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Zeuge von NSU-Banküberfall: "Ich wollte noch auf meine EC-Karte warten"

Von , München

Überwachungsbilder aus Arnstadt: Zu sehen sind vermutlich Mundlos und Böhnhardt am 07. September 2011 Zur Großansicht
DPA/ Polizeidirektion Gotha

Überwachungsbilder aus Arnstadt: Zu sehen sind vermutlich Mundlos und Böhnhardt am 07. September 2011

"Hinlegen. Das ist ein Überfall": Als die mutmaßlichen NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos eine Sparkasse in Stralsund ausraubten, ließ sich ein Bankkunde nicht aus der Ruhe bringen. Was er tat, erzählte er nun dem Gericht.

Es gibt im NSU-Prozess normalerweise nichts zum Schmunzeln. Der Zeuge aber, der bei einem Überfall der mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf die Sparkasse in Stralsund anwesend war, ist eine Ausnahme. Denn er ließ sich von dem Gebrüll der maskierten und bewaffneten Täter damals nicht einschüchtern, als sie in aggressivem Ton verlangten: "Hinlegen! Das ist ein Überfall, kein Spaß!"

"Ich gab gerade Überweisungen in den Automaten ein, als es laut wurde. Dann schoss einer der Vermummten in die Luft. Ich war aber auf meine Überweisungen konzentriert und wollte die erst einmal fertigmachen. Dann kam der Ausdruck aus dem Automaten, und ich wollte noch auf meine EC-Karte warten", erklärt der bedächtige Mecklenburger dem Gericht.

Einer der Täter sei auf ihn zugelaufen und habe geschrien, ob er wohl "blöd" sei, sich nicht auf den Boden zu legen. "Ich habe zu ihm gesagt ,gleich' und erst einmal meine Sachen beiseite geschoben." Dann habe auch er sich hingelegt und gewartet, bis die Sache vorbei war.

Erdrückende Beweise

Der Mann, der heute als Wachmann tätig ist - "um Stralsund sicherer zu machen" -, erinnert sich wie viele andere Zeugen auch, dass die Täter "sächsisch" sprachen, für Mecklenburger klingt vermutlich auch das Thüringische wie sächsisch. Sie wissen noch, wie die Bankräuber gekleidet und mit Sturmhauben vermummt waren. Vielen Zeugen fielen die weißen Turnschuhe des einen Täters, mutmaßlich Mundlos, auf. Manche haben noch die Waffen vor Augen, mit denen herumgefuchtelt und in die Decke geschossen wurde. Mehrere Zeugen beschreiben die Plastiktüte, in der die Täter in Stralsund am 7. November 2006 rund 85.000 Euro mitnahmen und, weil das offenbar nicht genug war, am 18. Januar 2007 fast 170.000 Euro.

Die Beweiskette, zusammengesetzt aus einer Fülle von Zeugenbeobachtungen, Aufnahmen von Videokameras und unzähligen Asservaten, ist erdrückend. Die Täter trugen bisweilen dieselbe Kleidung, wie auf Videoaufnahmen zu sehen ist, in den Sturmhauben wurde ihre DNA gefunden. Der mehrfach von Böhnhardt getragene Rucksack fand sich im Schutt der Zwickauer Wohnung, ebenso die Turnschuhe von Mundlos und die Jacken der beiden Bankräuber.

Besonders aufschlussreich ist, dass sich Banderolen der Beute ebenfalls in der Frühlingsstraße und im ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach fanden. Sie waren gestempelt, datiert und unterschrieben - und dadurch der entsprechenden Filiale auf den Tag genau zuzuordnen.

Eine Sparkassenmitarbeiterin auf die Frage des Vorsitzenden, ob es üblich sei, Geld in Banderolen an Kunden herauszugeben: "Nein, wir zählen die Scheine dem Kunden ja vor. Banderolen bekommt er nicht." Diese Asservate stammten also aus Tresorbeständen der überfallenen Geldinstitute. Kaum vorstellbar, dass Beate Zschäpe davon nichts bekommen haben soll.

Fahrzeuganmietungen geben deutliche Hinweise auf Täterschaft

Die Ermittler haben überdies herausgefunden, dass die mutmaßlichen NSU-Terroristen in den Jahren 2000 bis 2011 insgesamt 65 mal Fahrzeuge anmieteten: 17 Wohnmobile und 48 Personenwagen. "Diesen Anmietungen haben wir die Straftaten des NSU gegenübergestellt", sagt ein Mitarbeiter des Bundeskriminalamts, "und 17 Übereinstimmungen festgestellt." Bei neun Straftaten müssen die mutmaßlichen Täter offenbar andere Fahrzeuge benutzt haben.

Von 2004 bis 2008 erfolgten laut Anklage sämtliche Anmietungen unter dem Namen und der Anschrift des Angeklagten Holger G. So hatte Böhnhardt etwa bei einer Chemnitzer Autovermietung vom 4. bis zum 10. November 2006, also für die Tatzeit des ersten Stralsunder Überfalls, als "Holger G." ein Wohnmobil gemietet. Zuvor war die Sparkasse ausgespäht worden. Auf einer Liste mit Namen und Adressen von Banken und Sparkassen war auch die überfallene Filiale notiert, versehen mit einem Sternchen.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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