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NSU-Zeuge über Uwe Böhnhardt: "Wie eine Bombe"

Von , München

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LKA Thüringen

Fahndungsbild von Uwe Böhnhardt: "Der Uwe macht nichts, was nicht gut durchdacht war"

Thomas B. machte in den Neunzigern mit Uwe Böhnhardt die Straßen von Jena unsicher. Nun beschrieb er den einstigen Kumpanen im NSU-Prozess: Ein "lustiger Typ" sei er gewesen - doch "wenn er sauer war, hat er anderen Angst gemacht".

Der Zeuge, ein guter Freund des Alkohols offenbar, war schon einmal vom Oberlandesgericht München geladen worden, hatte es aber nur bis Nürnberg geschafft, wo er unbedingt hatte einkehren müssen. Von dort fand er dann den Weg in den Gerichtssaal nicht mehr. Beim zweiten Versuch, der Mann wurde aus einer Klinik zum Gericht begleitet, klappte es nun mit seinem Auftritt im NSU-Prozess.

Thomas B., heute 37, gehörte einst zu jenen Jugendlichen, die Anfang der Neunzigerjahre in den Plattenbau-Gegenden von Jena-Winzerla und Lobeda die Straßen unsicher machten. Sie hatten sich zum Teil schon vor der Wende zu Cliquen aus Linken oder Rechten formiert, jagten einander, warfen Scheiben ein, brachen Autos auf und veranstalteten auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz Rennen, bis nur noch Schrott übrig blieb. "Es waren harte Zeiten", sagt B. heute, denn er sei weder rechts noch links gewesen, damals aber von den Linken verfolgt worden, weil er Rechte gekannt habe. "Ich hatte oft Todesangst und musste mich verstecken", berichtet er am Montag.

Uwe Böhnhardt, einen der mutmaßlichen Mörder des NSU, lernte er durch einen gewissen Ingo J. kennen, als der ihn, den damals Zwölfjährigen, fragte, ob er nicht das Autoknacken mal probieren wolle. Thomas B.s Alkoholkonsum betrug zu jener Zeit bereits 20 Bier und eine Flasche Schnaps täglich.

Polizeischutz für den Patienten

Dieser Zeuge ist kein Rechter. Er verletzte sich 1994 bei einem dieser wilden Autorennen schwer: doppelter Schädelbasisbruch, Bruch des Brustbeins, Leberriss. "Meine Erinnerung ist zum Teil weg", entschuldigt er sich vor Gericht. Der Unfall sei auch gefilmt worden, doch das Video sei verschwunden. Seine Angehörigen hätten ihm erzählt, die anderen Jugendlichen seien nach dem Unfall weggerannt; nur einer habe anonym Hilfe gerufen.

Lange lag er damals im Koma, wurde von Jena nach Erlangen verlegt, um operiert zu werden, und kam zur Rehabilitation nach Bayreuth. "Von da an hatte ich mit den Jenaern nichts mehr zu tun", sagt er auf die Frage des Vorsitzenden, wie gut er Böhnhardt und dessen Kumpane kannte. "Als ich im Krankenhaus war, bekam ich Polizeischutz. Die wollten mich umbringen, weil sie fürchteten, ich würde über die Autoklauereien von Böhnhardt auspacken." Denn Tage vor dem Unfall habe er bei der Polizei ausgesagt, die Leute um Enrico T., einer der besten Freunde Uwe Böhnhardts, hätten Waffen.

Die Leute? Gehörte auch Böhnhardt dazu? "Ich habe davon nichts gehört", antwortet Thomas B. Er habe vieles verdrängt, was erst in den Vernehmungen wieder hochgekommen sei. Sein Gedächtnis lässt ihn oft im Stich, wenn es um Jahreszahlen geht. Seither schlafe er keine Nacht mehr ruhig, soll er mal gesagt haben. "Die Angst, die ich mit 13 hatte, kam wieder hoch." Seine Familie habe in Jena seinerzeit das Gerücht verbreitet, der Sohn sei bei dem Unfall ums Leben gekommen. "Meine Familie hatte Angst, dass die nach mir suchen und mir was passiert."

"Sprüche gerissen"

Thomas B. beschrieb am Montag, dem 141. Verhandlungstag, Böhnhardt als einen "lustigen Typen" mit einem Lächeln im Gesicht, der stets "Sprüche gerissen" und sich in den Vordergrund gedrängt habe. Von einem Augenblick auf den anderen jedoch, wenn ihm etwas nicht passte, habe er aggressiv werden können. "Wenn man mit ihm zusammen war, war er oft erst ganz locker. Dann merkte man plötzlich, wie gefährlich er ist. Ich hatte immer das Gefühl, der Uwe macht nichts, was nicht gut durchdacht war." Denn Böhnhardt habe nicht überrascht werden wollen von einer neuen Situation. "Wenn er sauer war, hat er anderen Angst gemacht, auch mir." Böhnhardt sei "wie eine Bombe" gewesen.

An Waffenbesitz einzelner Cliquenmitglieder will sich der Zeuge nicht erinnern. Bei Enrico T. habe er wohl mal drei Pistolen gesehen, sei aber nicht daran interessiert gewesen, sagt er auf Vorhalt. "T. und andere sollen Zugang zu Waffen gehabt haben, die in einem Versteck unter der Lobdeburg gelagert worden seien", zitiert der Vorsitzende aus einer Vernehmung im Jahr 2012 beim Bundeskriminalamt. "Davon weiß ich nichts", antwortet B. Auch dass er selbst mal mit einer scharfen Waffe geschossen habe, sei ihm nicht mehr präsent.

"Wurde damals ein kleines Kind getötet?", fragt der Vorsitzende unvermutet. Der Hintergrund: Im Juli 1993 wurde ein Neunjähriger aus Jena getötet, bis heute ist der Fall nicht geklärt. Enrico T. war schon kurz nach dem Fund der Leiche in Verdacht geraten, man konnte ihm aber nichts nachweisen.

Der Zeuge erinnert sich, auch nach seinem Unfall von der Polizei zu dem Tod des Jungen befragt worden zu sein. "Enrico T. war ein komischer Typ, der oft mit jüngeren Kindern herumzog", antwortet Thomas B. "Ich habe damals gesagt, ich halte es für möglich, dass Enrico T. damit etwas zu tun hat, denn das Kind wurde ja in der Nähe seines Hauses an der Saale gefunden." Mehr aber wisse er nicht. Er habe gedacht, der Fall sei geklärt.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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