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Zeugin bei NSU-Prozess: "Ich wollte garantiert nie hier sitzen"

Von , München

Eine gesellige, hilfsbereite Frau, die sich für die Probleme anderer interessiert: So beschreiben ehemalige Nachbarinnen vor Gericht die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Bei den Befragungen prallen Welten aufeinander.

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Mutmaßliche NSU-Terroristin Zschäpe: "Damals die Hauptperson in meinem Leben"

Wie verhielt sich Beate Zschäpe, als sie mit ihren mutmaßlichen NSU-Gefährten im Untergrund lebte? Vornehmlich mit Zeugen, die etwas zur Klärung dieser Frage beitragen könnten, beschäftigt sich in dieser Woche der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München.

Doch was heißt Untergrund: Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos lebten wie ganz normale Mieter; Wohnungen in Chemnitz und vor allem in Zwickau waren ihr Unterschlupf. Unter den Nachbarn erregte Zschäpe durch ihr oft betont geselliges, freundliches Auftreten keinerlei Misstrauen.

Die beiden Uwes hingegen spielten in den Hausgemeinschaften kaum eine Rolle. Anders als die 38-Jährige nahmen sie nicht an geselligen Zusammenkünften teil, unterhielten sich mit niemandem und waren ohnehin oft außer Haus - wohl wegen ihrer zahlreichen Fahrten durch die Bundesrepublik.

Sonderrolle in der Polenzstraße

Sieben Jahre wohnte das Trio etwa in der Polenzstraße 2 in Zwickau. Unter den meist arbeitslosen, alleinerziehenden und vom Schicksal auch sonst nicht gerade verwöhnten Frauen im Haus nahm Zschäpe eine Sonderrolle ein. Das machen die Aussagen mancher Zeuginnen deutlich: Sie musste nicht arbeiten. Sie lebte mit einem Mann zusammen, den die Hausgemeinschaft für ihren Partner, ihren Mann hielt, und der offensichtlich genug verdiente, um ihr ein auskömmliches Leben zu ermöglichen.

Zeugin Heike K. berichtet, wie Zschäpe oft den Einkauf für die finanziell klamme Mutter erledigte und sich ihrer Sorgen annahm. Einmal habe die Angeklagte gesagt, ein Leben von Hartz IV, bei dem man jeden Pfennig umdrehen müsse, das könne sie sich nicht vorstellen für sich.

Frauen wie diese Heike waren für Zschäpe offenbar die idealen Freundinnen. Sie musste von sich selbst nichts preisgeben, wurde auch nicht gefragt über Details ihrer Lebensverhältnisse oder gar über die Männer, die bei ihr wohnten oder wenigstens ein- und ausgingen. Die anderen Frauen wollten gar nichts davon wissen - sie waren mit eigenen Problemen ausgelastet. Zschäpe konnte sich also ausschließlich den Nöten anderer widmen; dafür erntete sie Anerkennung und Dankbarkeit. Sie gehörte dazu und blieb gleichzeitig die große Unbekannte. Dass Heike K. von einer "wunderbaren Atmosphäre" in der Hausgemeinschaft sprach, lag vermutlich auch an ihr. "Sie war damals die Hauptperson in meinem Leben", sagt die Zeugin. Zschäpe sei ihre "beste Freundin" gewesen.

"Ich habe andere Sorgen!"

Vor Gericht macht Heike K. keinen Hehl daraus, dass sie bisweilen nicht versteht, warum ihr bestimmte Fragen gestellt werden. Sie versteht das Insistieren des Vorsitzenden Manfred Götzl oft nicht, Nachfragen einzelner Nebenklage-Anwälte noch weniger. Sie spricht eine andere Sprache, lebt in einer Welt, die der des Gerichts und gut verdienender Rechtsanwälte fremd ist. Wenn Götzl darauf besteht, dass sie sich erinnern soll, sagt sie: "Wissen Sie, was in meinem Leben seither so alles passiert ist? Ich habe andere Sorgen! Ich wollte garantiert nie hier sitzen!" Details könne sie sich nicht entsinnen.

