Zeuge im NSU-Prozess Der undurchsichtige Kollege T.

Andreas T. war am Tatort, als in Kassel Halit Yozgat erschossen wurde - der hessische Verfassungsschützer will aber von der Tat nichts bemerkt haben. Im NSU-Prozess wurde nun sein ehemaliger Vorgesetzter befragt. Auch er offenbarte Erinnerungslücken.

Tatort in Kassel: Rätselhafte Rolle von Verfassungsschützer Andreas T.
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Tatort in Kassel: Rätselhafte Rolle von Verfassungsschützer Andreas T.


Halit Yozgat war 21 Jahre alt, als er am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde. Der Mord an Yozgat beschäftigt das Münchner Oberlandesgericht schon viele Verhandlungstage - so auch nun, am Tag 104 im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und drei weitere Angeklagte. Die verstorbenen Komplizen Zschäpes, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, kommen als Täter in Frage.

Als Zeuge erschien Frank-Ulrich F., ehedem Außendienststellenleiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz. Er fing an, vom Kollegen "T." zu berichten. Oder von "Herrn T.". Oder von "Andreas T.". Denn wieder geht es um den mehr als rätselhaften Aufenthalt T.s zur Tatzeit am Tatort in der Holländischen Straße in Kassel. Denn "Kollege T." will von dem Mordanschlag nichts mitbekommen haben, was nach wie vor kaum vorstellbar erscheint. Doch nicht genug der Rätsel.

Der Senatsvorsitzende Manfred Götzl fragt den Zeugen F. trocken: "Sie sprechen von Herrn ..."? und nennt den Namen jenes Kollegen. "Ach ja", sagt der Zeuge, "T. hieß er ja in den Medien."

Götzl hielt dem Zeugen F. ein Telefonat vor, das dieser offensichtlich am 29. Mai 2006 mit T. geführt hat, also rund zwei Monate nach dem Mord an Halit Yozgat. Das Gespräch ist durch eine Telefonüberwachung belegt. Es ging nicht nur um den neugeborenen Sohn T.s, sondern auch um den Stand der Ermittlungen, um die Reaktion aus der Zentrale in Wiesbaden und so fort. F. sagte zu T.: "Ich hoffe, du hast alles richtig dargestellt!" Und er wünsche ihm, dass es "für dich gut ausgeht".

Zwischenstopp im Internetcafé für Chat mit Flirt-Line

Glaubt man dem Zeugen F., hat dieses Telefonat nicht stattgefunden. "Nein, ich habe mit T. nicht gesprochen!", versichert er hartnäckig. "Nein, ich habe kein Gespräch mit T. geführt! Ich habe jedes Gespräch mit T. abgelehnt! Er war für mich seit den Vorgängen in dem Internetcafé tabu! Ich wollte mit T. nicht telefonieren. Ich habe es abgelehnt."

T. hatte auf dem Heimweg von seiner Dienststelle an jenem 6. April 2006 nachweislich in dem Café kurz haltgemacht, um mit Damen einer Flirt-Line zu chatten. Peinlich genug, denn T. hatte gerade geheiratet, seine Frau war hochschwanger und sollte von den Eskapaden ihres Mannes ebenso wenig erfahren wie die Kollegen auf der Dienststelle. Zeuge F. will, nachdem die Lokalzeitung von dem Mord an Halit Yozgat berichtet hatte, T. auf das Verbrechen dort angesprochen und gefragt haben, ob dieser das Café kenne und schon mal in diesem gewesen sei. T. habe dies verneint; er sei noch nie dort gewesen.

Am Mittwoch sagte F. als Zeuge: "Für mich war die Sache damit erledigt. Denn es war den Mitarbeitern untersagt, in solche Lokale in Ausländervierteln zu gehen." Er habe sich das auch nicht vorstellen können. Schließlich habe T. einen Internetanschluss zu Hause gehabt und sei jung verheiratet gewesen. Mehrfach vom Vorsitzenden auf das Telefonat mit T. angesprochen, sagte F. schließlich: "Dann muss ich das komplett verdrängt haben. Ich habe mich sehr geärgert damals!"

"Ich schätzte ihn als ehrlich ein"

Die Außenstelle Kassel des Landesamtes für Verfassungsschutz hatte laut F. mit der Aufklärung des Mordes nichts zu tun. Die Ermittlungen seien Sache der Polizei gewesen, man habe sich nicht eingemischt. Andererseits war T. Mitarbeiter des Amtes. Wenige Tage nach der Tat sei er, F., vom Kasseler Polizeipräsidenten über die Verhaftung T.s und dessen Suspendierung vom Dienst informiert worden. Es habe eine Durchsuchung von T.s Büro stattgefunden, ohne Ergebnis allerdings.

T. sei sehr ehrgeizig gewesen, habe Karriere machen wollen. Eine Verwicklung in eine Tat wie die Tötung Halit Yozgats hielt F. für ausgeschlossen. "Ich wollte nicht glauben, dass er damit etwas zu tun hatte." Selbst als er bemerkte, von T. angelogen worden zu sein? "Ich stellte mir den langen Schlaks vor, wie er das Geld für das Chatten auf den Tresen legte. Dass er den Toten dabei gesehen hat - und dies nicht meldete: Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen! Ich schätzte ihn als ehrlich ein", sagt F.

Nebenklagevertreter Alexander Kienzle fragte nach weiteren möglichen Telefonaten des Zeugen mit T. nach der Tat. Zum Beispiel, dass F. in einem Gespräch zu T. gesagt habe, es sei ein Fehler gewesen, privat in das Café zu gehen, da er ja V-Mann-Führer in der Szene gewesen sei. Es gab also eine ganze Reihe von Telefonaten, die F. offenbar komplett aus seinem Gedächtnis gestrichen hat. Am Ende der Vernehmung schloss er nicht mehr aus, sich doch zu erinnern.

"Es ist ein bisschen schwierig mit Ihrem Aussageverhalten", resümierte Thomas Bliwier, einer der Nebenklagevertreter der Familie Yozgat. Er widersprach der Entlassung des Zeugen F., weil erst noch die Originaltonbänder der Telefonate angehört werden sollten.

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