NSU-Prozess "'Blut und Ehre' klang halt cool"

Er stellte das Gericht vor eine Geduldsprobe: Ein Zeuge aus dem rechtsextremen Milieu zeigte im NSU-Prozess erhebliche Erinnerungslücken - und trotzdem lieferte sein Auftritt Erkenntnisse über den Mitangeklagten André E.

André E. (Juni 2013): "Ansprechpartner" der "Weißen Bruderschaft"
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André E. (Juni 2013): "Ansprechpartner" der "Weißen Bruderschaft"

Von , München


Es gibt im NSU-Prozess viele Zeugen, die Erinnerungslücken geltend machen und deren Auftritt trotzdem aufschlussreich sein kann - etwa wenn ihnen frühere Aussagen bei der Polizei vorgehalten werden. Ein solcher Fall ist André K. aus dem sächsischen Vogtlandkreis.

Der groß gewachsene 34-Jährige trägt auf dem kahlen Schädel eine martialische Tätowierung, dazu Schlagworte der Nazi-Zeit: "Blut und Ehre". Der gelernte und derzeit arbeitslose Bäcker war einst Mitglied in der "Weißen Bruderschaft Erzgebirge" (WBE) - an der Organisation dieses Zusammenschlusses von Neonazis war maßgeblich der Mitangeklagte André E. beteiligt. André E. und dessen Zwillingsbruder Maik seien die "Ansprechpartner" gewesen, sagt der Zeuge vor Gericht.

Meistens antwortet er nur widerwillig und ausweichend. "Keine Ahnung" lautet eine seiner Standardfloskeln, sein genuscheltes Sächsisch ist oft nicht zu verstehen, sodass der Vorsitzende Richter Manfred Götzl immer wieder nachfragt.

"Nix Weltbewegendes"

Es wird schnell deutlich, dass der Zeuge den früheren Weggefährten André E. offenbar nicht belasten will. Als er von einem Nebenklagevertreter gebeten wird, zum Mitangeklagten herüberzuschauen, sagt der Zeuge, er könne nicht sagen, ob dies André oder Maik E. sei. Früher habe er die Gesichter der beiden dagegen schon unterscheiden können.

Bei der WBE sei es eigentlich nur um "Spaß und Konzerte" gegangen, behauptet André K., "nix Aufregendes". Allerdings hatte sich der Zeuge bei einer Vernehmung durch die Polizei im Sommer 2012 so geäußert: Es sei bei den Treffen auch um die Frage von "Gewalt gegen das gesamte System" gegangen, sagte er laut dem Protokoll, das ihm Götzl vorhält. Mit dem System seien "der Staat und die Ausländer gemeint". Ausländern habe man zeigen wollen, "dass die weiße Rasse stärker ist".

Um welche Art von Gewalt es bei den Gesprächen gegangen sei, will Götzl wissen. Der Zeuge weiß wieder nichts. Er ist sich auch sicher, dass die von der WBE herausgegebenen Zeitschriften harmlose Publikationen gewesen seien. Sie hätten Konzertberichte enthalten, "nix Weltbewegendes".

Dem Zeugen werden Kopien aus den Heften vorgelegt, die die rassistische Ideologie der WBE deutlich machen: "The Aryan Law and Order" ist eine Seite überschrieben. "Die Zuwanderer ruinieren unser Sozialsystem", heißt es an anderer Stelle, von "White Pride" ist die Rede. Bei den Zeitschriften sei einst alles über die Zwillingsbrüder André und Maik E. gelaufen, hatte der Zeuge bei einer Polizeivernehmung gesagt.

"Missachtung des Gerichts"

Auch wenn sich André K. windet und ausweicht, bringt seine Befragung das Gericht ein Stück weiter: Es wird deutlich, dass der Mitangeklagte André E. eine zentrale Rolle bei der WBE hatte, in der offen über Gewalt gegen Ausländer und den Staat diskutiert wurde. André E., dem unter anderem Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird, soll den mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sehr nahegestanden und für sie unter anderem Wohnmobile für Banküberfälle angemietet und BahnCards beschafft haben.

Der arbeitslose Bäcker wird immer wieder zur Geduldsprobe für die Prozessbeteiligten, die offensiv zur Schau getragene angebliche Ahnungslosigkeit nimmt man André K. nicht ab: Seine Tätowierung mit dem Schriftzug "Blut und Ehre" sei nicht politisch zu verstehen, behauptet er etwa. Er trage sie ungefähr seit seinem 15. Lebensjahr, "der Spruch klang halt cool". Als die Bundesanwaltschaft anregt, die Tätowierung als Tragen verfassungswidriger Kennzeichen festzuhalten, sagt der Zeuge, er sei dafür bereits verurteilt worden. Man dürfe vor Gericht keine Mütze tragen, in einer Pause überklebt er sich dann den Schriftzug.

Ein Vertreter der Nebenklage wertet den Auftritt von André K. als "dreist". Dieser weiche aus, lamentiere und habe zudem Wissen verschwiegen. Dies stelle eine "Missachtung des Gerichts" dar.

Auch der zweite Zeuge dieses Verhandlungstages macht es dem Gericht nicht leichter: Stephan Thomas L. Der 44-Jährige war nach eigenen Angaben von 1994 bis März 2000 Deutschland-Chef des inzwischen verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood & Honour".

Stephan Thomas L. zeichnet das Wirken des Netzwerks in rosaroten Farben: Eigentlich sei man nur mit der "Organisation von Konzerten" beschäftigt gewesen, sagt er. Politische Ziele? "Nee, wäre zu vermessen." Waren Debatten über Gewalt ein Thema? "Nee."

Mehrere mutmaßliche Unterstützer des NSU gehörten zu "Blood & Honour". Er selbst befürworte keine Gewalt, sagt Stephan Thomas L. und fügt hinzu - "das ist ultima ratio, das letzte Mittel halt".

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