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Bankraub-Zeugin im NSU-Prozess: Mit aller Brutalität

Von , München

Beate Zschäpe: "Er berichtete davon, dass er auf einen Mann geschossen habe" Zur Großansicht
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Beate Zschäpe: "Er berichtete davon, dass er auf einen Mann geschossen habe"

Uwe Böhnhardt schoss bei einem Bankraub in Zwickau einen jungen Mann nieder. Im NSU-Prozess erzählten der Mann und eine weitere Zeugin, wie sie die Tat erlebten. Und überlebten.

Es ist inzwischen mehr als neun Jahre her, dass auf eine Sparkassenfiliale in der Zwickauer Kosmonautenstraße 2 ein Überfall verübt wurde. Trotz der langen Zeit sitzen den Mitarbeitern noch immer die Angst und der Schrecken in den Gliedern. Die Erinnerungen an die Mittagsstunden jenes 5. Oktober 2006, als ein maskierter und bewaffneter Mann brüllend in den Schalterraum eindrang und hektisch herumsprang, als Schüsse fielen und ein 20 Jahre alter Auszubildender durch einen Bauchschuss beinahe ums Leben kam, sind noch längst nicht verblasst.

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hatte in ihrer schriftlichen Stellungnahme zur Anklage zugegeben, dass ihr Geliebter Uwe Böhnhardt diesen Überfall allein verübt habe. "Wir hatten kein Geld mehr", ließ sie ihre Verteidiger vortragen, "das Geld aus den Überfällen im Mai 2004 war verbraucht."

Noch immer Angstzustände

Dass bei den Überfällen scharfe Waffen verwendet wurden, wusste Zschäpe laut ihren eigenen Angaben seit Dezember 1998, als Böhnhardt und Uwe Mundlos einen Edeka-Markt in Chemnitz überfallen hatten. Sie hätten ihr danach berichtet, einen Warnschuss in die Luft abgegeben zu haben, weil ein Kunde sie verfolgte. "Ich war entsetzt darüber, dass sie eine scharfe Waffe dabei und auch benutzt hatten, von der ich nichts gewusst hatte", schrieb sie in ihrer Stellungnahme.

"Meine Vorwürfe, dass nur eine Schreckschusspistole besprochen worden sei, wurden lapidar abgetan." Damit gab Zschäpe zu, in Absprachen über das Vorgehen bei Straftaten eingebunden gewesen zu sein.

Am Mittwoch, dem 261. Verhandlungstag, hörte der Münchner Senat, der über die Verbrechen des NSU zu urteilen hat, Zeugen aus jener Zwickauer Sparkassenfiliale an. Am Schlimmsten erging es damals dem jungen Nico R., dem Böhnhardt "bewusst" - so will es eine Mitarbeiterin beobachtet haben - in den Bauch schoss. Es ist ein Wunder, dass er überlebte.

Ein Arzt war zufällig im Schalterraum anwesend und konnte aus seinem vor der Sparkasse geparkten Auto den Notfallkoffer holen. Der junge Mann verlor durch den Bauchdurchschuss seine Milz und erlitt weitere innere Verletzungen. Doch am meisten, berichtete er vor Gericht, habe er mit psychischen Problemen wie Angstzuständen und Schlafstörungen gekämpft.

"Er wirkte sehr aufgeregt"

Nico R. meint, der Schuss sei gefallen, als er dem Täter, der zuvor mit einem Tischventilator auf eine Mitarbeiterin eingeschlagen hatte, in den Rücken gesprungen sei, um ihn an den Armen zu packen und ihn am Schießen zu hindern. Die Angestellte Danielle G. hingegen hat ein anderes Bild im Kopf.

"Der Täter stürmte herein", berichtet sie, "er wirkte sehr aufgeregt. Er trug eine Maske und hatte eine Waffe in der Hand. Ich bin in dem Moment erstarrt. Er rannte zum Tresorraum, es fiel ein Schuss. Und als er wiederkam, hielt er den Revolver an meine Stirn. Ich sagte zu ihm: Is' ja gut!"

Dem Auszubildenden Nico R. habe er sodann die Waffe vor den Bauch gehalten. "Es ist schwer zu verkraften", erinnert sich die Frau mit tränenerstickter, zittriger Stimme, "wenn einem eine Waffe an den Kopf gehalten wird und wenn man sieht, wie der Täter sie auf einen anderen richtet. Und abdrückt. Es schien, als habe er zuvor einen Moment lang überlegt, ob er schießen solle. Dann schoss er. Meiner Meinung nach hat er das ganz bewusst gemacht."

Zschäpe will an Vorbereitung nicht beteiligt gewesen sein

"Ich hatte einen regelrechten Blackout damals", fährt die Zeugin fort. "Ich hatte eine solche Angst, dass er mich nach den Ziffern des Tresors fragt. Denn ich wusste, dass sie mir in dem Moment nicht einfallen würden." Im Gedächtnis seien ihr vor allem das laute Schreien des Täters und seine "irren" Sprünge geblieben. Es habe ihr geholfen, berichtet sie weiter, dass sich die Belegschaft damals an jedem Arbeitstag zusammengesetzt habe, um gemeinsam über das Erlebte zu sprechen.

In der Anklage wird der Fahndungsdruck erwähnt, der sich damals in Sachsen gegen zwei Täter richtete. Denn nur wenige Straßenzüge entfernt war 2002 eine Sparkassenfiliale in der Karl-Marx-Straße von zwei Männern - Mundlos und Böhnhardt - überfallen worden. Die Beute betrug damals 50.000 Euro. Dies sei vermutlich der Grund dafür gewesen, dass Böhnhardt erstmals einen Überfall allein verübt habe. Außerhalb Sachsens traten Mundlos und Böhnhardt dann wieder zusammen auf.

Zschäpe hörte sich die Zeugenaussagen ungerührt an. "Ich war an den Vorbereitungshandlungen und an der Tatausführung nicht beteiligt", hatte sie in ihrer Stellungnahme dazu vermerkt. "Uwe Böhnhardt kehrte zurück und berichtete in Anwesenheit des Uwe Mundlos, von dem 'schief gegangenen' Überfall, wie er es nannte. Er berichtete davon, dass er auf einen Mann geschossen habe, um zu entkommen. Die Mitteilung, dass er nichts erbeutet habe, erfolgte eher nebensächlich."

In den kommenden Wochen werden im NSU-Prozess noch weitere Raubüberfälle, die im Schatten der Mordtaten des NSU stehen, zur Sprache kommen. Dann wird noch so mancher Zeuge von der Brutalität der Täter berichten und davon, wie viel Angst und Schrecken sie verbreiteten.

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