NSU-Prozess Die "Liese" von Fehmarn

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lebten jahrelang im Untergrund - doch das schloss Urlaub an der Ostsee nicht aus. Mehrmals waren sie auf Fehmarn und trafen sich mit Familien. Die ahnten nicht, wen sie da vor sich hatten. Nun sagten sie als Zeugen im NSU-Prozess aus.

Angeklagte Beate Zschäpe: Fabulieren im Urlaub
AP/dpa

Angeklagte Beate Zschäpe: Fabulieren im Urlaub


Wer waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Wer ist Beate Zschäpe? Zeugenvernehmungen am 60. Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess dienten dem Versuch einer Annäherung an die drei Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds".

Der Hausmeister aus der Zwickauer Frühlingsstraße, ein einfacher, schwer zu verstehender Mann mit Erzgebirge-Dialekt, beschreibt als Zeuge vor dem Münchner Oberlandesgericht unbeholfen, wie sich "Liese", genannt "Diddl-Maus", also Zschäpe, damals als Mitbewohnerin verhielt. Nett, freundlich, normal, was sonst. Im Kreis der älteren Herren, die sich regelmäßig in einem Kellerraum zum Bier trafen, war sie, wenn sie dazukam, natürlich der Star. Die einzige Frau in der Männerrunde. Sie trank auch gern ein wenig Sekt.

Ganz anders die beiden Männer, die mit ihr in einer Wohnung lebten. Wortkarg, abweisend, nur "Guten Tag und guten Weg", wenn sie ihre Fahrräder aus dem Keller holten oder zurückbrachten. Der eine sei ihr Freund, der andere dessen Bruder, habe "Liese" erklärt. Die Männer überführten für einen Onkel Autos und seien daher oft nicht zu Hause. Sie dagegen arbeite am Computer.

Es war die perfekte Camouflage. Diese Zwickauer Legende erklärte die unterschiedlichen Autos mit den unterschiedlichen Kennzeichen, die oft auf der Straße standen. Und die vier bis sechs Wochen langen Sommerurlaube, die sich keiner sonst in der Gegend hätte leisten können. Wo sie denn im Urlaub hinwollten, will der Vorsitzende Manfred Götzl wissen. "Na, an die Ostsee", antwortet der Hausmeister, denn sie hätten Surfbretter mitgenommen. Da musste man nicht fragen, wohin es gehen soll, ob vielleicht an die Nordsee oder die Adria. Ostsee, klar.

Worüber man sich unterhalten habe, drunten im Keller?, fragt der Vorsitzende. "Über nichts Politisches", antwortet der Hausmeister, noch ehe der Vorsitzende mit dem Satz zu Ende ist.

"Wir waren überrascht, wie wenig wir tatsächlich wussten"

Im Urlaub auf Fehmarn traf sich das Trio unter den Namen "Max", "Gerry" und "Liese" jedes Jahr, von 2007 bis 2011, mit einer Familie aus Hessisch Oldendorf, die seit Jahren auf dem Campingplatz Wulfener Hals einen Wohnwagen mietete. Kein ganz billiges Vergnügen bei Preisen von 100 bis 120 Euro pro Tag. Dort waren auch die beiden Uwes gesprächig. "Max, also Herr Mundlos", sagt der Familienvater als Zeuge, sei zum Beispiel gekommen und habe gefragt, ob jemand mit "Gerry" und "Liese" Doppelkopf spielen wolle.

"Wir unterhielten uns viel über die ehemalige DDR" und die "chaotische Wendezeit", sagt der Bauingenieur. Ihn habe interessiert, wie es in der Schule damals zugegangen sei und wie lange man auf ein Auto habe warten müssen. Im Nachhinein sei ihm aufgefallen, dass man zwar viel "gequatscht", aber nichts Persönliches erfahren habe. "Wir waren überrascht, wie wenig wir tatsächlich wussten."

Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe traten dort auf wie "drei Freunde, die sich schon seit ewigen Zeiten kennen". Wie "ein Team". Treffer für die Bundesanwaltschaft. Ein Team. "Gleichberechtigt" ergänzt später die Ehefrau des Zeugen.

"Ging es mal um das Thema Ausländer?", fragt Götzl. Nein, nie. Was fiel auf? Die Tätowierungen Böhnhardts? "Na ja, so was Gruseliges hatte der an Oberschenkel und Schulter, einen Totenkopf und einen Stahlhelm. Aber das war wohl eine Jugendsünde aus der wilden Wendezeit", erinnert sich der Zeuge.

"Frau Zschäpe war die Hauswirtschafterin", erinnert sich die Ehefrau des Zeugen. Sie habe die Wäsche gewaschen, den Salat geputzt, den Schaschlik gesteckt. "Max" sei für den Sport zuständig gewesen, "Gerry" fürs Handwerkliche. "Wenn mal eine Schraube fehlte, hatte der sie im Gepäck." Er, also in Wirklichkeit Böhnhardt, habe sich als Kurierfahrer vorgestellt; sein Vater habe einen Paketzustelldienst, habe er erzählt, und er arbeite dort. "Max" wiederum habe von seinem Vater, einem Informatik-Professor, erzählt und dass er mit "Liese" zusammen in die Schule gegangen sei.

"Wie leichtgläubig man doch ist"

Das Geld jedenfalls habe ihrem Eindruck nach "Liese" verwaltet, im Geldbeutel habe sie meist 400 bis 500 Euro gehabt. Die Männer hätten in die Urlaubskasse eingezahlt, über die "Liese" verfügt habe. Da sie immer sportlich-chic gekleidet gewesen sei, habe sie, die Zeugin, vermutet, dass sie in der Modebranche arbeite, Vollzeit.

Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl lässt der Begriff des Verwaltens keine Ruhe. Wann sei das bemerkt worden? Bei welchen Gelegenheiten? Woraus man darauf schließen konnte? Stahl fragt immer wieder das Gleiche, die Zeugen geben immer wieder die gleichen Antworten. Es sei klar gewesen, dass "Liese" eine "Gruppenkasse" verwaltete. Gleichberechtigung, immer wieder.

Man habe nicht vermuten können, dass sie mit einem der beiden Männer zusammen gewesen sei, sagt die Ehefrau. Eine andere Zeugin vom Campingplatz vermutet eine "innigere Beziehung zwischen Gerry und Liese", wegen gelegentlicher körperlicher Kontakte zwischen beiden. "Uns wurde erklärt: Gerry habe eine Freundin, die im Reisebüro arbeite und daher nicht habe mitkommen können. Und auch Max' Freundin wäre gern mitgekommen. Deshalb seien sie eben nur zu dritt gefahren." Daran erinnern sich mehrere Zeugen.

Als sie später Fotos von "Liese" im Internet sah, sei sie "geplättet und geschockt" gewesen, sagt eine der Zeuginnen vom Campingplatz. Sie sei sofort zur Polizei gefahren, die "mit uns noch gar nichts anfangen konnte". "Wie leichtgläubig man doch ist", sagt die Zeugin, "wie man hinters Licht geführt wird". Der Schock stecke ihr noch immer in den Gliedern.

Eine zweite Familie mit zwei damals 13 und 15 Jahre alten Töchtern machte ganz ähnliche Erfahrungen. Urlaub auf Fehmarn - das war für das Trio offensichtlich auch Urlaub von der Illegalität, vom Verstecken, vom Verschweigen. Da wurde viel ausgeplaudert und auch fabuliert. Die Mädchen verstanden sich vor allem gut mit "Liese" und redeten mit ihr übers Erwachsenwerden. Auf eine Frage von Rechtsanwalt Thomas Bliwier berichtet die Mutter, "Gerry" habe einem der Mädchen erklärt, wie man Bomben bastele. Und dass er viel Spaß dabei gemacht habe.

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