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NSU-Prozess: Auf den Spuren der Ceska 83

Von , München

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Ceska des NSU: "Wer als Privater weiterverkaufte - kein Problem"

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben neun ihrer zehn Morde mit einer Ceska 83 begangen. Im NSU-Prozess ging es heute um die Frage, wie die Waffe in die Hände der Rechtsterroristen gelangte. Ein ehemaliger Waffenhändler aus Bern erzählte, wie leicht der Erwerb war.

In der Schweiz der neunziger Jahre war es offenkundig nicht schwer, an Faustfeuerwaffen wie jene Ceska 83 plus Schalldämpfer zu gelangen. Jene Ceska, mit der der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) in den Jahren von 2000 bis 2007 neun von zehn Morden begehen konnte. Am Mittwoch sagte ein ehemaliger Waffenhändler aus Bern im NSU-Prozess aus. Franz S. hatte bis 2005 ein Waffengeschäft in der Schweizer Bundeshauptstadt betrieben. Nach einer Verschärfung der Waffengesetze habe er dieses aufgegeben und betätige sich heute im Transport- und Entsorgungswesen.

Damals reichte es im Kanton Bern, wenn ein potentieller Käufer bei der zuständigen Behörde einen Waffenerwerbsschein beantragte. Mit diesem und "einem amtlichen Dokument", aus dem die Adresse hervorgehen musste (etwa auch dem Führerschein), konnte der Käufer die gewünschte Waffe erwerben. Was er anschließend damit tat, kümmerte niemanden mehr. Und ob zusammen mit der Waffe auch ein Schalldämpfer verkauft wurde, auch nicht.

Franz S., so seine Aussage am Dienstag, habe damals einen ganzen Posten solcher Ceskas beim Lieferanten gekauft, die "im Set" mit Schalldämpfer geliefert worden seien - eine vergleichsweise seltene Waffe, für die es aber viele Interessenten gegeben habe. "Niemand hätte diese Pakete auseinandergerissen", sagte er. Auf die Frage, ob er seine Kunden gefragt habe, warum sie einen Schalldämpfer brauchten, erwiderte der Schweizer Zeuge unter dem Gelächter des Publikums trocken: "Wenn jemand etwas Illegales damit vorhatte, dann hätte er uns dies ganz bestimmt nicht auf die Nase gebunden. Warum also fragen?"

Problemloser Weiterverkauf

Besaß ein Kunde einmal eine Waffe, habe er sich damals in der Schweiz nicht mehr für ihren Besitz legitimieren müssen, fuhr der Zeuge fort. Die Quittung, dass der Käufer sie erworben hatte, genügte. Der Waffenerwerbsschein verblieb bei der Behörde - das war alles.

Ein Privatmann hätte eine Waffe durchaus weiterverkaufen können. Man sei damals davon ausgegangen, sagte der Zeuge, dass Waffenhandel nur von Berechtigten mit Waffenhandelspatent betrieben würde. "Aber wer als Privater weiterverkaufte - kein Problem."

Langwaffen wie Sport- und Jagdwaffen seien überhaupt nicht waffenerwerbspflichtig gewesen. Es sei nur darauf geachtet worden, ob sie als "Kriegsmaterial" getaugt hätten, sagte der Zeuge, der akribisch Auskunft gab, wie Lieferungen an sein Geschäft registriert und Verkäufe festgehalten wurden, so dass sie sich heute noch nachvollziehen lassen. Doch was half diese Sorgfalt beim Händler, wenn sich die Spur der Waffen nach dem Verkauf verlor?

Die Ceska 83 plus Schalldämpfer, mit der der NSU mordete, soll ein gewisser Anton G. aus Steffisburg bei Thun 1996 zusammen mit einer zweiten Waffe bei Franz S. erworben haben. Der Angeklagte Carsten S. wiederum kaufte sie, nachdem sie über mehrere Stationen erst in der Schweiz, dann in Deutschland weitergegeben worden war, mutmaßlich auf Wunsch des Mitangeklagten Ralf Wohlleben in einem einschlägig bekannten Szene-Geschäft in Jena, um sie den in der Illegalität lebenden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zukommen zu lassen. Hatte Wohlleben eine Waffe mit Schalldämpfer bestellt? Carsten S. druckste zu Prozessbeginn bei dieser Frage. Er habe die Waffe nur mit Schalldämpfer bekommen, sagte er vor Gericht, nicht ohne.

Weitere Zeugen zum Weg, den die Ceska nahm, ehe sie bei den Mitgliedern des NSU landete, wie etwa der Zeuge G., der sie an einen Hans-Ulrich M. weitergegeben haben soll, erschienen bisher nicht vor Gericht. Der Senatsvorsitzende Manfred Götzl kündigte ein diesbezügliches Rechtshilfeersuchen an die Schweiz an.

Weitere Erkenntnis-Splitter, die der 47. Verhandlungstag brachte:

  • Dass auf neu hinzugezogenen Videoaufnahmen von der Kölner Keupstraße Zschäpe zu sehen sein sollte, war wohl ein frommer Wunsch mancher Prozessbeteiligter. Vergrößerungen von Bildern einer Frau, die Zschäpe auf den ersten Blick tatsächlich in Statur und Frisur ähnelte, zeigten dann doch eher eine ganz andere Person. Kein Beweis also, der die Anwesenheit der Hauptangeklagten in unmittelbarer Nähe des Orts hätte belegen können, an dem der NSU 2004 eine Nagelbombe hochgehen ließ. Zschäpe selbst, sie hatte extra die Brille aufgesetzt, um die Aufnahmen an der Wand betrachten zu können, lächelte die ganze Zeit über maliziös, als amüsiere sie sich über die Bemühungen des Gerichts, ihre Rolle innerhalb des NSU aufzuklären.

  • Funde im Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos am 4. November 2012 starben: Mehr als 112.000 Euro aus Raubüberfällen von 2004 hatten die Männer bei sich, zum Teil in einem Rucksack, zum Teil noch eingeschweißt und versehen mit den Banderolen der entsprechenden Geldinstitute. Im Schutt der vermutlich von Zschäpe in Brand gesetzten letzten Wohnung des Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße fanden die Ermittler nur 390 Euro. Heißt das, dass die beiden Uwes den Hauptteil ihrer Beute bei sich hatten, ihre Gefährtin aber nur mit einem Handgeld zurückblieb? Oder verbrannte Geld in der Frühlingsstraße, weil Zschäpe es unbeachtet zurückließ?

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