Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

NSU-Prozess: Die letzte Straftat, dann der Tod

Von , München

Böhnhardt und Mundlos: "Ich wollte denen das Geld nicht geben" Zur Großansicht
DPA/ Ostthüringer Zeitung

Böhnhardt und Mundlos: "Ich wollte denen das Geld nicht geben"

Am Morgen des 4. November 2011 überfielen zwei Männer eine Sparkasse in Eisenach, wenig später lagen sie tot in einem Wohnmobil: die letzten Stunden von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Nun sagten im NSU-Prozess Zeugen des Bankraubs aus.

Gedauert hatte der Überfall von 9.12 Uhr bis 9.18 Uhr. Den Personen aber, die von den Tätern bedroht wurden, kamen diese sechs Minuten wie eine Stunde oder noch länger vor. Was auch daran gelegen haben mag, dass die Polizei erst 20 Minuten später anrückte, nachdem der Filialleiter der Wartburgsparkasse Am Nordplatz 13 in Eisenach den Alarmknopf gedrückt hatte.

Es war der 4. November 2011, und Uwe Böhnhardt sowie Uwe Mundlos, die mutmaßlichen Mörder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), begingen an jenem Vormittag ihre letzte Straftat. Zum letzten Mal hatten sie sich mit ihren Rädern aufgemacht, zum letzten Mal Masken übers Gesicht gezogen. 71.915 Euro betrug ihre letzte Beute.

Eine junge Frau wurde damals zusammen mit einer Kollegin wohl von Böhnhardt in den Tresorraum getrieben, er hielt ihr eine Waffe an den Hals. Am Dienstag fängt sie an zu weinen, als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sie im NSU-Prozess nach den Folgen fragt, die dieser Überfall für ihr Leben gehabt habe. "Am 1. Juli 2012 habe ich meinen Beruf aufgegeben", sagt sie unter Tränen. Ein halbes Jahr noch hatte sie damals durchgehalten, dann verließ sie Eisenach. Heute ist sie nicht mehr Sparkassenangestellte, sondern Sachbearbeiterin in einer Elektro-Firma.

"Ich hätte ihm am liebsten gesagt, wie unmöglich das aussah"

Zu Beginn ihrer Zeugenaussage schildert sie ihre erste Reaktion, die zunächst so klang, als hätte sie den Überfall doch gut weggesteckt. "Der eine hatte seine Hose in die Strümpfe gestopft, so hochgezogene Wollstrümpfe. Ich hätte ihm am liebsten gesagt, wie unmöglich das aussah." Sie war auch noch so geistesgegenwärtig, erst einmal das registrierte Geld - 1000 Euro - herauszugeben und nicht gleich die 500-Euro-Scheine. "Ich wollte denen das Geld nicht geben", sagt sie vor Gericht in einem Ton, in dem noch immer ihre Entrüstung und Entschlossenheit mitschwingt.

Wie mag sie sich gefühlt haben, als sie wenige Tage nach dem Überfall erfuhr, wer da in die Sparkassenfiliale eingedrungen war? Der Vorsitzende stellt diese Frage nicht. Doch ohne Auswirkung wird die Erkenntnis nicht geblieben sein, dass die zwei Bankräuber schon mutmaßlich zehn Menschen getötet hatten. Die auch keineswegs mit Spielzeugwaffen hantierten, wie der Filialleiter zunächst mutmaßte, sondern mit einer Pistole und einem Revolver.

Die Sparkassenangestellten waren gerade noch davongekommen - dank ihres besonnenen Verhaltens und weil sie bis auf einen Fünf-Euro-Schein, der auf dem Boden liegengeblieben war, den gesamten Geldvorrat der Sparkasse in die "Penny"-Tüte der Täter gestopft hatten.

Auch der Filialleiter, ein junger Mann von 32 Jahren, sagt als Zeuge vor Gericht aus. Böhnhardt hatte ihn offenbar mit dem Griff seiner Waffe niedergeschlagen, als der mit einem Zeitschloss gesicherte Tresor nicht sofort geöffnet wurde. "Ich habe 15 Jahre Kampfsport gemacht. Ich hätte mich so gerne gewehrt", sagt der Zeuge nun. Aber gegen zwei bewaffnete Räuber, die "relativ ruhig und bestimmt" vorgingen, hatte er keine Chance.

"Dann war'n se schon wieder fort"

Zwei Wochen vor dem Überfall, fährt der Filialleiter fort, habe es einen "komischen" Vorfall gegeben: Eine deutsch sprechende Frau sei mit zwei Männern in der Sparkasse erschienen, weil einer ihrer Begleiter Probleme mit seiner Bankkarte gehabt habe. Das sei ihm im Nachgang zu dem Bankraub wieder eingefallen. Man habe überlegt, ob Beate Zschäpe, die Gefährtin von Böhnhardt und Mundlos, die Örtlichkeit vielleicht ausgespäht habe. Doch die Frau habe weder so ausgesehen wie Zschäpe noch die Männer wie Böhnhardt und Mundlos. Es habe sich vermutlich um zwei Tschechen gehandelt, die nicht deutsch sprachen. Die Frau habe für sie ins Englische übersetzt.

Ein 72 Jahre alter Rentner, der damals gerade dabei war, Geld am Automaten zu ziehen, schildert als Zeuge vor Gericht eine kleine Begebenheit, die zum sonstigen Verhalten der mutmaßlichen NSU-Täter eine kaum glaubliche Facette beisteuert. Der eine habe ihn in den Schalterraum gezerrt, sagt der Rentner, wo er sich auf den Boden hätte legen sollen. Da er dies nicht konnte, habe er sich in eine Ecke kauern dürfen. Die Aktion sei blitzschnell abgelaufen, "dann war'n se schon wieder fort". Aber zuvor habe der Bankräuber noch die Scheine aus dem Schlitz des Automaten genommen und ihm, dem Rentner, ausgehändigt.

Der letzte Zeuge an diesem 113. Verhandlungstag ist ein 79 Jahre alter Schuhmacher, der präzise schildern kann, wie er morgens auf dem Weg zu einem Supermarkt auf einem Parkplatz ein weißes Wohnmobil bewundert habe, als "zwei Radfahrer förmlich angeflogen" gekommen seien. Einer davon habe sich sofort auf den Fahrersitz gesetzt, der andere rasch die Räder verstaut. Dann seien sie so schnell weggefahren, dass die Vorderräder durchdrehten. Er habe auf dem Nummernschild gerade noch den Buchstaben "V" für Vogtland erkennen können. Auf dem Rückweg sei ein Polizeiauto vorbeigekommen. Ein Polizist habe eine Frau gefragt, ob sie zwei Radfahrer gesehen habe, was diese verneinte. "Ich rief: Aber ich!"

Die beiden hätten sich in Richtung Eisenach-Nord davongemacht. Sie fuhren in das Wohngebiet Eisenach-Stregda, um dort laut Anklage die Ringfahndung der Polizei abzuwarten. Dort endete ihre Flucht. Und dort beendeten Mundlos und Böhnhardt ihr Leben.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: