NSU-Prozess zum Anschlag in Köln Inferno aus der Dose

2001 öffnet eine junge Frau in einem Kölner Getränkemarkt eine Christstollendose - und ein Sprengsatz detoniert. Die 19-Jährige überlebt schwer verletzt. Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt sollen verantwortlich sein. Doch wie kamen sie auf den Laden?

Von , München

Tatort in der Probsteigasse: Explosion am frühen Morgen
Peter Arnold Käsmacher

Tatort in der Probsteigasse: Explosion am frühen Morgen


Gegen sieben Uhr morgens öffnete Mashia M. eine Metalldose für Christstollen - darin: eine Druckgasflasche, gefüllt mit einer Schwarzpulvermischung. Die 19-Jährige schloss den Deckel sofort wieder, doch es war zu spät, der Sprengsatz explodierte.

Der Anschlag der mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in der Kölner Probsteigasse am 19. Januar 2001 ist im NSU-Prozess das Thema dieser Woche. Die "unkonventionelle Sprengvorrichtung", wie Experten sie nennen, löste eine gewaltige Explosion aus. Sie legte den Geschäftsraum vom "Lebensmittel Getränkeshop Gerd Simon" in Schutt und Asche. Die Fenster des Raumes gingen zu Bruch, die Decke stürzte komplett herab.

Mashia M. erlitt durch eine Stichflamme schwere Verbrennungen im Gesicht und an der rechten Hand und musste mehrere Wochen lang auf einer speziellen Schwerstverbrannten-Station im Krankenhaus verbringen. Außerdem erlitt sie durch umherfliegende Splitter Schnittverletzungen im Gesicht, an den Armen, an einer Hand und den Beinen. Am Mittwoch wird sie als Opfer-Zeugin in München aussagen.

Wie kam der Täter auf den Laden?

Fotos vom Tatort zeigen ein Bild der Verwüstung, die sich bis in den Hinterhof des Anwesens ausdehnte. "Wer sich in dem Raum aufhielt, als die Dose explodierte", sagte der damalige Ermittlungsleiter am Dienstag als Zeuge vor Gericht, habe mit einer tödlichen Wirkung der Metallsplitter rechnen müssen. "Oder zumindest mit schweren Verletzungen." Dass Mashia M. überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

Der Anschlag in der Probsteigasse ist gekennzeichnet von mehreren Merkwürdigkeiten. Denn von außen, so ein Zeuge vor Gericht, sei nicht erkennbar gewesen, dass das Geschäft von einer Familie aus dem Iran betrieben wurde. Auch befinde sich die Probsteigasse nicht in einem Stadtteil mit besonders hohem Ausländeranteil. Sie verläuft als Einbahnstraße von der Altstadt in Richtung Gereonswall, über den der Hansaring als eine der Kölner Hauptverkehrsstraßen zu erreichen ist. Der oder die Täter müssen also gewusst haben, wo sie die Sprengstoffdose platzierten.

Laut Anklage soll entweder Mundlos oder Böhnhardt an einem Tag vor Weihnachten den Laden betreten haben, in der Hand einen Weidenkorb mit einer Tüte Erdnussflips und einer roten, mit weißen Sternen verzierten und einem blauen Geschenkband versehenen Dose, in der üblicherweise Stollen aufbewahrt werden. Der Täter habe, so die Anklage, verschiedene Waren ausgewählt, darunter eine Flasche Jack-Daniels-Whiskey, und sie in den Korb gelegt. An der Kasse habe er vorgegeben, seinen Geldbeutel vergessen zu haben. Mit der Bemerkung, er wolle diesen aus seiner nahe gelegenen Wohnung holen, habe er den Laden verlassen und den Korb zurückgelassen.

Besuch vor Weihnachten

Am Tag darauf habe die Frau des Inhabers jenen Korb nach hinten in einen Aufenthaltsraum gestellt, weil er im Laden störte. Die Tochter der Familie habe mehrfach aus Neugier die Dose öffnen wollen, was die Eltern aber zunächst verhindert hätten. Bis zum 19. Januar 2001.

Die Ermittler fanden heraus, dass das Fahrzeug, mit dem Böhnhardt und Mundlos damals unterwegs waren, offenbar von dem Mitangeklagten André E. am 19. Dezember 2000 angemietet wurde. Der Besuch des Mannes mit dem Weidenkorb fand demnach unmittelbar vor Weihnachten statt.

Rechnete der Unbekannte damit, dass ein Familienmitglied die Dose öffnen würde? Hätte der Korb nicht auch mitsamt des Inhalts entsorgt oder zur Polizei gebracht werden können? Hätte es dann nicht Opfer gegeben, die zu den Zielen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" nicht gepasst hätten? Oder kam es nicht auf die Nationalität der Opfer an? War es vielleicht eine spontane Entscheidung, als der Kunde mit dem Weidenkorb merkte, dass der Laden von Ausländern betrieben wurde? Oder war der Anschlag nur ein Test, wie das Töten besser, leichter und sicherer funktioniert? Im September 2000 hatte der NSU auf den Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek eine ganze Salve von Schüssen abgegeben, die den Mann gleichwohl nicht sofort töteten. Er starb erst zwei Tage später im Krankenhaus.

Geschäftsinhaber erinnert sich an blonde Locken

Am Tatort Probsteigasse arbeiteten die Ermittler mit großer Sorgfalt, was auffällig im Gegensatz steht zu den eher halbherzigen Überlegungen zum Hintergrund der Tat. Warum wurde die Mordkommision nicht eingeschaltet? Eine Frage, die vor Gericht unbeantwortet blieb.

Von Opfer-Anwälten gefragt, ob sie damals auch an ein Attentat mit rechtsterroristischem Hintergrund gedacht hätten, erklärten Kripobeamte als Zeugen vor Gericht, man habe die Sache rasch "an den Staatsschutz" abgegeben, da die Polizei "über keinerlei Hintergrundwissen" verfügt habe. Man habe über das Motiv des Unbekannten gerätselt.

Von einem ähnlichen, allerdings weniger folgenreichen Rohrbombenanschlag in Nürnberg im Jahr 1999 habe man nichts gewusst. Bei diesem Anschlag in einem Lokal war eine Hilfskraft nur leicht verletzt worden, weil es den Attentätern offensichtlich noch an Kenntnissen fehlte, wie man eine Rohrbombe zur Detonation bringt. Es besteht der Verdacht, dass auch für diesen Anschlag Böhnhardt oder Mundlos oder beide verantwortlich sind.

Von dem Mann mit dem Weidenkorb wurden damals zwei Phantombilder gefertigt. Der Geschäftsinhaber erinnerte sich nämlich an einen 25 bis 26 Jahre alten jungen Mann, schlank, höchstens 1,80 Meter groß, mit lockigen blonden Haaren. Weder Böhnhardt noch Mundlos aber hatten blonde Locken. Tarnung? Dass die NSU-Täter nicht nur Helfer und Unterstützer gehabt haben müssen, sondern dass möglicherweise weitere Personen in die Mordanschläge eingeweiht gewesen sein könnten - diesen Verdacht nährt unter anderem auch die Tat in der Probsteigasse.

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