NSU-Prozess "Ich dachte nur noch an meine Kinder"

Erneut ging es im NSU-Prozess um Banküberfälle, die Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos verübten. Zeugen erzählten von ihren Erlebnissen, viele lassen die Erinnerungen bis heute nicht los.

Von , München

  Saal 101 im Oberlandesgericht München (Archiv)
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Saal 101 im Oberlandesgericht München (Archiv)


Das Jahr 2004 begannen die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe laut Anklage im Februar mit dem Mord an Mehmet Turgut, einem 25 Jahre alten Türken, der in Rostock in einem Döner-Imbiss arbeitete. Sie durchschossen seinen Nacken, seinen Hals und zielten noch einmal auf seinen Kopf, in dem die Kugel steckenblieb.

Im Mai machten sie laut Anklage bei zwei Überfällen auf Chemnitzer Sparkassenfilialen Beute in Höhe von über 100.000 Euro. Füllten sie die Reisekasse auf? Denn im Juni 2004 ging es nach Köln, wo sie am 9. jenes Monats den folgenschweren Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße verübten.

Eine Auflistung der dem NSU zugeschriebenen Überfälle auf Geldinstitute zeigt, dass die mutmaßlichen Täter seit ihrem Verschwinden im Untergrund regelmäßig zur Finanzierung des Lebensunterhalts mindestens einmal pro Jahr einen solchen Raubzug unternahmen: Dezember 1998, zweimal im Oktober 1999 - der erste Überfall im Oktober hatte nur 5700 Mark gebracht -, November 2000, Juli 2001, September 2002, September 2003, zweimal im Mai 2004 und so fort.

"Sie schlugen alles kurz und klein"

Den letzten Überfall verübten sie offenbar am 4. November 2011 in Eisenach. Da sie dort der Polizei nicht mehr entkommen konnten, setzten Mundlos und Böhnhardt ihrem Leben damals ein Ende.

Am Donnerstag, dem 267. Verhandlungstag im NSU-Prozess, kamen Zeugen aus Überfällen auf Sparkassenfilialen 2004 und 2005 in Chemnitz zu Wort, die zum Teil bis heute, zwölf Jahre nach dem Schockerlebnis, noch darunter leiden. Die Angestellten berichteten übereinstimmend vom brutalen Auftreten der beiden um die Mittagszeit hereinstürmenden, maskierten jungen Männer. Auch von der Angst um das eigene Leben, da ihnen eine Waffe an die Schläfe oder direkt vor das Gesicht gehalten wurde, damit sie den Tresor öffneten.

Die Wut der Täter blieb den Angestellten in Erinnerung, als sich mit Zeitschlössern versehene Kassen nicht sofort öffnen ließen. "Sie schlugen daraufhin alles kurz und klein, die Rechner, die Tastaturen, rissen die Schränke auf und schrien nach Geld."

Filialchef traf zweimal auf die Täter

"Ich dachte nur noch an meine Kinder", erinnert sich eine Angestellte von damals, "und dass ich sie wiedersehen wollte." Eine Kollegin, seinerzeit im dritten Monat schwanger, fürchtete um das Leben des Ungeborenen. Eine Krankenschwester schildert, wie sie anschließend nicht einmal mehr an der Filiale vorbeigehen konnte, sondern lieber einen Umweg in Kauf nahm, um der Erinnerung an den Überfall zu entgehen. "Seitdem überweise ich nur noch online", sagt sie vor Gericht. "In diese Sparkasse ging ich nie wieder, obwohl ich gegenüber wohne."

Die dem NSU zugeschriebenen Überfälle verliefen in der Mehrzahl unblutig. Einmal schossen die Täter auf einen Zeugen, ohne ihn zu treffen; ein anderes Mal allerdings verletzte Böhnhardt bei einem Überfall, den er allein verübte, einen Zeugen lebensgefährlich durch einen Bauchschuss. In Chemnitz nutzten die Täter offenbar ihre Kenntnis der Gegebenheiten vor Ort.

Der Chef der Filiale in der Chemnitzer Sandstraße begegnete den Tätern gleich zweimal: am 18. Mai 2004 und im folgenden Jahr am Nachmittag des 22. November noch einmal. "Leider stand ich wieder am Schalter", bekundet der Mann und versichert, dass er anschließend sofort wieder seiner Arbeit nachging. Mittlerweile seien die Erinnerungen zum Glück etwas verblasst.

"Eine Frage beschäftigt mich noch heute", sagt der Zeuge: ob es wirklich dieselben Täter waren? Der erste Überfall sei relativ professionell verübt worden, der zweite nach seinem Eindruck eher nicht. Die Polizei jedoch habe ihm versichert, es seien dieselben Täter gewesen. Beim Überfall 2005 habe einer von ihnen zusätzlich eine Handgranate dabei gehabt. Eine Angestellte: "Ich habe seit 1991 sechs Überfälle erlebt, da bekommt man schon etwas Übung im Verhalten."

Dann kommen ihr doch die Tränen. 1991, 1997, Täter mit Maschinenpistolen. Einer habe nur geflüstert: Geld her! 1998 die einzigen Täter, die gefasst wurden. "Ich hatte immer die Verantwortung für alle", schluchzt sie. Der Überfall der mutmaßlichen NSU-Terroristen 2004 sei der fünfte in ihrem Berufsleben gewesen. Und dann noch einmal 2005.

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