NSU-Prozess Der einzige Zeuge

Günter B. hörte "metallene Schläge", als er am Blumenstand von Enver Simsek vorbeifuhr. Er ist vermutlich der einzige Zeuge, der zum Zeitpunkt des NSU-Mordes am Tatort etwas bemerkte. Doch über die Jahre haben sich seine Erinnerungen gewandelt.

Tatort Nürnberg: Enver Simsek wurde in seinem Blumenwagen erschossen
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Tatort Nürnberg: Enver Simsek wurde in seinem Blumenwagen erschossen


Es war eine Beobachtung von der Dauer eines Lidschlags, und sie liegt fast 13 Jahre zurück. Daher stimmt die Erinnerung von Rentner Günter B., 63, Zeuge im NSU-Prozess, nur noch teilweise mit dem überein, was er seinerzeit bei der Polizei ausgesagt hat. Das gilt für viele Zeugen, die der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München in diesen Tagen zu den ersten tödlichen Anschlägen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) befragt.

Damals - das ist der 9. September 2000, ein heißer Samstag, an dem sich Zeuge B. mit seinem Sohn gegen 13 Uhr auf dem Heimweg von einem Nürnberger Recyclinghof befand. Günter B. fuhr mit einer Geschwindigkeit von 40 bis 50 km/h auf der Liegnitzer Straße, einer vielbefahrenen Verbindungsstraße zwischen den Nürnberger Stadtteilen Altenfurt und Langwasser. Die Fenster seines Autos waren wegen der Hitze geöffnet, das Autoradio lief. Als er den mobilen Blumenverkaufsstand von Enver Simsek am Straßenrand passierte, hörten B. und sein Sohn mehrere "harte metallene Schläge" und schauten unwillkürlich in die Richtung, aus der sie kamen. Dies ist unstrittig.

"Zwei Männer in Radlerkleidung - schwarzen Radlerhosen und dunklen T-Shirts - gingen schnell von dem weißen Lieferwagen des Blumenhändlers weg", weiß B. heute noch. Junge Männer zwischen 20 und 30 seien es gewesen, mit kurzgeschorenen Haaren; einer habe möglicherweise eine Baseballkappe getragen.

Das kann nicht sein, vergleicht man diese Aussage mit seinen Beobachtungen aus dem Jahr 2000. Auf Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl spricht er von drei oder vier "Schlägen", mehr sei in der kurzen Zeit des Vorbeifahrens nicht zu hören gewesen. "Bremsen konnte ich nicht", sagt er, "denn hinter mir fuhr einer, und es gab auch Gegenverkehr."

"Wie haben Sie das Geschehen eingeordnet?" fragt Götzl. "Schwer zu sagen", antwortet der Zeuge. Es sei "keine Aktion zu sehen" gewesen. Die Männer hätten auch nichts in der Hand gehabt. Er habe jedenfalls nichts bemerkt. "Für uns war kein Handlungsbedarf ersichtlich", fügt er hinzu. Nach dem Wochenende habe man dann in der Zeitung gelesen, was passiert sei. Enver Simsek war niedergeschossen worden und lag auf der Ladefläche in seinem Blut.

Er hatte schon in der Zeitung von dem Mord gelesen

Zusammen mit seinem Sohn ist B. der einzige Zeuge, der offenbar unmittelbar zur Tatzeit am Tatort Wahrnehmungen zum Fall Simsek gemacht hat. Damals wurde er erst sechs Tage später, am 15. September 2000, von der Polizei vernommen. Da war seine Erinnerung möglicherweise bereits nicht mehr ganz originär, denn er hatte schon in der Zeitung von dem Mord an dem Blumenhändler gelesen.

Damals beschrieb er ein etwas anderes Bild als heute. 2000 berichtete er auch von zwei Männern. Aber einer davon habe einen Fuß auf die Trittkante der Seitentür des Transporters gesetzt und mit der rechten Hand eine Bewegung in Richtung des Wageninneren gemacht. Im Innern habe er eine "dunkel gekleidete Person" erkennen können.

Sechsmal hatten die Täter auf Simsek gezielt, drei Kugeln drangen in seinen Kopf ein, eine durchschlug das Autodach. Dreimal wurde auf den Schwerverletzten noch mit einer anderen Waffe geschossen, als der schon auf dem Boden lag. Später gingen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, sollten sie die Schützen gewesen sein, gezielter vor. Simsek war ihr erstes Opfer, aber er war nicht gleich tot. Der blutende Mann muss rund zwei Stunden hilflos in dem geschlossenen Auto gelegen haben. Bekam er mit, wie draußen Autos vorbeifuhren? Dass Passanten kamen, die Blumen kaufen wollten? Dass vielleicht gerufen wurde? Dass man nach ihm suchte? Da die Täter die Schiebetür des Transporters geschlossen hatten, half ihm niemand. Zuvor hatten die Täter ihr Opfer noch fotografiert - es ist das einzige Foto des Schwerverletzten.

Gegen 15 Uhr kam die Polizei, nachdem sie von einem Passanten, dem Rettungsassistenten Andreas H., verständigt worden war. Zweimal habe er damals bei der Polizei angerufen, berichtet H. vor Gericht. Das erste Mal sagte man ihm, es sei gerade vor einer halben Stunde ein Streifenwagen vorbeigefahren, und da sei alles in Ordnung gewesen. An dem Lieferwagen habe schon ein Paar gewartet, das wie er habe Blumen kaufen wollen, allerdings weiterfuhr, als Simsek sich nicht blicken ließ. "Ich setzte mich ins Auto und las noch ein wenig, denn ich dachte, der Blumenverkäufer werde schon wiederkommen", erinnert sich H. vor Gericht. Nach einer Weile aber rief er bei der Polizei nochmals an. Die Situation kam ihm doch merkwürdig vor. Wohin hätte Simsek verschwinden sollen?

Die Hinterblieben wurden mit falschen Verdächtigungen belastet

"Die Polizei sah erst in der Fahrerkabine nach und öffnete anschließend die hintere Tür des Lieferwagens. Da sah man nichts, weil ein Zwischenboden die Sicht versperrte. Dann wurde die Seitentür geöffnet", sagt der Zeuge H. aus. Simsek hatte noch immer einen kräftigen Puls. Auf einem Rettungstuch wurde er ins Freie gebracht. H. versuchte, seine Atemwege freizulegen. Doch es war zu spät. Simsek starb zwei Tage später im Krankenhaus.

2007, als der Zeuge Günter B. im Zuge von Ermittlungen gegen Drogenhändler nochmals befragt wurde, sprach er von zwei Männern südländischen Aussehens, die er am Blumenwagen Simsek gesehen haben will. Diese Änderung der Aussage lag vermutlich daran, dass die Polizei auch im Fall Simsek seit Jahren im Milieu der organisierten Kriminalität und der Bandenkriminalität ermittelte. Die Fragen der Ermittler hatten daher eine bestimmte Zielrichtung. Mit diesem Verdacht wurden die Hinterbliebenen von Enver Simsek ein Jahrzehnt lang belastet.

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