NSU-Prozess: Die Widersprüche der Zeugen

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Tatort in München: In diesem Laden wurde Habil Kilic 2001 erschossen

Habil Kilic wurde 2001 in seinem Münchner Gemüseladen erschossen, er soll das vierte Mordopfer der NSU-Terrorzelle sein. Vor Gericht äußerten sich Zeugen - und widersprachen Protokollen ihrer früheren Aussagen. Tücken der Erinnerung oder Fehler der Ermittler?

Nuran K. will nur schnell ein Brot kaufen, sie eilt in den Laden der Familie Kilic in der Bad-Schachener-Straße 14 in München-Ramersdorf, die Tür steht offen. Es ist der 29. August 2001, 10.40 Uhr. Ihr achtjähriger Sohn und dessen Freund kommen ihr entgegen, sie wollten Süßigkeiten kaufen, aber weder die Besitzerin noch ihr Ehemann Habil Kilic sind zu sehen.

Nuran K. betritt das Geschäft, sie hört ein Geräusch, hält es für die Kaffeemaschine in der kleinen Küche hinter der Theke, sie geht um die Vitrine mit dem Fladenbrot, ruft nach Habil Kilic. Dann erschrickt sie: Der 38-Jährige liegt röchelnd unter dem Verkaufstresen, in seinem eigenen Blut.

Habil Kilic ist eines von insgesamt zehn Mordopfern, für die der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) verantwortlich gemacht wird. Er starb an zwei Schädeldurchschüssen, wie der Rechtsmediziner und Gutachter Oliver Peschel am 30. Verhandlungstag vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG) resümiert.

"Es war grauselig"

Demnach erlitt Kilic zunächst einen Gesichtsdurchschuss und duckte sich weg, als ihn ein zweiter Kopfschuss von hinten traf. Laut ballistischem Gutachten des Waffenexperten Hans Luber vom bayerischen Landeskriminalamt gab es keine Nahschussspuren, die "für einen aufgesetzten Schuss" sprechen. Dennoch bezeichnet der damalige Chefermittler Josef Wilfling die Tat als "absolut professionelle Hinrichtung".

Nuran K., 46, Angestellte beim Statistischen Landesamt in München, erinnert sich an das damals Erlebte: "Die Kinder haben - Gott sei Dank - nichts gesehen", sagt sie. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl liest ihr aus einer früheren Vernehmung vor. Demnach sagte die dreifache Mutter damals: "Mein Sohn träumt jede Nacht von dem blutigen Gesicht und den großen Augen. Ich war auch schon beim Kinderarzt mit ihm." Nuran K. bestreitet vor Gericht, das je gesagt zu haben. "Die Jungs haben das nicht gesehen, ganz sicher nicht. Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben."

Nach dem Fund des schwer verletzten Kilic an jenem 29. August 2001 stürzt Nuran K. aus dem kleinen Laden, trifft auf den Postboten Holger H., dieser schickt sie zur hundert Meter entfernten Polizeistation. Er selbst alarmiert die Feuerwehr, kümmert sich um Kilic. "Es war grauselig", erinnert sich der 48-Jährige. "Er blutete aus Nase, Mund, Ohren, ich konnte gar keine Wunde erkennen."

Wo die Kinder gewesen seien, will Richter Götzl wissen. Kinder? Holger H. kann sich nur an ein Kind erinnern, den Sohn von Nuran K. "Der Junge war ganz bleich im Gesicht, ich schickte ihn raus, ich wollte nicht, dass er den Mann sterben sieht." Hat der Achtjährige Kilic gesehen? "Aber ja! Er hat ihn angestarrt."

Es bleibt nicht die einzige Ungereimtheit an diesem Verhandlungstag.

Anna S. wohnt in Kilics Nachbarschaft. Wenige Stunden nach dem Mord hatte sie sich bei der Polizei gemeldet, sie habe "Verdächtiges beobachtet". Vor Gericht erinnert sich die 67-Jährige daran, dass sie an jenem Vormittag ihre Wohnung im Hochparterre lüften wollte. Als sie ans Fenster trat, sah sie zwei Männer, die ihre Fahrräder an die Hauswand gelehnt hatten, wie sie sagt. "Ich wollte schimpfen, weil das macht man doch nicht: Die Räder gehören in den Ständer." Doch Anna S. schwieg, schloss das Fenster und scherte sich nicht weiter um die Unbekannten.