Und dann fällt ihr doch noch ein, dass "der kleinere" der beiden Männer, die bei Zschäpe verkehrten, wohl mit ihr zusammengelebt habe. Der andere sei nur hin und wieder zu Besuch gekommen.

Zschäpe will K. lange nur als "Liese" gekannt haben. Einmal, da habe sie erzählt, ihr Partner arbeite in der Firma seines Vaters. "Aber ich hab nicht nachgefragt." Und einmal sei auch die Sprache auf Sex gekommen. Da habe "Liese" gesagt, sie habe auch nach 19 Jahren Beziehung noch Sex mit ihrem Partner.

In Erinnerung sei ihr das letzte Zusammentreffen geblieben, wenige Tage vor Böhnhardts und Mundlos' Suizid in Eisenach. An dem Tag sei "Liese" beim Abschied anders gewesen als sonst, "unruhiger, angespannter". Sie habe ihrem Eindruck nach Tränen in den Augen gehabt.

Der Sohn von Heike K., 22 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, zur Zeit ohne Beschäftigung, jedoch "geprüfte Fachkraft für Schutz und Sicherheit", erinnert sich zwar auch nicht viel besser als seine Mutter. Aber er spricht über ein paar Dinge etwas anders als sie. So bestreitet Heike K., je mit "Liese" über Ausländer gesprochen zu haben. Der Sohn: "Die Frau Zschäpe sagte, sie ärgere sich darüber, wenn den Ausländern die Kohle in den Arsch geschoben werde und die nichts dafür täten."

"Umschießen oder aufs Maul hauen - oder umgekehrt"

Er berichtet auf Nachfrage des Vorsitzenden, dass er auch mal "Stress" mit einem "Typen" aus Zwickau gehabt habe, "der mich umschießen wollte oder mir eine aufs Maul hauen - oder umgekehrt". Bei einer früheren Vernehmung hatte der 22-Jährige ausgesagt, Zschäpe habe ihm geraten, sich nichts gefallen zu lassen; sie selbst würde auch zulangen - was ihn überrascht habe. Jetzt, im Prozess, klingt die Geschichte etwas anders: "Frau Zschäpe sagte, ich solle mich zurückhalten und nicht gleich zulangen."

Also nimmt sich Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten den jungen Mann vor und erinnert ihn nachdrücklich an seine Wahrheitspflicht. Viel Erfolg hat er dabei nicht. "Sie sagen, Sie sind heute kein Rechter mehr?" "Nein", antwortet der Zeuge, er habe sogar einen Linksextremen zum Freund, mit dem er auf die Zwickauer "Russenwiese" gehe und dort mit Türken und anderen Ausländern trinke und so fort. Im Übrigen finde er, der Zeuge, Deutsche ebenso "asozial", die von staatlichem Geld leben.

Als 12- oder 14-Jähriger, da sei er interessiert gewesen an rechter Musik und Kleidung, "wie so ein Möchtegern-Nazi", aber das sei "Kindergarten" gewesen. Frau Zschäpe habe zu ihm gesagt, er solle "mal langsam machen" und sich von der rechten Szene fernhalten. Sie wisse aus eigener Erfahrung, dass man da schnell "mit einem Bein im Knast" sei.

Ein Nebenklageanwalt hält ihm einen Fernsehfilm vor, in dem er sagt, er "kenne die Frau jahrelang", und es tue ihm weh, dass sie für all die Taten des NSU verantwortlich gemacht werde. Versucht er, Zschäpe zu schützen? Er traue es ihr einfach nicht zu, zehn Menschen erschossen zu haben, sagt er. Im Film hat er es so ausgedrückt: "Vielleicht stand sie nur daneben."

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