffassung der Nebenklage half H. beim "organisierten Warenbetrug" - einer bisher nicht bekannten Finanzierungs- und Ausrüstungsquelle in der Aufbauzeit des NSU. Er habe Anzeige erstattet wegen Missbrauchs seiner Identitätspapiere, rechtfertigt sich H. vor Gericht, und er habe sich von der Hausverwaltung bestätigen lassen, dass nicht er es gewesen sei, der als Wohnungsmieter aufgetreten war.

Heute will H. sich nur noch vage an eine Begegnung mit "Herrn Thomas S." erinnern, als er von dem gefragt worden sei, ob er eine "tageweise" Wohnmöglichkeit beschaffen könnte für ein paar Leute. "Thomas S. war schon eine zentrale Figur in Chemnitz. Jeder, der zum rechten Spektrum gehören wollte, versuchte, sich bei ihm einzubringen."

Damit erklärt H. dem Gericht, warum er sich mit S. sogleich getroffen habe, "nachts, das Wetter war schlecht", und zwei ihm unbekannte Personen mit Kapuze dabeigestanden hätten. Er habe nicht den Eindruck gehabt, die beiden seien auf der Flucht. Da er noch bei seinen Eltern wohnte, habe er die Anfrage abschlägig beschieden, ebenso ein halbes Jahr später, als er nochmals von S. nach einer Wohnung gefragt worden sei. Demnach muss H. eine Vertrauensperson in der Neonazi-Szene gewesen sein.

Der Vorsitzende Manfred Götzl zitiert andere Zeugen, die angegeben hatten, H. habe Kontakt zum Trio gehabt und sich bereit erklärt, für die Miete geradezustehen. Heute gibt H. sich ahnungslos. Von Böhnhardt wisse er nur aus dem Fernsehen, zum Angeklagten André E. habe er nie persönlichen Kontakt gehabt. Die Namen der Angeklagten sagten ihm nichts. Auch andere bekannte Namen aus der Szene will er nie gehört haben.

Wer soll dem Zeugen glauben?

H. drückt sich stockend und gewunden aus. Er hat einen Anwalt an der Seite, der mehrfach für seinen Mandanten zu antworten versucht. Als H. vom Vorsitzenden gefragt wird, welche Rolle er damals in der rechten Szene gespielt habe, antwortet er kryptisch: "Ich war bei der Bundeswehr, da wurde das Militärische aufgebaut. Da fühlte man sich mehr zum Elitären hingezogen." Er habe sich besonders für Sonnwendfeiern und "Brauchtumssachen" interessiert. Anfangs sei "man" mitgelaufen; später habe "es" sich entwickelt und gefestigt. "Es"? Gräberpflege, Kinderfeste und Hilfe bei Hochwasser hätten zu seinen Anliegen gezählt. Türken habe er zwar nicht gekannt, aber eben einfach "nicht gemocht".

Dass andere Zeugen ihn für eine Person hielten, die "ganz auf der Linie des Trios schwamm", und dass er Aktionen ausgeführt haben soll, "die das Trio guthieß" - daran will er keine Erinnerung haben. Wer soll das glauben?

Solche Zeugen beleuchten eine Szene, in der heute noch das Schweigen und Verschweigen und auch Lügen vor Gericht als oberste Devise gilt. Den Prozess bringen sie nicht weiter. Heftiger Streit zwischen Nebenklage und Verteidigung mit stundenlangen Beanstandungen, Protokollierungsanträgen und ungeschickten Erklärungen mancher Vertreter der Nebenklage, der am Mittwoch das Prozessgeschehen prägte, aber ebenfalls nicht.

"Das Verfahren gerät völlig aus dem Ruder", mahnte der Vorsitzende verärgert, "wenn wir über jede Frage erst einmal diskutieren müssen." Verteidiger Wolfgang Stahl: "Ich sehe mit einigem Groll, dass es in der Hand der Nebenklage liegt, wie der Prozessstoff ausgeweitet wird." "Es besteht die Möglichkeit", entgegnete Opferanwalt Carsten Ilius, "dass weiteres Wissen vorhanden ist und zurückgehalten wird."

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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