"Die waren ein anderer Schlag"

Dieser Augenblick war Anlass für die Kriminalpolizei, Anna S. zweimal zu befragen. Richter Götzl tat es am Mittwoch ein drittes Mal. Wieder beschreibt die Rentnerin, dass die Männer "schwarze Radl-Dress" trugen: kurze schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, schwarzer Rucksack. Sie habe beobachtet, wie sie sich Mützen aufsetzten und Fahrradhandschuhe anzogen. Beide seien zwischen 22 und 26 Jahre alt gewesen, hätten kurze, dunkle Haare gehabt. "Sie wirkten sehr gepflegt." Sie seien auf ihre Räder gestiegen und fortgefahren.

Das entspricht dem wohl typischen Verhalten von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei anderen Verbrechen: mit Fahrrädern zum Tatort, töten oder rauben, wegfahren. Doch die Fahndungsfotos der mutmaßlichen Rechtsterroristen und die Bilder, die Anna S. von den beiden Männern vor ihrem Fenster abgespeichert hat, sind nicht miteinander vereinbar.

"Gerade der mit den abstehenden Ohren, das wäre mir hundertprozentig aufgefallen", beteuert Anna S. Sie sei gelernte Schneiderin und sehe, "was passt und was nicht". Vielmehr habe sie die Männer für Osteuropäer gehalten, betont sie mehrfach. Woran sie das erkannt haben wolle, will der Nebenklage-Vertreter Yavuz Narin wissen. Sie sei Objektleiterin gewesen in einer Reinigungsfirma, in der viele Osteuropäer gearbeitet hätten. Sie kenne "die". Die Männer vor ihrem Fenster damals seien "keine Deutschen, keine Österreicher gewesen. Die waren ein anderer Schlag."

Bei ihrer ersten Befragung am Tattag hatte Anna S. allerdings zu Protokoll gegeben, die Männer hätten "ausländisch" ausgesehen. "Es könnten Türken gewesen sein." Am Mittwoch tut die 67-Jährige empört, als sie mit dieser Aussage konfrontiert wird. Das habe sie nie gesagt.

Suche nach Radfahrern - als Zeugen

Ebenso wenig will sie bei einer zweiten Befragung im Dezember 2005 gesagt haben, dass die beiden Unbekannten westeuropäisch ausgesehen hätten. "Wenn ich finde, die sehen osteuropäisch aus, sage ich nicht westeuropäisch", betont Anna S. Doch exakt diese Bemerkung findet sich in dem damaligen Vernehmungsprotokoll. Was stimmt nun?

Sie habe Habil Kilic gekannt, habe dort immer eingekauft, so wie sie da heute noch einkaufe, sagt Anna S. vor Gericht. "Sind Sie sicher, dass Sie dort eingekauft haben?", fragt Richter Götzl. "Natürlich", sagt die Rentnerin und lacht verlegen. In der Befragung kurz nach der Tat hatte sie jedoch ausgesagt: "Ich habe da nie eingekauft."

Auch sagte sie damals, einer der Männer habe ein Headset getragen. Die Polizei vermutete, damit hätten die Männer Kontakt zu einer dritten Person gehalten. Doch das Wort "Headset" will Anna S. nie verwendet haben, sagt sie am Mittwoch. Wie kommen ihre Aussagen ins Protokoll? Sind diese Zeugen unzuverlässige Hinweisgeber? Haben etwa Ermittler eigene Eindrücke in ihre Aufzeichnungen einfließen lassen?

Verhängnisvollerweise wurden die Radfahrer direkt nach der Tat als potentielle Zeugen geführt und als solche in die Fahndung einbezogen. Auch als sie sich nicht meldeten, wurde an dem Status nichts verändert. Offensichtlich konnten sich die Ermittler nicht vorstellen, dass die Radfahrer auch die Täter sein könnten. Stattdessen gingen die Beamten Hinweisen in Richtung Organisierter Kriminalität und kurdischer Separatistenpartei PKK nach. Deutsche Rechtsextremisten als Täter kamen ihnen nicht in den Sinn.

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